das Dorf vor der Stadt

Bild von Dirk Tilsner
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seh ich noch manchmal vor mir:
der Mono-Ton der Häuschen links und rechts mit
aufgeplatzter Haut und eingefallenen Augen im Spiegelbild
der Pfützen, die die Straße längst unter
sich aufgeteilt hatten.

Dort quetschte sich der Zug hindurch, an Rädern
jeder Größe, Tiere, Stiefel … Stiefel (alle gleich
verdreckt), vorbei am Konsum, der verqualmten Schenke
(voller Stiefel) und in der Nase kämpften Schwein und Schweiß
mit LPG-Benzin um ihre Vorherrschaft.

Wir lachten über die vom Dorf; wir aus der Stadt waren
doch viel fortgeschrittener und gewannen stets
mit Zehn zu Null.

Wie es die Zeit ent-wickelte!

Nun spiegelt sich auf dem Asphalt die
Mittelklasse, hochglanzpoliert, und mit Solardach
sind die Häuschen heute so behaglich, dass
sie keiner mehr verlässt. Selbst Kinder nicht.

Die Schenke trägt jetzt einen kaiserlichen Namen.
Auf ihrer schattigen Terrasse aalen sich
ein Köter und ein Spatz. Sogar der Handel
hat sich raus-gemacht: ein Schild verkündet
„Spargel hier“. Drei weitere
ebenso.

Zwei Skelette auf dem alten Bolzplatz versichern:
dieses Dorf verliert kein Fußballspiel!

Überhaupt ist es der Stadt voraus.
Richtung Berlin. Um drei Kilometer.

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Interne Verweise

Kommentare

14. Mai 2021

So ent-wickelt sich die Zeit:
Die Speckgürtel längst eingeweiht …

Liebe Grüße
Soléa

15. Mai 2021

Hallo Soléa
Den Speckgürtel hatten vor allem die Damen vom Land aber damals schon :)
Nun gut, demnächst radle ich da wieder mal durch. Freue mich jetzt schon drauf.

LG
Dirk

14. Mai 2021

Ein Stück Erinnerung, das unter die Haut geht ...

liebe Grüße - Marie

15. Mai 2021

Hallo Marie
Das Dorfsterben ist ja überall ein Phänomen, nicht nur im Osten. Natürlich will niemand mehr das alte LPG- Dorf zurück, und 'schöner' im eigentlichen Sinne ist es heute ja. Landwirtschaft gibt es sicher noch und kann auch nur mit Technologie (sprich: weniger Arbeitskräften) konkurrenzfähig bleiben. Dennoch ist die Ruhe befremdend. Im Dorf vor der Stadt wohnen jene, die sich das Eigenheim in der Stadt nicht leisten konnten bzw. wollten.

Es ist wie in einer früheren Version dieses Gedichts, mit einem Vergleich des zurückgebliebenen Schneckenhauses: bunt und leer.

LG
Dirk

15. Mai 2021

Ein Vor-Ort (Vorort). Was ist das eigentlich ?
HG Olaf

15. Mai 2021

Hallo Olaf
Eingemeinded wurde das Dorf (eines der Dörfer im Umkreis, es gibt ja mehrere) noch nicht. Dazu müsste die Stadt selbst wachsen. In Schulzeiten, also vor der Wende, hatte sie etwa 27.000 Einwohner. Heute (Stand 2019) circa 20.500. Also etwa ein Viertel weniger. Nicht gerade unerheblich.

LG
Dirk