Mein Pantheon

von Alf Glocker
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Das „Pantheon“ steht in Rom! Warum steht es nicht in jeder Stadt? Es hätte doch überall Platz … Weil es nicht in allen Städten der Erde geduldet würde? Weil manche Leute die Religionen nicht als Religionen anerkennen, sondern sie zu Lebensanschauungen hochstilisieren möchten? Diese Leute ignoriere ich, als ich mir ein imaginäres Pantheon erschaffe, um seine Eingeweide auszuforschen. Ich gehe hinein …

„Religiosität ist ein Ausdruck fundierten Nichtwissens“ … Ich befürchte, eine innere Stimme gehört zu haben, deshalb gerate ich außer mich. „Wer hat das gesagt?“, schreit mein Ich so laut, daß sich meine Ohren ganz weit aufsperren, um den Informationsdruck einzulassen. Gleichzeitig öffnet sich mein Mund, um dem Staunen einen Ausgang zu ermöglichen. Ich stehe mitten in einer Nacht!

Über mir blinkt die Milchstraße, aber das fühle ich nur, denn man sagt, daß gerade heller Tag sei. Also bilde ich mir den Anblick der Galaxis nur ein. Die Ahnen der Inkas tanzen auf dieser Straße herum. Diesen Anblick kann man ja auch nur in seltsamen und wundervollen Geschichten verehren!

Das verstehe ich. Doch dann werde ich einer Reihe von Wundern teilhaftig, die ich nicht so leicht verstehen kann … Eine schwarze Katze läuft mir über den Weg und nichts passiert. Sie schnurrt! Ein Mensch geht vorbei und ich kann hören, was er denkt: „Was ist denn das für ein komischer Vogel?!“ Hat er mich gemeint? Vermutlich …

Ich erschrecke und der Mensch lacht mich aus, weil ich aus seiner Sicht grundlos zusammenzucke. Dann begegne ich einem weiblichen Wesen, das so schön ist wie Aphrodite und Venus zusammengenommen. Aus meinen Augen spricht die pure Bewunderung, aber sie wechselt die Straßenseite, weil sie mich, meines Staunens wegen, für einen Sittenstrolch hält.

Was würde einer der vielen Götter zu diesen Wundern sagen, frage ich mich, und gleichzeitig weiß ich, daß mir keiner antworten würde, selbst wenn es sie gäbe … vielleicht, vielleicht! Denn Götter sind sehr verspielt (auch wenn sie grausam sind). Seit ich denken kann, spielen wir alle zusammen – die Götter und ich – das Spiel „Findemich“. Es ist ausgesprochen kurzweilig. Es hat mich schon in mindestens eine Million Sackgassen geführt. Ich spüre es: Der Schelm, die Schelme versteckt/verstecken sich absichtlich, denn ich soll bei meiner Suche nach ihm/ihnen etwas in mir entdecken, das mit Gold nicht aufzuwiegen ist – mein ureigenes Gewissen.

Immer wieder stelle ich fest, daß mir kein Gott hilft. Jedenfalls nicht so, daß ich es daran erkennen kann, daß es MIR nützt! Wenn andere ekstatisch nach oben in unseren Fixstern blicken und z. B. „Ahura Mazda“ ausrufen, kriege ich nur einen Sonnenbrand. Aber wenn während einer Fußballweltmeisterschaft klammheimlich Krankenkassenbeiträge erhöht werden, oder sich ganzjährig eigenartige geschichtliche Ereignisse, völlig unbeachtet vollziehen, sieht niemand darin eine Geste des Himmels.

Die Geister klopfen aufs Parkett, und keiner vermutet dahinter einen relevanten Hinweis auf die Unendlichkeit. Überall brennen die Scheiterhaufen! Sie lodern hoch aus der Vergangenheit, der Gegenwart, oder der Zukunft. Ihre Feuer bestehen heute aus dem Eis tonnenschwerer Ignoranz. Und das wirkt sich nicht weniger vernichtend auf die Astronomen der Einsicht aus, als die früheren Trotzreaktionen eines herrschenden Klerus (wie er sich heute auch immer nennen mag ist mir zwar klar, muss hier jedoch aus therapeutischen Gründen vorläufig verschwiegen werden).

Die Gründlichkeit heftet sich an ein bestimmtes Ausdrucksmittel – sie herrscht einfach! Und was herrscht in mir? Ein Vakuum! Das Vakuum penetranter Unsicherheit, das mich Zeiträume verlieren lässt, ohne den Stein der Weisen gefunden zu haben, die Ultima Ratio: Gott – oder wenigstens eine brauchbare Ausrede … eine Reliquie, ein heilbringendes Buch oder dergleichen. Was also spendet mit Trost? Brauche ich ihn?

Hmm, denke ich mir, was soll ich mit alten Knochen? Meine sind mir ja schon zu alt! Ihr Außenherum, wie auch ihr Innendrin (Schädelinhalt) führen mich, mangels geeigneter Perfektion, regelmäßig in die Irre. Und ein paar Schriftrollen, die ein unantastbarer Führer bekleckert haben soll, sind mir leider auch viel zu vage. Da schwelt doch die Ungewissheit in allen Ecken und Enden … Was soll ich nur tun?

Mir fehlt einfach ein Heiligen-Vor-Bild, mit dem ich reden kann. Mein Selbstverständnis ist nicht stark genug, um dieses Manko auch nur annähernd auszugleichen. Und so langsam verliere ich die Geduld! Ich schlendere über den Asphalt meines Wissens, den/das ich täglich auszubessern versuche, denn Unwetter und Beben machen ihn/es immer wieder renovierungsbedürftig.

