Fortsetzung v. Freitag, 18.11.2016; Im Dickicht der Zeichen; Nora Meranes 1. Fall, ein Krimi

von Annelie Kelch
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Offenbar wusste Jensen, dass Marc im besagten Hochhaus eine Wohnung besaß, anderenfalls hätte er nicht sein Küchenfenster nahezu zielsicher ins Auge gefasst – als wolle er prüfen, ob ich in den Finstergang hinabschaue. Oder hatte ich mich getäuscht? -

Ich machte einen Umweg, um nicht ein zweites Mal an Jensen vorbei zu müssen, lief um den Häuserblock hinter der Schule und dann, nach vier, fünf Ecken, den kleinen Weg neben dem Teich am Wasserturm zur Burgstraße hinunter.

Die beiden Streifenwagen waren fort und auch der Kleinbus, der zu den Leuten von der Spurensicherung gehörte, parkte nicht mehr am Straßenrand. Mein Wagen stand einsam und verlassen an der Bordsteinkante des Bürgersteigs und fiel ins Auge, obwohl ihm nichts Auffälliges anhaftete: ein älterer Ford Fiesta, metallic-blau, mit Leichtmetallrädern; aber die Gegend wirkte ungemein solide, und ich dachte an die nette schlanke Frau im fortgeschrittenen Alter, die früher jeden Tag mit ihrem Dackel in der Burgstraße spazieren ging und in einem der wenigen Häuser hinter dem Graben lebte, der sich fast bis nach Blumenau erstreckte. Zu den Häusern führten kleine Brücken hinüber, was hübsch aussah und an Grachten erinnerte – im Mini-Stil: Klein Amsterdam.

Während der Fahrt zum Revier musste ich die ganze Zeit an die die Aussage des Zeugen Kollberg denken, die jene tüchtige Sekretärin, von der Mark in den höchsten Tönen geschwärmt hatte, gewiss schon runtergeschrieben hatte. Ich versprach mir zwar nicht allzu viel von dieser Aussage, aber man konnte nie wissen … irgendein winziges Detail, über das nachzudenken sich lohnte, könnte dem Zeugen aufgefallen sein, mal ganz davon abgesehen, dass ich verpflichtet war, Zeugenberichte gründlich zu studieren.

„Zeugen“, hatte Frank einmal abfällig geäußert. „Das meiste, was die von sich geben, kannst du in die Tonne treten. Die Mehrzahl kommt sich unheimlich wichtig vor. Wenn du wüsstest, Nora, wie vielen falschen Hinweisen ich während meines Berufslebens schon nachgegangen bin und was mich das für Zeit gekostet hat. Ich verlasse mich im Zweifelsfall auf meinen Instinkt; damit bin ich bisher am besten gefahren.“

Ach ja, 'Walters' hieß die Frau, die für die Tatortbefundberichte und Vernehmungen zuständig war, schoss mir plötzlich in den Sinn. Ich vermutete, dass sie zwischen zwanzig und fünfunddreißig und bildhübsch war, seltsamerweise konnte ich mir Marcs Enthusiasmus nicht anders erklären. Das muss irgendwie mit unserer Spaß-Gesellschaft, fit for fun, zusammenhängen, dachte ich.

Meine Gedanken wanderten zurück zu Marks Appartement und mir fiel mit einem Mal auf, dass auch meine Wohnung im zehnten Stock eines Hochhauses lag. Ich fragte mich, ob das lediglich ein Zufall oder gar ein Zeichen, ein Wink des Schicksals, sei.
Let it be, Nora, sei nicht albern, brachte ich mich gleich darauf zur Räson.

Ich parkte auf dem kleinen Betriebsparkplatz neben dem Revier und ging ins Haus.
Marcs raue Stimme drang durch die geschlossene Tür des Wachraums, und ich fühlte mich an unsere Schulzeit erinnert; mir war mit einem Mal zumute, als sei ich endlich angekommen – nach einer langen, langen Irrfahrt.

PM Hansen und sein jüngerer Kollege saßen an ihren Schreibtischen und lauschten andächtig Marcs Bericht über den ungewöhnlichen Mord an einer jungen Frau, die er aus seiner Schulzeit kannte.

„Nora Merane“, sagte Marc, nachdem ich den Raum betreten hatte und 'Hallo allerseits' gerufen hatte.
„Nora ist eine ehemalige Schulkameradin aus Wasserburg, Kollegen.
Und dieser lange Blonde aus dem Norden ist Polizeimeister Knut Hansen; den kennst du ja bereits. Nora.“
Ich nickte zu Hansen hinüber, der mich freundlich anlächelte.

