Forever and Ever

von Nicole Schrake
Mitglied

Dicke Flocken tauchen im Scheinwerferlicht vor mir auf. Die Winterreifen pflügen sich durch den Pulverschnee. Die Tannen biegen sich fast unter der Last der weißen Pracht.

An einem Waldparkplatz halte ich an, steige aus und ziehe tief die reine, kalte Luft in meine Lungen. Die Flocken kitzeln an meiner Nase, setzen sich wattegleich in meine roten Haare. Ich stecke eine Zigarette in Brand und inhaliere genüsslich den mentholhaltigen Qualm. Wochenende.

Ich sehe Dich endlich wieder. Schon jetzt spüre ich unter meinen Händen Dein kantiges Gesicht, die Stoppeln Deines Drei-Tage-Bartes, sehe in Deine braunen Augen. 4 Wochen ist unser letztes Treffen her; für uns eine Ewigkeit.

Die Berghütte ist unser Kosmos, unsere Insel, unser Reich, in dem nur wir regieren, unsere eigenen Gesetze leben, fernab der Zivilisation mit all ihren Mauern und Konventionen. Endlich angekommen nach all den Irrungen und Wirrungen, den falschen Fährten des Lebens.

Ich stiege in den Wagen und fahre weiter, nach 20 Minuten bin ich endlich da: Endstation Sehnsucht. Postkartenpanorama in Reinkultur; die tief verschneiten Berge, unsere Hütte, angeschmiegt an den Hang, fast mit der weißen Umgebung verschmelzend, eingehüllt in diesen fallenden Schleier aus gefrorenem Nass.

Wenig später knirscht der Schlüssel im Schloss; modrige Luft dringt mir entgegen. Schnell öffne ich die Fenster und lasse die Reinheit des Wintertages in das Zimmer. Die Vorräte stelle ich in die winzige Küchennische. Später entzünde ich dicke, trockene Holzscheite im Kamin. Schon bald flackert dieses heimelige Licht und wohltuende Wärme breitet sich aus. Das begierige Knistern der hungrigen Flammen ist das einzige Geräusch, das die Stille durchschneidet. Meine Vorfreude bringt mein Herz zum Rasen. Ich sehe Dich vor mir, Du bist unterwegs zu mir, das kleine, freche Grinsen in Deinen Mundwinkeln, das ich so sehr liebe.

Deine Gedanken eilen Dir bereits voraus und finden in mir ein Echo. Was wäre gewesen, wenn wir uns nie getroffen hätten? Wir würden jetzt mit dieser undefinierbaren Sehnsucht in uns leben, dem nicht greifbaren Gefühl vo Leere.

Hat es damals vieler Worte bedurft? Nein, Blicke genügten, eine unabsichtliche Berührung als ich meinen Mantel von der Garderobe nahm; der Duft des Anderen, das Weiten der Pupillen und die Gewissheit: Hier passiert gerade etwas, mystisch, nicht von dieser Welt, so lange ersehnt und endlich da.

Mir wird plötzlich eiskalt. Ich spüre das dumpfe Grollen der Lawine in meinen Eingeweiden, spüre die Wucht der Schneemassen, die Dich mitreißen in Deinem Wagen und Deine Augen und deine Lungen mit dem erstickenden Staub des weißen Todes füllen. Wäre ich doch mit Dir gestorben ...

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