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Die Schneekönigin - Page 9

Bild von Hans Christian Andersen
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ihr Sommerzelt, aber ihr festes Schloß hat sie droben gegen den Nordpol, auf der Insel, die Spitzbergen genannt wird!«

»O, Karl, kleiner Karl!« seufzte Gretchen. ,

»Nun mußt Du still liegen«, sagte das Räubermädchen, »sonst stoße ich Dir das Messer in den Leib!«

Am andern Morgen erzählte Gretchen ihr Alles, was die Waldtauben gesagt hatten, und das Räubermädchen sah ganz ernsthaft aus, nickte aber mit dem Kopf und sagte: »Das ist einerlei, das ist einerlei! – Weißt Du, wo Lappland ist?« fragte sie das Rennthier.

»Wer könnte es wohl besser wissen, als ich!« sagte das Thier, und die Augen funkelten ihm im Kopfe. »Dort bin ich geboren und erzogen, dort bin ich auf den Schneefeldern herumgesprungen.«

»Höre!« sagte das Räubermädchen zu Gretchen, »Du siehst alle unsere Mannsleute sind fort, jedoch die Mutter ist noch hier und sie bleibt zu Hause. Gegen Mittag aber trinkt sie aus der großen Flasche und schlummert dann ein wenig darauf; – dann werde ich etwas für Dich thun!« Nun sprang sie aus dem Bett, fuhr der Mutter um den Hals, zog sie am Knebelbart und sagte: »Mein einzig lieber Ziegenbock, guten Morgen!« Die Mutter gab ihr Nasenstüber, daß die Nase roth und blau wurde, aber alles aus lauter Liebe.

Als die Mutter dann aus der Flasche getrunken hatte und darauf einschlief, ging das Räubermädchen zum Rennthier hin und sagte: »Ich könnte große Freude davon haben, Dich noch manchesmal mit dem scharfen Messer zu kitzeln, denn dann bist Du so possirlich; aber das ist einerlei, ich will Deine Schnur losen und Dir hinaushelfen, damit Du nach Lappland laufen kannst. Du mußt aber tüchtig springen und dieses kleine Mädchen zum Schloß der Schneekönigin bringen, wo ihr Spielkamerad ist. Du hast wohl gehört, was sie erzählte, denn sie sprach laut genug und Du lauschtest.«

Das Rennthier sprang vor Freude hoch empor. Das Räubermädchen hob das kleine Gretchen hinauf und hatte die Vorsicht, sie fest zu binden, ja sogar ihr ein kleines Kissen zum Sitzen zu geben. »Das ist einerlei«, sagte sie, »da hast Du Deine Pelzschuhe, denn es wird kalt, aber den Muff behalte ich, der ist gar zu niedlich! Darum sollst Du doch nicht frieren. Hier hast Du meiner Mutter große Fausthandschuhe, die reichen Dir gerade bis zum Ellbogen hinauf; ziehe sie an! – Nun siehst Du an den Händen gerade wie meine häßliche Mutter aus!«

Gretchen weinte vor Freude.

»Ich kann nicht leiden, daß Du meinst!« sagte das kleine Räubermädchen. »Nun mußt Du gerade recht froh aussehen; und da hast Du zwei Brode und einen Schinken, dann wirft Du nicht hungern.« Beides wurde hinten auf das Rennthier gebunden; das kleine Räubermädchen öffnete die Thür, lockte alle großen Hunde herein, durchschnitt dann den Strick mit ihrem scharfen Messer und sagte zum Rennthier: »Laufe, aber gieb recht auf das kleine Mädchen acht!«

Gretchen streckte die beiden Hände mit den großen Fausthandschuhen gegen das Räubermädchen aus und sagte Lebewohl, und dann flog das Rennthier über Stock und Stein davon, durch den großen Wald, über Sümpfe und Steppen, soviel es nur konnte. Die Wölfe heulten und die Raben schrieen. Es war gerade, als sprühte der Himmel Feuer.

