Gnothi seauton

von Mark Read
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Seltsam, dass man sich immer zu Grunde richten muss, um die Schönheit der Welt zu erkennen. Jedenfalls konnte ich mich, als ich völlig betrunken im Gras vor Ralfs Vorstadtvilla lag, nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt so intensiv den Sternenhimmel wahrgenommen hatte. Vier oder fünf Mojitos, mindestens drei Cuba Libre und grob geschätzt drei Gläser Rotwein, schon verspürte ich eine innere Ruhe wie seit Jahren nicht mehr. Minutenlang lag ich einfach da und betrachtete den Himmel. Und ich dachte tatsächlich an nichts außer an die Sterne. Dort oben waren so unsagbar viele von ihnen. Tausende, Millionen, Milliarden. Die Tatsache, dass selbst hundert Milliarden Sterne vermutlich nur ein winziger Ausschnitt eines grenzenlosen Weltalls darstellten, hätte mir eigentlich den Verstand rauben müssen. Tat sie aber nicht, denn ich war ja sturzbesoffen und in einem Zustand tumber Glückseligkeit.
Irgendwann fummelte ich mein Handy aus meiner Hosentasche, um nachzusehen, ob mir die hübsche Janine oder Jeanette, also jedenfalls diese Freundin von Ralfs neuer Freundin, ob die mir jetzt eigentlich ihre Nummer gegeben hatte. Wir hatten uns vorhin ziemlich gut unterhalten, zumindest kam es mir so vor. Sie war eine von der selbstbewussten Sorte, nicht auf den Mund gefallen. Klar wusste sie, dass sie hübsch war, aber das war ja völlig OK, denn sie trug es nicht vor sich her, wie so viele dieser innerlich frustrierten Anfang-Dreißig-Tussis aus Haidhausen, die sich im Grunde nichts sehnlicher wünschten als eine traditionelle Familie, mindestens zwei Kinder und einen berufstätigen Mann, es aber nicht übers Herz brachten, jemand anderem als sich selbst Platz in ihrem Dasein einzuräumen. Nein, die hier war eine nette, und ich musste sie unbedingt wiedersehen.
Im Kopfkino liefen Bilder einer intimen Seeschlacht unter ihrer Bettdecke. Was sollte ich dagegen machen? Ich war verdammt noch mal einsam, und in letzter Zeit war der Einzige, der mir regelmäßig Entspannung in den unteren Regionen verschaffte, ich selbst. Und ich trank zuviel. Ich war ein verdammtes Wrack, aber was sollte ich schon dagegen tun?

Also klickte ich mich schwerfällig durch das Telefonbuch meines Handy auf der Suche nach Janine oder Jeanette, oder war ihr Name doch Jasmin? Fand sie aber nicht. Dafür fand ich einen Jan. Welchen Jan? Dann begriff ich es.
"Scheiße", sagte ich. Ließ das Handy sinken. Hob es wieder hoch und hielt es mir dicht vor die Augen.
"Scheiße", sagte ich noch einmal.

Mit einem Schlag fühlte ich mich wieder einigermaßen nüchtern. Erinnerungsfetzen schossen aus der trüben Suppe meines Bewusstseins empor, und auf jedem einzelnen dieser Fetzen prangte Jans Name. Mir fiel sogar das exakte Datum wieder ein, an dem ich es erfahren hatte. Dabei konnte ich mir sonst überhaupt keine Daten merken, selbst bei den Geburtstagen meiner Eltern musste ich regelmäßig raten. Doch der vierte Mai vor sechs Jahren hatte sich mir tief eingebrannt.
Jan war in den frühen Morgenstunden von der Straße abgekommen, irgendwo zwischen München und Bad Tölz. Es hatte heftig geregnet an diesem Tag. Aquaplaning. Sie mussten ihn aus dem Wrack geradezu herausschälen, das sich um einen kräftigen Baum herumgewickelt hatte. Ich erinnerte mich an die Wut, die auf meine Schockstarre folgte. In der Gerüchteküche hatte es schon bald nach Jans Tod zu brodeln begonnen.

