Der Sturm

von Jürgen Wagner
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Auf seiner Schulter ein Sack Mehl
Er gab sich selber den Befehl
Zu seinem weiten Weg nach Haus
Schon bald hob an ein Windesbraus

Der tobte, stürmte um ihn her
Er lief und kämpfte, doch ein Heer
Naturgewalten waren hier
Die drängten, schlugen, fällten schier

Den guten Mann, der hoch erregt
Auf einmal stillstand, tief bewegt
Die Mütze zog und neigte sich
Er rief gerad'zu feierlich:

‚Ich grüße Dich, liebe Frau Hull
Mit Deinem ganzen wild Gezull!‘
Ein Segen kam ihm leis zurück
Er fand nach Haus – und fand auch Glück

Das Mehl ging ihnen nie mehr aus
Ein Wohlstand kam ins arme Haus
So oft die Frau gebacken hat
Gab's immer Brot – für alle satt

Für unsere Vorfahren, die nicht in modernen Häusern wohnten, waren insbesondere die Winterstürme von übermenschlicher und unglaublicher Gewalt. Diese Haibacher Sage vermutet, dass die (Frau) Holle mit ihrem Gefolge verstorbener Seelen in diesen stürmischen Nächten wohl unterwegs war.Das Motiv, dass der Mehlsack fortan nimmermehr leer geworden sei, so oft seine Frau auch gebacken hat, kommt auch im Alten Testament vor (1. Könige 17/1ff).

Veröffentlicht / Quelle: 
Aus 'Frau Holle - eine Würdigung', Berlin 2016
© Maria Khan
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Kommentare

Adelheid
18. Mai 2016

Sich dem Leben öffnen, wie es ist und sich ehrfürchtig vor den dahinter stehenden Mächten verneigen - diese meisterhafte Ballade bringt es uns im Kleid einer alten Sage rund um die Frau Holle eindringlich nahe. Uns, die wir immer Missstände energisch ändern wollen und meinen, alles "machen" zu können.

Wie sehr brauchen wir solche Geschichten!
Wie sehr brauchen wir solche Gedichte!
DANKE!

18. Mai 2016

Ich glaube, das geht erst im reiferen Alter. Als Jugendlicher bin ich mal 10 km im Regen und Sturm auf dem Fahrrad nach Hause gefahren - da haben sich die Tränen und die Verzweiflung fast eine Stunde lang mit dem Regen und dem Wind vermischt. Heute könnte ich das auch, pitschepatschenass mich vor dem Regen verbeugen, der doch alles tränkt und erhält. Beim Sturm ist es nicht immer möglich: der hat manchmal eine Wucht, die absolut bedrängend und zerstörerisch ist. Aber dieses über sich Hinauswachsen in dieser Geschichte ist es, was ich so schätze: dass man das erkennt und ehrt, was eigentlich nicht gegen einen selbst gerichtet ist, obwohl es einen fast umwirft. Danke für die Übertragung auf soziale Bereiche - da gibt es durchaus Analogien. Mit herzlichen Grüßen und Dank! Jürgen Wagner