»Das sind meine alten Nordlichter!« sagte das Rennthier. »sieh, wie sie leuchten!« Und dann lief es noch schneller davon; Nacht und Tag. Die Brode wurden verzehrt, der Schinken auch, und dann waren sie in Lappland.

Sechste Geschichte. Die Lappin und die Finnin.

Vor einem kleinen Hause hielten sie an, es war sehr ärmlich; das Dach ging bis zur Erde hinunter, und die Thür war so niedrig, daß die Familie auf dem Bauch kriechen mußte, wenn sie heraus oder hinein kommen wollte. Hier war außer einer alten Lappin, welche bei einer Thranlampe Fische kochte, Niemand zu Hause. Das Rennthier erzählte Gretchens ganze Geschichte, aber zuerst seine eigene, denn diese erschien ihm weit wichtiger, und Gretchen war von der Kälte so mitgenommen, daß sie nicht sprechen konnte.

»Ach, Ihr Armen«, sagte die Lappin, »da habt Ihr noch weit zu laufen! Ihr müßt über hundert Meilen weit nach Finnmarken hinein, denn dort wohnt die Schneekönigin auf dem Lande und brennt jeden Abend bengalische Flammen. Ich werde ein paar Worte auf einen trockenen Klippfisch schreiben, Papier habe ich nicht, den werde ich Euch für die Finnin dort oben mitgeben; die kann Euch besser Bescheid ertheilen als ich.«

Und als Gretchen nun erwärmt worden war und zu essen und zu trinken erhalten hatte, schrieb die Lappin ein Paar Worte auf einen trockenen Klippfisch, bat Gretchen, wohl darauf zu achten, band sie wieder auf das Rennthier fest, und dieses sprang davon. Die ganze Nacht brannten die schönsten, blauen Nordlichter; – und dann kamen sie nach Finnland und klopften an den Schornstein der Finnin, denn sie hatte nicht einmal eine Thür.

Da war eine Hitze drinnen, so daß die Finnin selbst fast ganz nackt ging; sie war klein und dabei ganz schmutzig. Sie löste gleich die Kleider des kleinen Gretchen auf, zog ihr die Fausthandschuhe und Stiefel aus, denn sonst wäre es ihr zu heiß geworden, legte dem Rennthier ein Stück Eis auf den Kopf und las dann, was auf dem Klippfisch geschrieben stand. Sie las es dreimal, und dann wußte sie es auswendig und steckte den Fisch in den Suppenkessel, denn der konnte ja gut gegessen werden, und sie verschwendete nie etwas.

Nun erzählte das Rennthier zuerst seine Geschichte, dann die des kleinen Gretchen, und die Finnin blinzelte mit den klugen Augen, sagte aber gar nichts.

»Du bist klug!« sagte das Rennthier. »Ich weiß, Du kannst alle Winde der Welt in einen Zwirnsfaden zusammenbinden; wenn der Schiffer den einen Knoten löst, so erhält er guten Wind, löst er den andern, dann weht es scharf, und löst er den dritten und vierten, dann stürmt es, daß die Wälder umfallen. Willst Du nicht dem kleinen Mädchen einen Trank geben, daß sie Zwölf-Männer-Kraft erhält und die Schneekönigin überwindet?«

»Zwölf-Männer-Kraft«, sagte die Finnin, »ja, das würde viel helfen!« Und dann ging sie nach einem Brete, nahm ein großes zusammengerolltes Fell hervor und rollte es auf. Da waren wunderbare Buchstaben darauf geschrieben, und die Finnin las, daß ihr das Wasser von der Stirn herunterlief.

Aber das Rennthier bat so sehr für das kleine Gretchen

Bild der Schneekönigin - Erste Illustration von Vilhelm Pedersen
Veröffentlicht / Quelle: 
Ausgewählte Märchen. Verlag von Ambr. Abel, 1910

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Kati Winter Märchenwelt: Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen (Hörbuch deutsch)

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Kommentare

05. Dez 2017

Wer liebt dieses Märchen nicht?

LG - Marie

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