Der freundliche Herr Sonnenschein

von Gherkin Green
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„Er heißt nicht nur so, er trägt ihn auch im Herzen!“ So spricht man allgemein über den freundlichen Herrn Eike Sonnenschein. Ein alleinstehender Herr, Endvierziger, stets korrekt gekleidet, immer ein Lächeln auf den Lippen, nach links und rechts grüßend, ein Mann mit Stil und Klasse, den man im Viertel sehr gut kennt.

Wir befinden uns bei Meppen, Niedersachsen. Ein kleiner Ort, man kennt sich hier. Zur Nachbarschaft hat man generell ein enges Verhältnis. Man hilft sich, Meppen selbst ist nah, Einkaufsmöglichkeiten sind also gegeben. Die Einwohner scheinen alle recht nett zu sein. Man hat keine Vorurteile oder versucht jedenfalls, sie in den vertretbaren Grenzen zu halten, und so ein Klönsnack auf der Straße ist eine feste Größe im Verlauf eines Tages. Hier begegnet man vor allem einem Menschen gern.

Er trägt stets einige Süßigkeiten bei sich, um sie, bei Bedarf und Gelegenheit, an die Kinder der Nachbarschaft zu verteilen. Die sind in der linken Tasche. In der rechten trägt er die Leckerlis für die Hunde. Alle mögen den netten Mann. Mal trägt er die schwere Einkaufstasche der alten Frau Scheinveld in den 2. Stock, mal hievt er den Rollator des bärbeißigen alten Käptns in den 3. Stock, kein Mensch könnte auch nur im Ansatz etwas Schlechtes über Herrn Sonnenschein sagen. Wenn sich die Leute auf der Straße trafen, und die Rede auf Herrn Eike Sonnenschein kam, fielen Begriffe wie Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und „Kiez-Engel“. Er selbst wohnt unterm Dach, im 5. Stock. Man hört nie etwas von dort oben. Niemals laute Musik, keine störenden Geräusche, mitunter waren sich die Nachbarn gar nicht so sicher, ob er überhaupt zuhause ist. Er schien den Beruf des Reisevertreters auszuüben. Niemand wusste Genaueres. Mit einem Köfferchen verließ er das Haus, kam Tage später zurück. Die alte Frau Scheinveld meinte, der Mann würde sie an Pan Tau erinnern, diesen Mann mit der Zauber-Melone, aus einer tschechischen Fernseh-Serie. Immer liebenswert und sehr nett.

Er ist ein sehr akkurater Mensch, dieser Eike Sonnenschein. Auf dem Ehebett, exakt vorbereitet für den nächsten Tag, liegen alle Kleidungsstücke parat, penibel, sauber und glatt angeordnet. Es sind genau 9 Teile, die auf der rechten Seite des Ehebettes aufgereiht bereit liegen. Im linken Bett schläft Herr Sonnenschein. Offensichtlich gibt es hier keine Frau Sonnenschein (mehr). O ja, falls Sie gerade in Gedanken all diese Kleidungsstücke durchgegangen sind - sicherlich sind Sie nur auf 7 Teile gekommen. Ich gebe zu bedenken: Die Jacke hängt ordentlich am Kleiderbügel, neben dem Schrank, die Schuhe sind, selbstverständlich, vor dem Bett zu finden, blank gewienert. Das Köfferchen, was mag es nur bergen?, direkt neben den Schuhen.

Was also liegt da, auf dem Bett, an 8. und 9. Stelle? Es ist das Einstecktuch für das Jackett (täglich neu), außerdem liegt der Hut bereit. Man kann das für ein wenig bis mittelstark exzentrisch halten. Aber es ist einfach nur ein Ritual, an dem er seit Jahren festhält. Rituale bestimmen sein Leben. Er muss, zwangsgesteuert, den Schlüssel im Schloss zwei mal nach links und dann zwei mal nach rechts drehen. Er muss stets mit seiner linken Hand zuerst einen Gegenstand berühren, bevor er ihn mit der rechten dann aufnimmt. All das kompliziert sein Leben ungemein. Zwangsneurosen kreieren 1000 Rituale, Marotten, Spleens und Tics. Eine besonders ausgeprägte Neurose dieser Art finden wir bei jenem möblierten Herrn unterm Dach.

