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Zwischenwelt

Bild von Walter Zeis
Bibliothek

Seine Hand lag wie ein Werkzeug um die Flasche. Nur der stechende Schmerz, der vom Handteller zum Puls stieß, erinnerte ihn am äußersten Rand seiner Wahrnehmung, dass das eiskalte Bier nicht in ein gläsernes Gefäß hinunterfiel. Er griff sich mit der linken Hand an die Brust, als wollte er sich abstützen, als wollte er den Teil seines Körpers an den anderen pressen, der unter dem eiskalten Guss abgesprungen war. Doch er wusste nicht, wie starr er geworden war, und spürt das Feuer nicht mehr, das um dieses Glas in ihm brannte, das sich jetzt mit dem Bier füllte. Dass eine Glut in ihm sein musste, wurde deutlich, wenn er sich mit dieser Flasche verband, wenn sie vor seinem Mund stehen blieb, lange, nachdem sie leer war. Und dass es Glas war, was zwischen Feuer und stechend-kaltem Bier stand, auch das verbarg sich ihm. Und was diese Erstarrung bewirkt hatte, war längst vergessen.
Nur manchmal, wenn er auf seinem Bett einschlief, sobald das Feuer den Riss verschmolzen hatte, der sich durch ihn hindurchzog, teilte sich der Vorhang zwischen dem Jetzt und dem Einst. Ein sprödes Knirschen zitterte über eine milchige, großgefaltete Fläche.
Einmal, als er noch aufrecht stand und seine Finger nicht von der Flasche lösen konnte und das Stechen im Puls spürte, sah er dieses Glas vor sich, riss die Flasche vom Mund und schleuderte sie von sich. Sie durchschlug seinen Blick, den er hinübergespannt hatte zur Wand, und das hölzerne Poltern, mit dem sie an den Schrank schlug und auf dem Fußboden verrollte, zerriss seine Hoffnung. Als er das erfahren hatte, verließ er sich ganz auf die Szenen, die im Schlaf über den Feuerzungen schwebten.
Dann sank er auf das Bett mt dem Gefühl, Platz zu schaffen für die Bühne, zu der sich sein Zimmer ausweiten würde, sobald er nicht mehr darin stand. Er schloss die Augen, und im Horchen auf das Knistern, mit dem sich die Szene außerhalb von ihm und in ihm aufbaute, schritt er durch den scharfen Spalt zwischen dem faltigen Glas.
Und dann, eines Tages, waren sie wieder da, die lieben, freundlichen, helfenden glaubenden gestaltlosen Wesen. Da war ein Bett, in dem er spielen und schlafen musste, da war aber auch sehr weit weg jene gestaltlose Schönheit, diese Iphigenie, die ihn mit ihren Worten umfing und dieses Band der Sätze immer mehr spannte, bis es ihn zu ihr hinzog.

Er sah, wie die Worte hinausschwebten in den Raum und fühlte, wie er die Güte aus ihrer Seele in den Klang seiner Stimme und in den Schlag seines Herzens nahm, er, Thoas. Und die Sehnsucht, die er hinüberwarf zu jeder Szene, verbrannte diese Rolle, die er hier spielte zwischen Tisch und Bett, und er spürte eine erhabene Majestät, die er sprechen und leben wollte.
Und kurz vor seinem nächsten Auftritt, im Dunkel seiner verhangenen kleinen Szene zwischen Bett und Tisch, legte eine dieser Gestalten ein großes Buch auf den Tisch, schlug es auf und schob es zu ihm hin.
"Ich werde sie spielen, die Rolle. Ich kann sie spielen. Ich kann, ich kann ...".
Er sah, wie sie ihm glaubte, diese Gestalt, und diese Hand, die auf einem großen Namen lag. Er zog das Buch unter ihr fort und flocht seinen Blick zwischen die vielen Worte seiner Rolle. Sie hoben sich ab vom Papier, die Blätter lebten ihm die Rolle vor, sie spannten sich unter seine große Szene, unter Tempelsäulen und meeresblaue, unendliche Sonne.

Noch einmal blähte sich ein gelbes Licht zu einem künstlichen Tag, und er trat in seine schmutzige Rolle, in den vorletzten Auftritt, bevor er sich ganz in das Buch atmen konnte. Ein klebriger, abgegriffener Anzug hing an seinen Gliedern. Er sah das Bett, in das er steigen musste nach ein paar Wörtern, die schon vergessen waren, bevor er sie ausgesprochen hatte. Er warf die Jacke auf den Tisch, das Bett ächzte unter ihm, und das Licht schrumpfte und wischte seine Szene aus den Blicken des Publikums.
Und noch bevor es verlosch, verwandelte sich das letzte Gelb des Lichts in flimmerndes, aufgebautes, fein verästeltes Gold. Es spannte sich wie ein Baldachin über sein Bett, und in goldenen Buchstaben waren die Worte des erhabenen Buches auf die Säulen und auf den Zierrat geheftet. Auf dem Tisch lag ein sauberes Sakko, und das Buch war in einen silbernen Hauch gehüllt, durch den er die Worte sah.
"Sie glauben an mich". Er sah abseits auf der Seitenbühne ein verständnisvolles Nicken, als er nach dem Buch griff.
"Sie atmen mir entgegen. Ich brauche sie nur zu trinken." Er hob das Buch und neigte es seinen Augen zu.

Und da spürte er, wie die Worte vertrockneten, wie sie zusammenschrumpften vor seinem Atem. Er blätterte weiter, und auf der nächsten Seite erstarrten die Sätze, wurden gläsern und durchsichtig, und seine Blicke fielen durch sie hindurch und stießen auf den grobhölzernen Tisch und fraßen sich in die Platte. Er spürte, wie sich die Fasern des Holzes zusammenzogen und seine Blicke zwischen sich pressten.
Qualvoll öffnete eine Hand seinen Mund, damit er die Leere ausatme, die in ihm war. Selbst wenn er diese gläsernen Worte in sich hineinzwang, sie würden tief und immer schneller fallen, bis sie zersplittern unten, ganz tief unten.
"Ich werde nicht einmal hören, wenn sie zerbrechen. Ich werden ihn nicht einmal hören, diesen klirrenden Ton, mit dem sie auf dem Papier stehen und warten – nicht einmal diesen ...".
Er legte das Buch vorsichtig auf den Tisch. Es tat weh, wenn er es durch seinen Blick zog. Von der Seitenbühne stieß ihn ein grelles Lachen an.
Da erhob er sich zu seinem letzten Auftritt. Auf seinem Tisch lag das einzige Requisit, das sie ihm hingelegt hatten: eine große, langgezogene Schere.
Das gelbe Licht blähte sich zum letzten künstlichen Tag seiner schmutzigen Rolle in dem klebrigen Anzug und mit den vergessenen Wörtern.
Er hob die Schere vom Tisch, zerschnitt damit seine Blicke, und frei schwebten sie im milchigen Licht. Es lag auf der kalten Schere und ihn erfasste eine große Sehnsucht, dieses Licht von ihr abzustreifen und seine Rolle wahrhaft auszugießen, hinein in den dunklen, lichtverschlossenen Raum.
Und das Glas in ihm entspannte sich zu schneidenden Scherben.

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