Breaking the rule

von Annelie Kelch
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Er sah mich an – starrte mit seinen leeren toten Augen direkt in meine, darin der Hunger weilte. Ich hielt seinem Blick stand. Er faszinierte mich – dieser Fisch in der Kühltruhe eines Supermarktes.

„Nimm mich mit, bitte, leg mich in deinen Einkaufswagen, ich erfriere“, schien er zu flüstern. Er erinnerte mich an den Butt aus Günter Grass' gleichnamigem Roman, den ich mir momentan zum zweiten Mal zu Gemüte führe. Ich bin aufgrund anderer Lektüre noch nicht allzu weit gekommen - „Aua“ ist gerade erst die dritte Brust abgefallen; wir befinden uns also noch in der Steinzeit, Ilsebill und ich. Das Feuer ist allerdings schon gegenwärtig, anderenfalls hieße Aua nicht „Aua“.

Wunderbare Kochrezepte haben meine Augen bereits aus dem Buch aufgesogen; aber ich bin Vegetarierin. Das sagte ich dem Fisch, der mich unentwegt fixierte. Er war fleischig und schillernd schön. Uns trennte nicht mal einer dieser durchsichtigen Plastikdeckel.
Ich liebte Fisch zum Mittag - vor gefühlten Jahrtausenden, war noch nie rückfällig geworden; nur ein einziges Mal schwach – wegen eines Becherchens mit püriertem Seelachsfilet. Danach aß ich zur Strafe drei Tage lang nur Bananen. Ich mag Bananen; die Zeit war nicht allzu drastisch.

„Nimm mich mit; ich bin eh mausetot. Besser du, als Leute, die drei- bis viermal in der Woche Fisch essen“, schien er zu flüstern. Er sah lecker aus. Ich streckte schon mal meinen Arm in seine Richtung … Nebenan lag Käse, verpackt. Auch sehr lecker. - Ich legte eine Packung mit gutem Käse in meinen Einkaufswagen; er war sehr malerisch - mit Peperoni und Pfeffer verziert. Dann ergriff mein Händchen endlich den schönen Fisch und legte ihn neben die Bananen … Die vegetarische Suppe nebst vegetarischen Würstchen, die ich danach meinen Einkäufen hinzufügte, bestätigten meine Grundhaltung: Ich bin Vegetarierin! - Der Fisch war noch nicht verspeist.

Zu Hause hätte ich mich am liebsten sofort auf meinen Einkauf wider Willen gestürzt. Das Wasser lief mir bereits im Munde zusammen. Aber ich kann mich beherrschen – packte seelenruhig meine Einkäufe aus und legte sie in den Kühlschrank. Danach nahm ich mir den Fisch zur Brust. - Er schmeckte nicht schlecht, aber lange nicht so gut, wie ich es mir nach jahrelanger Abstinenz vorgestellt hatte. Fisch jedweder Art – ohne Zwiebeln – war von Kindheit an mein Leibgericht. Immerhin konnte meine Mutter mindestens so gut kochen wie Grass und seine Ilsebill.
Aber ich habe nicht nur nach, sondern auch während des Verzehrs der bildschönen Makrele deutlich gespürt, dass dieses ganz besondere, weil einmalige Fischgericht die Ausnahme ist, wenn nicht gar der letzte Fisch meines Lebens. - Er guckte dermaßen todtraurig aus seiner schillernden Haut; ich musste ihm diese genussreiche letzte Ehre erweisen und bleibe – Vegetarierin.

Quelle: pixabay
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Kommentare

04. Mai 2017

Ein Text, der auch dem Leser schmeckt -
Solche Art Nahrung scheint perfekt ...

LG Axel

04. Mai 2017

Dank, Axel, dir, für deinen leckeren Kommentar;
ich glaube gar, dass Ilsebill, wenn nicht gar Aua,
verwandt mit deiner krausen Bertha war.
Muss beim Lesen immerzu an Krause denken,
solltest deiner 'Hausdame' den "Butt" mal schenken.

LG Annelie

04. Mai 2017

"Haus-DAME" der Krause gut gefällt -
Die dünkt sich nunmehr schwer von Welt ...

LG Axel