Hahnenbalz

von Erich Vio
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Wie schlug mein Herz im ahnungsvollen Dunkel
des Tannenwaldes. Breit im späten Schnee
Wolfsspuren. In den Wipfeln das Gefunkel
der Sterne; nah ein aufgescheuchtes Reh,
und in der Stille unsre weichen Schritte.
Plötzlich ein Laut: ein gaumenhartes Schnalzen,
sich überhastend, stammelnd, eine Bitte;
ein dringend sprudelnd unbeherrschtes Balzen
verkündet hoch im Morgengraun den Hahn
auf seinem Baum: gespreizt in Fächertanz
und Flügelschauder, wie toll im Liebeswahn.
Darunter ich, ein Kind, ein weiter Kranz
der Schöpfung. Welch ein Segen der Natur:
Das Schweigen in der Wälder Säulentempel,
mein banges Zögern vor der Wölfe Spur,
der scheue Vogel, prägten ihren Stempel,
so tief in mein Gemüt, daß ich auch jetzt
als alter Mann bereit bin zu versinken
in diesem Waldidyll, um bis zuletzt
des Lebens sehnsuchtsschweren Saft zu trinken.
Entschwunden ist des Jägers Mörderlust.
Ich bin, wie er, gebannt, vom Gott betört.
Welch Leidenschaft in der gesträubten Brust.
Den Fehlschuß hätt er sicher überhört.
Die Gipfel zeichnen sich im zarten Hauch
der Morgenröte vor dem ersten Strahl.
Dann streicht er ab. Leicht schauern Baum und Strauch.
Mein Herz pocht stärker als beim ersten Mal.

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