Das kleine, sichtbare Nichts

von Alf Glocker
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Es ist ein ganz normaler Tag. Ganz normale Tage sind Tage für die ganz normalen Sinne. Aber ich muss heute den Einsatz meiner ansonsten ganz normalen Sinne bemängeln: Sie funktionieren nicht so richtig. Mein Blick in den Garten geht nicht nur in den Garten, sondern an seiner Erscheinung vorbei … er geht zwischen den Atomen hindurch, verirrt sich in den Quanten und heraus kommt – eine glasartige Struktur, die mal da ist und mal nicht. Dazwischen ist sie durchsichtig!

Das ist zunächst sehr interessant, macht mir dann aber dann doch ein bisschen Angst. Was sehe ich denn da? Meine Gedanken versuchen vergeblich eine festgefügte Oberfläche zu erfassen…doch je genauer ich hinschaue, desto unwirklicher wird die Wirklichkeit! Jetzt könnte ich natürlich meine Hypophyse befragen, ob ich mich nicht Hals über Kopf in irgendwen verlieben könnte, indem ich intensiv an ihn (sie natürlich) denke. Doch leider scheint meine Seele gerade keine Zeit für derlei Scherze zu haben …

„Vermutlich ist das ganze Universum ein Scherz!“, fantasiere ich vor mich hin und versuche zu lachen … dann aber kommt mir meine sterbliche Hülle – von der ich nicht einmal sicher weiß, ob ich mehr als das bin – in den Sinn und ich weiche vor dieser gläsernen Gesamterscheinung, die mich befallen hat, erschrocken zurück. Meine Gedanken scheinen frei im Raum zu schweben … Das gibt mir Mut. Womöglich darf ich mich ganz offiziell mit solchen Träumen, mit denen ich lebe, die das Leben erkennen als das, was es ist, beschäftigen, ohne mich gleich in einen Tod hinein aufzulösen.

Mir kommt es vor, als gäbe mir das eine Identität, obwohl doch genau das Gegenteil der Fall ist: Es nimmt mir meine Identität, meine Körperlichkeit. mich zu bezweifeln … meine Erscheinung als ein Geflimmer aus Quanten zu bezeichnen, die eigentlich nur in der Einbildung des Universums existieren, ist mir erlaubt? Wer oder was ist denn das Universum, wenn etwas durch seine Einbildung existiert? Bin ich das Universum, oder ist es, sind wir, eine Fata Morgana, die aus dem Dunkel einer Wahrheit kommt, die unerkannt bleiben möchte und sich deshalb in Quanten manifestiert?

Ich reibe mir die Augen und blicke noch einmal hin … da ist es plötzlich – für eine Nanosekunde – ganz verschwunden … bis ich plötzlich wieder aus diesem Tohuwabohu des Verschwundenseins auftauche, um zu erkennen, daß ich in Gefahr bin. Das beruhigt mich … denn Leben heißt, in Gefahr zu sein. Ich konzentriere mich auf die Anfechtungen und sofort leiten sich tausend logische Schlüsse daraus ab … ich muss essen, trinken, ich verliebe mich, ich atme, ich bringe mich vor Räubern in Sicherheit!

Und da ist es wieder, mein Leben! Der Garten besteht aus wunderschönen Pflanzen, die Vögel fliegen unter den Wolken herum und Katzen schleichen durchs Unterholz. Insekten wuseln geschäftig durch den Plan, wie auch Menschen durch ihr Dasein wuseln, ohne es jemals als gläserne Konstruktion gesehen zu haben. Ihre Sinne scheinen stärker zu sein als die meinen, da sie sich von den Banalitäten der Existenz so leicht fesseln lassen, als wären sie ins Netz einer Spinne geraten … es gibt eben überall Entsprechungen des Großen, Ganzen, im Kleinen und sichtbaren Nichts!

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Kommentare

07. Jul 2017

Das kommt dabei heraus wenn man glasklar auf das Nichts schaut und im dem Garten mal kurz die Sinne laufen lässt. Super Eindrücke!, an denen du uns teilhaben lässt, danke dafür.

LG Luise

08. Jul 2017

Tiefschürfend und gewagt kommt der Text daher. Das Nichts als sichtbar zu benennen, das ist ein kühner Bewusstseinssprung. So sieht sich der Autor als ein Geflimmer von Quanten, taucht für eine Nanosekunde ab ins Verschwundensein, um wiederum erleichtert aufzutauchen. >Da ist es wieder, mein Leben!<
Ein toller Text!

LG Monika