Fortsetzung vom 29.11.2016; Im Dickicht der Zeichen, Nora Meranes 1. Fall, ein Krimi

von Annelie Kelch
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Ein Geräusch auf dem Korridor schreckte mich auf, ein Scheppern und Klacken – irgendeiner fuhrwerkte mit einem Gegenstand im Schloss an der Wohnungstür umher … Leander? - Ich sprang von der Couch, zog meine Dienstwaffe, eine Walther P99, aus dem Holster, das auf einem der beiden Sessel lag, und versteckte mich hinter der Tür. Jemand stürmte ins Zimmer.
„Nora, der Pathologiebericht ist da, endlich“, rief Marc. Ich ließ die Waffe sinken und trat aus der Nische zwischen Wand und halb geöffnetem Wohnzimmereinlass.
„Nooora“, sagte Marc. „Ist das jetzt nicht ein bisschen übertrieben?“
„Das würdest du ganz gewiss nicht fragen, wenn du an meiner Stelle im Apfelgarten gewesen wärst“, verteidigte ich mich und setzte mein Pokerface auf.
„Klar, entschuldige. Sei doch nicht gleich beleidigt. - Wir kennen jetzt die Todesursache. Brenda ist an einer Gehirnblutung gestorben. Ursächlich hierfür waren mehrere Schläge auf den Hinterkopf - mit einer Axt oder einem ähnlichen Werkzeug. Darüber hinaus weist ihr Oberkörper drei leichte Einstiche auf, die von einem Taschenmesser herrühren könnten und ihr vermutlich post mortem zugefügt wurden. Es handelt sich bei diesem Mord um keine Affekthandlung. Brendas Tod ist aller Wahrscheinlichkeit nach bereits im Bad eingetreten; sie wurde nur kurze Zeit später in den Finstergang transportiert. Der Mord muss also um Mitternacht 'rum begangen worden sein. Falls dieser Leander der Täter ist, müsste Brenda sich während des Tathergangs auf dem Sessel befunden haben, der gleich neben der Badezimmertür steht. Auch dort wurden Blutspuren entdeckt. Selbstverständlich saß sie auf auf dem Möbel, anderenfalls hätte sich der Mörder den Arm ausgerenkt; Brenda war über einsachtzig, wurde jedoch nach der Tat, weiß der Teufel, weshalb, vom Sessel hinunter und ins Bad geschleift. - Wie geht es dir eigentlich?“
„Besser“, sagte ich. „Ich habe die Pizza verspeist und danach ein wenig geschlafen. Möglicherweise waren es zwei Täter.“
„Glaub ich nicht; schau dir bitte das Foto noch einmal genauer an: Der Typ sieht nach Einzelgänger aus, obwohl er zum Zeitpunkt der Aufnahme noch sehr jung gewesen sein muss. - Können wir jetzt in die Querstraße fahren?“ Marc sah auf seine Armbanduhr.
„Achtzehn Uhr - haargenau die richtige Zeit; die meisten Leute haben jetzt Feierabend und müssten bereits zu Hause sein, sitzen beim Abendessen oder vor der Glotze.“