Er sei vollgepumpt gewesen bis oben hin, hieß es. Von Selbstmord war die Rede. War er nicht kurz zuvor von der Uni verwiesen worden, im vorletzten Semester, weil er irgendeine Prüfung zum wiederholten Male nicht bestanden hatte? Hatte ihn nicht fast zeitgleich seine Freundin nach fünf Jahren verlassen?

Ich stand diesem Schwachsinn hilflos gegenüber. So sehr ich auch schrie, meine Worte waberten ungehörten ins Nichts. Jans sogenannte Studienfreunde, diese gottverdammten aalglatten Schleimbolzen, hatten beschlossen, die infamen Unterstellungen für plausibler zu halten als die Tatsache, dass es einfach ein schrecklicher Unfall war, der ihn mit gerade einmal siebenundzwanzig Jahren aus dem Leben riss.
Jan hatte sich zum Zeitpunkt seines Todes wieder unter Kontrolle, das wusste ich. Keine Drogen mehr. Dafür konkrete Zukunftspläne. Er hätte in die Firma seines Vaters einsteigen sollen, das hatte mir irgendwer erzählt.

Wieder starrte ich auf mein Handydisplay. Sechs Jahre später, und Jans Nummer war immer noch da. Sechs Jahre nach seiner Beerdigung gab es die Nummernfolge noch immer, die einmal ihm zugeordnet gewesen war. Dieser Fakt machte mich tatsächlich fertig, mehr als es die Grenzenlosigkeit des Universums je vermocht hätte.
Vom Haus drangen die Geräusche der Party wieder zu mir durch. Irgendjemand lachte laut auf. Vielleicht die hübsche Freundin von Ralfs Freundin.
"Scheiße", flüsterte ich.

Ich spürte, wie mir alles zu viel wurde. Dort drüben, nur wenige Meter entfernt, tobte das pralle Leben. So, wie ich es eigentlich liebte - farbenfroh, unbesorgt, selbstverliebt. Und hier saß ich, ein jämmerlicher Haufen lieblos zusammengeklatscher Moleküle ohne den geringsten Wert für die Gesellschaft.
Ich war vierunddreißig Jahre alt und war im Grunde noch nie einer geregelten Tätigkeit nachgegangen. Weil ich Kunst machte. Weil ich Schauspieler war. Bei diesem Gedanken musste ich grinsen. Schauspieler, das klang irgendwie nach Glamour und großer Kunst. Dabei spielte ich Nebenrollen bei kleineren Inszenierungen im Volkstheater, meistens den treuen Freund des Helden, manchmal auch nur einen Lakaien oder einen Bediensteten, und verdiente damit gerade einmal genug für die Miete für ein kleines WG-Zimmer in Milbertshofen.

Das hinderte mich aber keineswegs daran, dass ich mich wie der große Zampano aufführte. Ich betrank mich sinnlos auf Partys und stellte jungen Frauen nach, die eindeutig in einer höheren Liga spielten und mich vermutlich bestenfalls lustig fanden. Ich war eine wandelnde Karikatur, und das nur aus einem Grund: weil ich Angst davor hatte, dass mir jemand den Spiegel vorhalten und mir mein Scheitern vor Augen führen könnte. Deswegen rammelte ich mich durch die Clubs der Stadt, ließ mich von Einrichtungshäusern zu beschissenen Events einladen und dort vollaufen. Nur um nicht so etwas wie einen Alltag erleben zu müssen, der mir deutlich machen könnte, was für ein lächerlicher Mensch ich geworden war.

Im Grunde hatte die Entwicklung zum Arschloch schon vor Jans Tod eingesetzt. Doch sein Abgang hatte meinen Verfall beschleunigt. Als Jan starb, war ich achtundzwanzig. Damals hatte ich tatsächlich noch konkrete Pläne und künstlerische Ideale, außerdem besaß ich Ehrgeiz und eine gewisse Selbstdisziplin. Und eine stabile Beziehung zu einer tollen Frau. Vier Monate später war Laura weg, der einzige Mensch außer Jan, der mir je Halt gab.
In dem Augenblick, als sie unsere Verlobung auflöste, glitt mir der Boden unter den Füßen weg. Das Idiotische hatte schon immer in mir gehaust, doch erst nachdem Laura und Jan aus meinem Leben verschwunden waren, hinderte mich nichts mehr daran, diesen Charakterzug auszuleben.