Die Walze des zu Erwartenden prägt ihre Hieroglyphen in meine Spur, jedes Mal wenn ich ein neues Teilstück der Lebensautobahn plane. Aus ihnen möchte ich die Wahrheit erlesen. So sei mir die „Zukunft voraus lebendig“ (wie Goethe schon sagt). Doch das betrifft nur meine „Vorlogik“. Vor allem mit dem Erlernten im Gedächtnis konstruiere ich geistig sinnvolle Erweiterungen. Und wenn ich „sinnvoll“ sage, dann meine ich das im wahrsten Sinne des Wortes! Aber meine Mittel sind sehr begrenzt.

Mithilfe meines speziellen Glaubens könnte ich ersatzweise den Aufstand der Gerechtigkeit proben. Aber einem Gott ins Handwerk zu pfuschen ist nicht so ganz einfach. Was haben die Götter uns überhaupt zu sagen? Haben sie je was gesagt?? Mit größtmöglicher Sorgfalt bemühe ich mich etwas zu bewegen, ohne daß irgendwer (ein Glaubensjünger) dabei zu Schaden kommt.

Ich sehe ein Spinnennetz über mir und bücke mich, um es nicht zu zerstören und schon bin ich aus Versehen auf eine Arthropode am Boden getreten. Beim Aufstehen gerate ich doch noch ins Netz! Wutentbrannt greife ich über meinen Kopf und versuche mir die Fäden auszureißen an denen ich hänge, stelle jedoch fest, daß sie vermutlich feinstofflicher Natur sind. Meine primitive Intelligenz schießt folglich samt ihrer Tatkraft ins Leere. Ebenso wie sie ins Leere schießt, wenn ich mich frage, warum grade wieder ein Krieg ausgebrochen ist, eine Ölpest veranstaltet wird, eine Epidemie grassiert oder der Papst eine Rede hält.

Da gehen meine Gedanken ganz automatisch in Richtung Olymp. Beschwörend erhebe ich meine Arme und bitte händeringend um irgendwelche Gebote, an denen ich meinen Perfektionismus festmachen kann.

Dann – endlich – bekomme ich ein Zeichen: ein Hexenschuss fährt mir ins Kreuz und ich kann mich plötzlich überhaupt nicht mehr rühren. Ich muss stehen bleiben wie ich gerade bin, denn, aus einem geheimnisvollen Grund, greifen der stechende Schmerz und die dämliche Starre auf meinen ganzen Körper über. Ich bin tatsächlich verhext und falle sogleich in einen rein körperlichen, doch allgemein schmerzhaften Trancezustand.

Irgendwann bricht nun eine andere Nacht über mich herein. Der Mond steht direkt über mir – sehr ungewöhnlich – als mir etwas einfällt … ich erlebe gewissermaßen mein persönliches Pfingsten. Doch keine Flamme schwebt auf mich herab, sondern eine architektonische Vision. Wie von selbst bildet sich aus dem Himmelszelt eine Kuppel mit dem Mond als Oberlicht. Ein Mondstrahl fällt mir mitten ins Gesicht! Und auf einmal weiß ich es. Ich selbst bin mein Pantheon, verpflichtet sämtlichen Göttern des Universums, wie sie auch heißen mögen!

Zum willfährigen Verehrer jeglicher Allmacht geworden, bin ich ausgeliefert dem Werden und Werken verborgener Gewalten, deren Vorhandensein ich nur erahnen darf. Demzufolge bin ich in meiner Schuld: Weil ich nichts weiß, habe ich die Aufgabe zu erfahren, was ich wissen könnte, wenn ich nur klüger wäre. Alles habe ich (Mensch) zu versuchen, um meinem Pantheon den Schmuck der aufrichtigen Wissenschaften, der akribischen Künste, der gut gewählten Worte und der bewegenden Musik zu verleihen.

Auch die Liebe sollte nicht fehlen … Und deshalb fürchte ich mich. „Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld, wer hat so viel Pinkepinke, wer hat das bestellt?“, dröhnt es in meinem Kopf. Ich muss zugeben: dieser angestaubte Karnevalsschlager hat recht! Die Macht eines Gottes wäre nötig, um ihn (den Gott) zu entdecken. Ich habe sie nicht. Aber ich habe das Pantheon meines Gewissens, das ich täglich aufsuchen kann.

Als endlich der Geistesmorgen graut kommt eine x-beliebige, jedoch nette Frau vorbei und ich werde aus meiner starren Haltung erlöst. Langsam taue ich auf. Sie stützt mich und liebkost meinen ganzen Körper, während sie mich in ihr Schlafgemach geleitet. Das lenkt mich von meinen Sorgen ab. Ich bin glücklich. Die Erde ist eine Scheibe und ich glaube ans Paradies. Die Sonne geht auf! Nichtwissen ist ein Ausdruck von Religiosität, sagt mir mein Verstand, der mich dem Zufall folgen lässt – wie niemandem sonst.

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Kommentare

04. Dez 2018

Der Zufall bleibt der große Star -
Drum gibt er gar den Kommissar ...
(Krause ist just ins Autohaus gelaufen -
Möcht 'nen Ahura Mazda kaufen ...)

LG Axel

04. Dez 2018

"Nichtwissen ist ein Ausdruck der Religiosität",
Eigentlich auch das sicher scheinende Wissen, schließlich ändert es sich ständig -
aber wenigstens werden bein zweiten nicht die "Unwissenden" abgeschlachtet.
Was für ein Blutgemetzel, verdammt!
U.