„Und last but not least stelle dir auch noch unseren jüngsten 'Bullen' vor.“ Er deutete auf Hansens jüngeren Kollegen, der rot wurde und mir verlegen die Hand schüttelte.

„Das ist Polizeimeister Domenik Nielsen. Nielsen wie Asta, die dänische Aktrice; wir nennen ihn kurz und schmerzlos Dom – wie ...“ -
„Hamburger Rummel“, fiel ich Marc ins Wort und lächelte dem sympathischen Polizeimeister zu, der aussah, als sei heute sein erster Arbeitstag – nach einem langen, langen Urlaub.
„Falsch, Nora“, griente Marc, „wie der aus Köln.
'Dom' kommt übrigens aus dem Ruhrpott.“

„Und ich glaubte, er sei Südeuropäer“, sagte ich.

„Seine Mutter ist Italienerin“, gab Marc zur Antwort. „Und jetzt fragen wir Frau Walters, ob sie die Zeugenaussage von Kollberg schon geschrieben hat.“

Er zog mich in den Flur und fragte: „Wo zum Teufel bleibt dieser Jensen schon wieder?“

„Ich weiß es nicht, Marc. Als ich in deinem Appartement aus dem Küchenfenster schaute, war er noch im Finstergang – und blickte zu mir hinauf, was mir sonderbar vorkam“, sagte ich. „Die Männer von der Spusi sind auch schon abgefahren.“

„Die sind in Ordnung“, sagte Marc. „Aber dieser Jensen ...“

Er öffnete die Tür neben der Wache und ließ mich vorangehen. Vor dem Fenster, leicht vorgebeugt und uns den Rücken zugewandt, saß eine grauhaarige Frau an einem weiß lackierten Computertisch. Sie trug einen Kopfhörer und schrieb ganz offensichtlich vom Band. Man hört dann nichts anderes. Das wusste ich aus Erfahrung, weil ich im Einbruchsdezernat meine Tatortbefundberichte oft selbst übertragen hatte.
Marc tippte ihr auf die Schulter; sie wandte sich zu uns um und nahm den Kopfhörer ab.
„Das ist unsere gute Frau Walters, Nora, und diese junge Frau ist KK Merane, mit der ich in Wasserburg eine Weile zur Schule gegangen bin.“. Frau Walters strahlte mich an und gab mir ihre Hand.
„Ach, Sie sind das“, lachte sie. „Marc hat mir so viel von Ihnen erzählt.“
„Hoffentlich nur Gutes“, sagte ich.
„Nur Gutes, Frau Merane“, versicherte Frau Walters. Sie mochte auf die sechzig zugehen, war ein wenig korpulent und hatte ein freundliches Gesicht mit schönen braunen Augen.
„Hast du die Aussage des Zeugen Kollberg schon fertig, Thea?“, fragte Mark.
„Klar“, sagte Thea Walters. „Schon längst. Gibt aber nicht viel her, fürchte ich.“

„Wir fahren jetzt nach Hellerburg, holen ein paar Sachen von Nora ab, sie wohnt nämlich während unserer Ermittlungen in meinem Appartement, und auf dem Rückweg schauen wir uns Brendas Wohnung genauer an. Wäre doch gelacht, wenn es dort keine Spur gäbe, die uns zum Täter führt.“

„Ach“, sagte Thea Walters und sah Marc und mich forschend an, „Sie wohnen in Marcs Appartment - in diesem Hochhaus, das ganz in der Nähe des Tatorts liegt?“

„Fundort“, Thea. „Dort ist lediglich der Fundort von Brendas Leiche. Und ja, Nora wohnt in meinem Appartement, und ich begebe mich ins Altersheim zu meinem Bruder.“

„Da gehörst du auch hin, Marc“, griente Thea Walters und überreichte ihm die Zeugenvernehmung.

Marc gab sie sofort an mich weiter. „Die kannst du im Auto lesen, Nora“, sagte er.

Draußen fragte ich ihn, ob es seit jeher seine Art sei, über die Köpfe seiner Mitarbeiter zu entscheiden. 'Lassie' pflegte fast alles mit uns vorher abzusprechen, und wir waren ihm dankbar dafür.