Wir liefen die Treppen hinunter. Marc sagte: „Ich nehme meistens die Treppen, sowohl runter als auch hoch; das ist fast so wirkungsvoll wie ein kurzes Jogging.“
Das Wetter hatte sich gemausert: Ein wunderschöner, warmer Frühlingsabend kniete vor den Stufen zum Hochhaus. Nachdem wir die Gegend um den Finstergang verlassen hatten, wurde es noch einen Tick herrlicher: Vor den kleinen Einfamilienhäusern, die an der Stadtstraße standen, blühten die Weißdornhecken. Ich machte Marc darauf aufmerksam.
„Wenn erst der Weißdorn blüht im Garten, lässt auch der Frühling nicht mehr auf sich warten“, sagte Marc.
„Hobby-Poet?“, fragte ich.
„Nein, aber Hobby-Fußballer. Ich trainiere dreimal die Woche, sofern kein dringender Fall mich davon abhält, spiele an den Wochenenden oft auswärts. Das hat bisher noch jede Frau abgeschreckt.“
„Ja, die bösen Frauen …“, seufzte ich. - „Stopp! Wir sind da. In dem grau getünchten Haus dort drüben hat Brenda ihre Jugend verbracht.“ Ich deutete auf ein Mehrfamilienhaus vom Typ Mietskaserne, Marc parkte am Straßenrand gegenüber und wir stiegen aus.
„Lauter fremde Namen“, sagte Marc, als wir im Eingang standen. „Ich kenne nicht einen einzigen hier.“
Wir klingelten bei Hogemanns, die offenbar ganz oben wohnten. Ich trat einen Schritt zurück und blickte an der Hausfassade empor. Das Gebäude war fünf Stockwerke hoch.
Der Summer ging, Marc drückte die Tür auf und wir betraten den Hausflur. Es roch nach deftiger Erbsensuppe, gar nicht mal übel. Ich hatte während meiner Dienstzeit Hausflure aufsuchen müssen, in denen stundenlang Müll vor den Türen stand oder gestanden hatte. Das machte sich besonders im Sommer unangenehm bemerkbar. Im vierten Stockwerk knallte jemand seine Tür zu.
„Ossenkopp, dämlicher“, sagte Marc. „Der hat den Streifenwagen gesehen, hasst uns wahrscheinlich, kann Bullen nicht leiden. - Oder ein Stänker, der ständig mit den Türen knallt. Solche primitiven Leute gibt es in fast jedem Mietshaus.“
„Wir hätten auch unauffälliger vorfahren können, in einem zivilen Fahrzeug“, sagte ich.
„Soweit kommt es noch, dass ich mich schäme und tarne, weil ich im Polizeidienst bin und jeden Tag mein Leben riskiere, nicht wahr, Frau Hogemann“, lachte Marc und fummelte seinen Dienstausweis aus seiner Jackentasche.
Frau Hogemann stand vor der halb geöffneten Wohnungstür und sah uns erwartungsvoll entgegen.
„Mein Name ist Marc Keppler – vom Polizeikommissariat Weidenbach“, sagte Marc. „Und das hier ist meine Kollegin von der Mordkommission in Hellerburg, Nora Merane. Dürfen wir hereinkommen?“
Frau Hogemann nickte, stieß die Tür weit auf und ließ uns in die Wohnung.
„Wer ist da, Mutti? Unsere Ilse?“, drang eine männliche Stimme auf den Flur.
„Polizei“, sagte Frau Hogemann knapp. „Ich hoffe, du hast nichts angestellt, Hermann.“

