„Tante Erna geht es gut. Viele Grüße, Oma.“

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Ich weiß, es gibt tausende solcher DDR-Wende-Flucht-Geschichten. Aber das ist eben eine meiner persönlichen Geschichten, dem heutigen spätgeborenen Leser wird sie vielleicht banal vorkommen. Für mich ist diese Erinnerung einfach nur irre, und immer,wenn ich sie hervorkrame, denke ich, das musst du unbedingt mal aufschreiben.

Wir waren ziemlich beste Freunde, Jörg und ich. Wir mochten uns genauso, wie wir auch verbal aufeinander einschlugen und uns gegenseitig kleine Gemeinheiten zuteil werden ließen. Und wir erlebten viel, sehr viel dieser Jugend miteinander, die niemand üben kann und die deshalb für jeden eine ganz besondere Zeit ist.

Jörg und ich, wir schraubten gemeinsam an unseren Mopeds, buhlten um die ersten Mädchen, erlebten unsere ersten Alkohol-Abstürze, den ersten Liebeskummer, kurz gesagt: alles das, was Jugendliche schon immer getan hatten und wohl immer tun werden – nur verändert durch den gerade aktuellen Zeitgeist oder -ungeist.

Unvergessen auch unsere weinbrandlastigen Skatabende, bei denen in eine Kasse gespielt wurde, der Verlierer also Geld in eine Gemeinschaftskasse einzahlen musste, die dann irgendwann feierlich geleert und in Getränke umgemünzt wurde.

Irgendwann wich dann die Unbeschwertheit dem sogenannten Ernst des Lebens, der mir vor allem in Form der Armeezeit in der NVA entgegentrat. Vorbei mit Skatabenden, Adieu, lange Haare, Leb wohl, Zelturlaub. Und als Angehöriger der Armee des sozialistischen Staates unter besonders liebevoller Beobachtung durch die staatlichen Organe.

In diese Zeit fiel die Fluchtbewegung ungezählter DDR-Bürger in den Westen. Kein Tag verging im Sommer 1989, ohne dass (von den Westmedien) wieder neue, atemberaubende Nachrichten kamen: 2000 Fluchten über Ungarn, 200 heute über Polen, die Botschaft in Prag nach „drüben“ evakuiert. Eine irre Zeit.

Und auch im privaten Umfeld täglich neue Nachrichten. M. ist „rübergemacht“, Frau W. ist „drüben geblieben“, K. hat einen Antrag gestellt, Herr L, der Lehrer, soll in Prag dabei gewesen sein... Auch Jörgs Mutter, die wir gut kannten und mochten, hatte die Gelegenheit eines „Westbesuches“ genutzt und war nun „drüben“.

Im Sommer '89 bekam ich Urlaub von der Armee, durfte Zivil tragen und wollte natürlich mit meinen alten Freunden – auch und vor allem mit Jörg – gebührlich feiern gehen. In der größten Diskothek der Stadt, wo man eben hinging, wo man sich zeigte, wo man sah und gesehen wurde.

Jörg wollte mich auf diesen Abend – im Vertrauen – vorbereiten: „Wir trinken heute Abend Sekt. Bis mein Geld alle ist.“ Das war ungewöhnlich, denn Sekt war eines der wenigen Luxusgüter im Arbeiter- und Bauernstaat. So etwas trank man nicht mal eben, schon gar nicht mit „Gaststättenaufschlag“, ich schätze heute den Flaschenpreis auf ca. 50 DDR-Mark – ein kleines Vermögen für Menschen, die 600-800 Mark im Monat verdienten.

Natürlich wollte ich wissen, was der Grund der Spendierhose sei? „Meine Mutter“, sagte Jörg, „ist drübengeblieben. Und ich versuch es morgen über die Tschechei nach Österreich.“

Ich war schockiert. Nicht wegen Jörgs Fluchtplänen, die hätte ich fast voraussagen können. Sondern wegen meiner Zugehörigkeit zur Armee: Ich müsste so etwas melden (was ich natürlich nie machen würde), wenn Jörg aber geschnappt werden würde, und herauskäme, dass ich Bescheid wusste, wäre ich dran. Und wer die DDR-Justiz noch kennt: „Begünstigung einer Republikflucht“, das war kein Kindergeburtstag. Das bedeutete Bautzen. Monatelang. Jahrelang.

Aber sei's drum, wir feierten Jörgs Abschied wie geplant. An den Sekt-Abend habe ich nur verschwommene Erinnerungen, wer nur das wässrige Bier für 48 Pfennig gewohnt war, war mit Sekt biologisch und metabolisch überfordert. Am Ende des Abends, das weiß ich allerdings genau, lagen wir uns in den Armen, denn wir wussten, wir würden uns nie mehr wiedersehen. Und das war keine theatralische Deutung, sondern Tatsache: Wenn Jörgs Flucht glückte, würde er nie wieder in die DDR einreisen können. Wenn er geschnappt würde: einige Jahre Gefängnis und dann Freikauf in den Westen.

Eine Sache verabredeten wir noch in unserem Sekt-Rausch: Sollte Jörg wohlbehalten im Westen ankommen, sollte er eine Postkarte schreiben: „Tante Erna geht es gut.“ Das sollte die Stasi irreführen, aus heutiger Sicht vielleicht etwas ungeschickt.

So gingen wir irgendwann berauscht nach Hause.

Wir konnten an diesem Abend noch nicht wissen, dass der Staat, dem wir alles unterwerfen mussten, schon bald nicht mehr bestehen sollte.

Wir konnten nicht wissen, dass Jörg eine abenteuerliche Tour durch die böhmisch-österreichischen Wälder vor sich hatte. Auf der er fast verzweifeln sollte, und die doch in Österreich endete.

Dass die Karte ankam (Tatsächlich!).

Dass ich viele Monate später Jörg in K. wiedersehen würde, offiziell eingereist in den Westen.

Das alles konnten wir nicht wissen; so, wie wir vieles nicht wissen, was kommt. Und was geht. Und was bleibt.

07. April 2020

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