Herrn Eike Sonnenscheins Hobby ist die Fotografie. Er liebt es sehr, ins benachbarte Holland zu fahren und dort, besonders im Frühjahr, ab Mitte April, Noordoostpolder, östlich vom IJsselmeer bei Emmeloord, zu besuchen. Ein Tulpen-Meer erwartet ihn hier, das sein Herz jedes Jahr aufs Neue deutlich höher schlagen lässt. Auch sein Lieblings-Park ist im grenznahen Bereich, in Holland, zu finden, keine 60 Autominuten entfernt. Heute, gerade heute, sollte er dort sein, denkt Eike Sonnenschein. Die Sonne scheint schön, die Vögel zwitschern, alle Menschen sind gut gelaunt und fröhlich. Ab nach Giethoorn (Provinz Overijssel), denkt er und schließt seine Haustür ab, zwei mal nach links und zwei mal nach rechts. Dann tritt er seine teuren Schuhe auf der Eingangsschmutzfangmatte ab, ob er nun kommt oder geht, das ist immer das gleiche Ritual, links 3 x und rechts auch 3 x. Erst dann kann er starten.

In het koninklijke Sluipschutters Park (Im königlichen Scharfschützenpark) Giethoorn, den man nur mit einem Boot erreichen kann, denn Straßen sucht man im „Venedig Hollands“ (oder Venedig des Nordens) vergebens, zückt Sonnenschein die Kamera, eine 20 MP Neck Strap YI Technology M1 95013 spiegellose System-Digitalkamera, um diverse Momentaufnahmen einzufangen. Schwirrende Frisbees, verspielte Kinder und verliebte Pärchen. Dazu die Flora und Fauna. Eike schoss etwa 20 Fotos, sein geschultes Auge nimmt ein besonders lohnendes Objekt wahr. Er nimmt die nur 281 Gramm schwere Kamera mit der rechten hoch, nachdem er sie mit der linken Hand kurz angetippt hatte, tritt einen Schritt zurück, und schrickt zusammen, weil da unter ihm ein entsetzliches Jaulen und Fiepen zu hören ist.

Sofort entsteht Tumult. Ein wütender Mann zieht seinen Dackel von E. Sonnenschein weg. Dieser war dem armen Tier auf die rechte Vorderpfote getreten. Der Hund jault noch immer, hält die Pfote hoch, sieht jammernd sein Herrchen an. Es gibt wohl keinen herzzereißenderen Anblick als ein gequälter und tief verletzter Dackelblick. Eike ist sehr bestürzt, beschwichtigt den Dackelbesitzer in bestem Niederländisch, kniet neben dem Hund auf den Boden nieder, streichelt ihn sehr vorsichtig und flüstert ihm zu, wie leid es ihm doch täte, ihn verletzt zu haben. Aus der rechten Jackett-Tasche zieht er ein besonders gutes Leckerli heraus, muss dabei aber sehr umständlich, was den holl. Dackelbesitzer etwas irritiert, mit der linken Hand in seine rechte Jackentasche greifen, gibt es dem Hund, streichelt die verletzte Pfote, sieht zum Herrchen hoch und meint: „Je arme hond moet naar een dierenarts gaan...“ Und, nach einer nur kurzen Pause: „Ik zal alle kosten betalen, het spijt me zo zeer, Mijnheer!“

Der Dackelbesitzer ist versöhnlich gestimmt, nimmt seinen Hund hoch, betrachtet die Pfote und meint dann: „ Naa, het was geen bedoeling. Denk na, dat komt weer goed. Dank je wel.“ Den 50-Euro-Schein, den Sonnenschein ihm zuschieben möchte, den nimmt das Dackel-Herrchen nicht an: „Laat maar. Je bent

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