Ella Hogemann, eine kleine rundliche Frau im Alter zwischen fünfzig und sechzig, blondgefärbte Dauerwelle, rosa Kittelschürze, flinke braune Augen, die uns verstohlen musterten, führte uns in den 'Salon'. Der Fernseher lief. Herr Hogemann erhob sich vom Sessel und gab uns die Hand.
„Dürfen wir uns setzen?“, fragte Marc. „Es handelt sich lediglich um eine Befragung, die höchstens zehn Minuten dauert. Ich hoffe, Sie sehen nicht gerade einen spannenden Krimi!?“ Frau Hogemann lachte – kurz und trocken.
„Wir sehen überhaupt keine Krimis, junger Mann. Mein Mann sieht gerne Sport und ich Rosamunde Pilcher.“
„Da haben wir ja Glück“, griente Marc. Die Pilcher kommt immer erst nach der Tagesschau, soweit ich unterrichtet bin, und Sport noch später, nämlich erst danach, nicht wahr, Herr Hogemann?“
„So ist es, Herr Kommissar“, bestätigte Hogemann. „Dann schießen Sie mal los. Und nehmen Sie das bitte nicht wörtlich.“ Marc lachte. - „Guter Witz!“
Wir setzten uns in die herbstbraune Wohnlandschaft, die mit diversen bunten Kissen 'geschmückt' war, ich zückte Notizblock und Bleistift, und Marc fragte: „Ist oder war Ihnen die Familie Bohlau bekannt? Frau Bohlau nebst Tochter Brenda? Die sollen hier mal vor vielen Jahren gewohnt haben.“
„Bohlau, Bohlau …“, grübelte Herr Hogemann. „Nein, noch nie gehört. Du, Mutti?“
Frau Hogemann schüttelte bedauernd den Kopf. „Wir wohnen ja auch erst seit drei Jahren in diesem Haus. Mein Mann bezieht seit wenigen Jahren Rente. Nach einer drastischen Mieterhöhung konnten wir uns unsere alte Wohnung in der Hafenstraße, in der wir fast dreißig Jahre lang glücklich gelebt haben, nicht mehr leisten.“
„Kennen Sie ein älteres Ehepaar hier im Haus, das schon länger hier wohnt?“, fragte ich. Herr Hogemann legte seine Stirn in Falten und dachte nach.
„Die Falkners aus dem zweiten Stock“, rief Frau Hogemann plötzlich. „Die könnten mehr wissen. Soviel ich weiß, wohnen die hier schon seit dem Jüngsten Tag.“
„Übertreib nicht Mutti“, wies Herr Hogemann seine Frau zurecht.
„Die müssten aber schon uralt sein“, fuhr Frau Hogemann unbeirrt fort. „Bekommen nur noch Besuch von ihrer Tochter. Dreimal die Woche. Der alte Falkner ist ziemlich schwerhörig, aber nett, alle beide.“
„Danke, das war 's schon“, sagte Marc und erhob sich. „Noch viel Spaß beim Sport und mit der Pilcher. Schönen Abend.“
Frau Hogemann brachte uns zur Tür und verabschiedete uns mit freundlichen Worten. „Nein, was sind Sie beide für ein hübsches Paar!“, rief sie uns nach, als wir schon auf der Treppe waren.
„Finde ich auch!“ Marc drehte sich um und lachte zu ihr hinauf.
„Nora, zupf dein Tuch nach oben“, raunte er mir zu. "Die Alte hat die ganze Zeit auf deinen Hals gestarrt. Der ist grün und blau. Man sieht fast alles. Die denken jetzt bestimmt, ich hätte dich so zugerichtet.“
Ich zog erschrocken das Tuch nach oben. Am liebsten hätte ich es vor den Mund gezogen,wie früher die Cowboys - als Schutz gegen den Staub, den die Rinderherden verursachten, und kein Wort mehr gesagt. Mehr noch als mein wunder Hals, machten mir starke Kopfschmerzen zu schaffen. Mir stand nicht der Sinn nach Konversation.
'Mein Gott', dachte ich, 'die Sache mit diesem Leander ist erst wenige Stunden her. Womöglich hat Jensen recht gehabt.' - Ich sehnte mich mit einem Mal nach meinem Krankenhausbett, das inzwischen gewiss schon wieder vergeben war.
„Lass uns bitte morgen wieder herfahren“, bat ich. „Ich kann mich momentan nicht konzentrieren.“
„Reiß dich zusammen, Nora. Wir haben es bald geschafft“, sagte Marc und klingelte bei Falkners.
Diesmal öffnete der Herr des Hauses – der alte Herr Falkner.
„Guten Abend, Herr Falkner“, sagte Marc. „Wir sind von der Polizei und hätten Ihnen gern ein paar Fragen gestellt. Nichts Alarmierendes, aber für uns von großer Bedeutung; es geht lediglich darum, ob Sie zwei Personen, die früher einmal in diesem Haus gelebt haben, noch kennen.“
Falkner legte eine Hand ums rechte Ohr und fragte „Wie bitte, junger Mann? Ich verstehe Sie nicht. Sie müssen schon deutlicher sprechen.“
„Dürfen wir eintreten?“, schrie Marc.
„Wer sind Sie?, was wollen Sie von uns. Sind Sie Betrüger?“ Falkner wollte die Tür zuknallen, aber Marc stellte einen Fuß auf die Schwelle und hielt dem alten Mann seinen Dienstausweis vor die Nase. Gegenüber wurde die Wohnungstür geöffnet, eine junge Frau trat heraus und fragte: „Was wollen Sie von den alten Leuten. Die sind krank und können sich nicht mehr wehren.“