„Ich wollte eigentlich zuerst Brendas Wohnung sehen“, sagte ich. „Das hat absoluten Vorrang. Meine Sachen sind nicht so wichtig.“
„Wir reden gleich darüber, Nora. Ich hole schon mal zwei Schutzoveralls. Welche Größe hast du, 36/38?“
„Ja“, sagte ich, „beeil dich bitte!“

Als wir in Marcs alten BMW steigen wollten, bog PM Jensen mit seinem Renault in den Hof. Mark wartete, bis er seine Autotür geschlossen hatte und ging zu ihm rüber.

„Wo waren Sie denn so lange, Jensen?“, fragte er. „Und vor allem, wie sehen Sie aus, Mann. Sind Sie in den Finstergraben gefallen?“
Jensen war von Kopf bis Fuß mit Schlammspritzern bedeckt.

„Nein, Chef, ich habe noch nach Spuren gesucht. Die Spurensicherung, ja, da waren doch nur drei Leute diesmal, weil einer zur Kur ist und der Apfelgarten ist so weitläufig, das muss man doch ...“

„Gehen Sie duschen, Jensen, und fragen Sie Hansen, ob er sie irgendwo einsetzen kann“, sagte Marc wütend.

„Immer dasselbe mit dem Kerl. Ich glaub' dem kein Wort“, sagte Marc, als wir endlich im Auto saßen.

„Mach dir keine Sorgen um Brendas Wohnung. Ich habe da eine absolut zuverlässige Wache – vom Siegel einmal ganz zu schweigen, das eh peanuts ist. Ihr Nachbar war ein ehemaliger Bulle. Der passt auf, dass da keiner reintrampelt.“

„Woher willst du wissen, dass der unschuldig ist?“, fragte ich wütend. „Selbst Polizeibeamte machen mal Fehler, erst recht, wenn sie nicht mehr im Dienst sind.“

„Ruh' dich jetzt ein wenig aus, Nora“, erwiderte Marc und schaute mich mitleidig von der Seite an, als ob ich nicht mehr urteilsfähig sei.
„Das war doch heute starker Tobak für dich“, fuhr er fort. „Die Tote, unsere Brenda, ich, den du hoffentlich all die Jahre über sehr vermisst hast, und dann dieser mysteriöse Finstergang. Das haut die stärkste Kommissarin aus den Socken. - Oder lies in aller Ruhe die Zeugenvernehmung. Frau Walters hat sich extra wegen dir damit beeilt.“

„Hah!“, machte ich.

„Ich habe übrigens mit Stefan telefoniert. Er sagte, er denke gar nicht daran, dich vom Fall abzuziehen. Du sollst den Mord an Brenda aufklären und ich soll dir dabei helfen. Gott sei 's getrommelt und gepfiffen, ich habe nämlich ziemlichen Zoff mit Frank“, sagte Mark, bevor er Gas gab.

„Ach ja?“, ich tat erstaunt. „Weshalb denn, Marc?“

„Erzähle ich dir vielleicht später mal“, lenkte er ab und kam aufs Angeln zu sprechen, dem er hin und wieder frönte.

„Wo liegt dieses Bendingerode, wo Brenda zuletzt gewohnt hat, eigentlich? - Sehr weit von Weidenbach entfernt?“, fragte ich nach einer Weile.
„Nein“, gab Marc zur Antwort. „Mit dem Fahrrad dauert es keine halbe Stunde bis Weidenbach. Brenda ist jeden Tag mit ihrem Vehikel zur Arbeit gefahren, selbst bei schlechtem Wetter. Die Busse fahren ziemlich unregelmäßig und fallen mitunter ganz aus. Ja, hast du denn nicht im Atlas nachgeschaut? Du hast ihr doch von Zeit zu Zeit Karten geschrieben. Sie war immer ganz happy, wenn ...“

„Du hattest näheren Kontakt zu Brenda?" fiel ich ihm erstaunt ins Wort. „Weshalb erfahre ich das erst jetzt? Du hast mir doch erzählt, es sei schon ewig lange her, dass du sie zuletzt gesehen hast.

Marc schluckte.

Fortsetzung folgt am kommenden Dienstag, den 22. November 2016

Interne Verweise

Kommentare

20. Nov 2016

Die Spannung hält sich, baut sich auf -
Gern nimmt der Leser dies in Kauf!
(Krause weiß schon, wer es war:
"Die Sekretärin! Det is klar!")

LG Axel

20. Nov 2016

Krause irrt,
verwirrt
mich total, wird noch jammern:
Vielleicht war es die Putzfrau
aus den Asservatenkammern.

LG Annelie