„Wir sind von der Polizeiinspektion Weidenbach“, erklärte Marc. „Mein Name ist Keppler und das ist meine Kollegin Nora Merane von der Kripo Hellerburg. Bitte erklären Sie Herrn Falkner, dass wir dringend mit ihm und seiner Frau sprechen müssen. Es handelt sich lediglich um ein paar Informationen. Vier, fünf Fragen. - Bitte.“
„Wo ist Ihre Frau, Johann?“, fragte die Nachbarin mit lauter Stimme.
„Marga hat sich hingelegt“, sagte der Alte. „Sie fühlt sich nicht wohl.“
'Noch jemand, der sich nicht wohlfühlt', schoss mir in den Sinn, und ich zog meinen schönen roten Schal fester unters Kinn zusammen.
„Ich wecke Frau Falkner“, erklärte die hilfsbereite Nachbarin.
„Es ist alles in Ordnung, Johann, gehen Sie ruhig schon wieder ins Wohnzimmer und lesen Sie ihr Buch zu Ende.“
„Er liest gerne“, sagte sie und sah mir in die Augen. „Ich heiße übrigens Carmen.“ - „Nora“, sagte ich und nickte ihr freundlich zu.
Plötzlich klappte eine Tür: Frau Falkner trat in den Flur. Sie war zwischen achtzig und neunzig, sehr klein und hatte einen so genannten 'Witwenbuckel', der aller Wahrscheinlichkeit nach von einer Osteoporose herrührte; ihre Augen indes waren hellwach.
„Die Herrschaften sind von der Polizeiinspektion Weidenbach und möchten Ihnen ein paar Fragen stellen, Marga“, sagte Carmen.
„Was haben wir mit der Polizei zu tun?“, fragte Frau Falkner. „Ich kann mir nicht denken ...“
„Bitte lassen Sie uns in die Wohnung, Frau Falkner“, bat Marc. „Wir möchten Ihnen lediglich ein paar Fragen zu einer ehemaligen Hausbewohnerin stellen, die Sie möglicherweise noch kennen.“
Die alte Frau trat zurück und ließ uns eintreten. Herr Falkner saß am Fenster und las. Er nahm nicht die geringste Notiz von uns, hatte uns womöglich schon vergessen.
„Bitte“, sagte Frau Falkner und wies auf die beiden Sessel links und rechts neben einem Couchtisch aus Mahagoni. Sie selbst setzte ich auf das Sofa, das an einer der Wände gerückt war.
„Worum geht es, was wollen Sie wissen?“, fragte sie ohne Umschweife.
„Ist Ihnen eine Familie Bohlau, Mutter und Tochter, noch in Erinnerung? Beide sollen in diesem Haus noch vor wenigen Jahren gewohnt haben.“
Herr Falkner ließ sein Buch sinken und schaute uns entgeistert an.
Manchmal hört er gut und manchmal überhaupt nicht, und manches andere Mal habe ich den Eindruck, dass er …“
„… simuliert?“, fragte Marc.
Frau Falkner nickte. Eine Träne tropfte aus ihrem rechten Auge, bahnte sich ihren Weg über das runzlige, aber sympathische Gesicht und tropfte auf ihre beige Seidenbluse. Ich zog ein Papier-Taschentuch aus der Verpackung, die sich für solche und ähnliche Fälle stets in meiner Jacke befand, und reichte es ihr – in weiser Voraussicht: Es lag durchaus im Bereich des Möglichen, dass noch weitere Tränen fließen würden.
„Kennen Sie Brenda Bohlau, Frau Falkner?“, fragte Marc noch einmal eindringlich.
„Gewiss, Herr Kommissar“, sagte Marga Falkner. „Brenda wohnte mit ihrer Mutter bis wenige Jahre vor deren Tod in einer Dreizimmerwohnung im sechsten Stock; es handelte sich, vom Treppenflur aus gesehen, um die Wohnung rechterseits. Wo Brenda jetzt lebt, ist mir leider nicht bekannt. Ich treffe sie zwar hin und wieder in der Stadt, aber wir unterhalten uns immer nur kurz: wie geht 's, wie steht 's? Es ist durchaus möglich, dass Brenda mir erzählt hat, wohin sie gezogen ist; möglicherweise habe ich es vergessen, ich bin mittlerweile neunundachtzig, mein Gedächtnis lässt mich hin und wieder im Stich.“
„Brenda Bohlau lebt nicht mehr. Sie ist ermordet worden“, sagte Marc.
Johann Falkners Buch polterte auf die Erde. Der alte Mann war leichenblass geworden und presste seine rechte Hand auf die Brust, als wolle er sein Herz beruhigen. Dann sank auch er vom Sessel. Frau Falkner schrie auf und eilte zu ihrem Mann. Ich ging zum Telefon und rief einen Krankenwagen. Marc bückte sich neben Frau Falkner, half ihr, ihren Mann in eine stabile Seitenlage zu bringen, und hob das Buch auf, das Falkner aus den Händen geglitten war. Er schaute auf den Buchdeckel, runzelte die Stirn und schüttelte entgeistert den Kopf.

Fortsetzung am Montag, den 05. Dezember 2016

Interne Verweise

Kommentare

02. Dez 2016

Plastisch, lebensecht geschrieben -
Die Spannung ist konstant geblieben!
(Krause meint: "Walther P 99 Täta war!
Alleen der Name is schon sondabar!")

LG Axel

03. Dez 2016

O weh, das habe ich nicht bedacht,
dass Krause sich solche Gedanken macht
und bringt Noras Dienstwaffe in Verdacht,
anderenfalls hätte ich die SIG Sauer P6 gewählt
und Krause hätte sich weniger gequält
oder aber SIG Freud ins Spiel gebracht,
der längst tot ist und keinen Ärger mehr macht.

LG Annelie