Ruckartig richtete ich meinen Oberkörper auf. Wieso, um alles in der Welt, kamen mir diese Gedanken ausgerechnet jetzt? Es war halb drei Uhr früh auf einer Gartenparty im gottverdammten Grünwald, ich hatte gebechert wie ein Berserker, und ausgerechnet jetzt liefen all die Fäden in meinem Hirn zusammen?

Seit mindestens vier Jahren hatte ich nicht mehr an Jan gedacht. Obwohl wir schon im Sandkasten zusammen gespielt und die meiste Zeit unserer Jugend unzertrennlich gewesen waren. Aber ich hatte es eben seit langer Zeit nicht mehr nötig gehabt, an irgendjemanden zu denken außer an mich selbst.
Plötzlich ekelte mich alles an. Das taufeuchte Gras unter mir. Der Lärm von klirrenden Sektgläsern und dumpfen Elektrobeats aus Ralfs Villa. Der Duft von vermutlich veganem Essen, das irgendjemand gerade in der Küche zubereitete und den anderen zugekifften und besoffenen Partygästen vermutlich als Leckerei anpries.
Ich dachte an Jan und an den Abend vor seinem Tod. Er hatte mir geschrieben, von eben jener Handynummer aus, die noch immer in meinem Telefonbuch lauerte.

Ob wir was machen wollen, er habe heute endlich mal Zeit, bevor er morgen ganz früh Richtung Süden fahren müsse, und…
Wäre cool, hatte ich zurückgeschrieben. Haben uns ja jetzt länger nicht mehr gesehen.
Hatte zuletzt viel um die Ohren, hatte er geantwortet.
Wem sagst du das, hatte ich geantwortet und einen Smiley dahinter gesetzt.
Also, heute um acht, Schwabinger 7?, hatte er gefragt.
Geht leider nicht, hatte ich geantwortet. Hätte echt total Bock, aber Laura hat heute die erste Aufführung mit ihrer Theatergruppe.
Ah cool, hatte er daraufhin geschrieben. Ist doch super. Was spielen sie denn?
Sommernachtstraum, hatte ich geantwortet. Wird hoffentlich trotzdem cool.
Klar, hatte er geschrieben. Dann halt nächstes Mal. Nächste Woche? Dienstag hätte ich Zeit.
Klingt gut, hatte ich geschrieben. Dienstag hab ich Zeit.

Am nächsten Morgen war Jan tot. Und ich hatte die Chance versäumt, mit ihm noch einmal einen draufzumachen, so wie damals, als wir achtzehn waren und das Leben ein Jahrmarkt mit lauter verrückten Fahrgeschäften, die es allesamt auszuprobieren galt.
"Scheiße", murmelte ich ein letztes Mal.

Jemand rief direkt hinter mir meinen Namen. Es war die hübsche Brünette von vorhin. Jeanette, Janine, Jana oder Jasmin oder Julia. Oder war es doch ein ganz anderer Name?
"Ich bin hier", antwortete ich.
"Was machst du denn da im Gras?", fragte sie. "Wir haben uns Sorgen um dich gemacht, weil du seit über einer Stunde verschwunden bist." Sie lallte ein wenig.
"Keine Sorge. Mir ging es nie besser als jetzt. Ich habe nur nachgedacht."
"Und was ist dabei herausgekommen?" Ein glucksendes Kichern.
"Einiges." Mit diesen Worten stand ich aus dem feuchten Gras auf. Zwar drehte sich der Boden unter mir etwas, doch meine Sinne waren völlig klar. Die Frau war wirklich verdammt hübsch, und abseits der lärmenden Party kam ihr entzückendes Normal-Sein noch weitaus besser zur Geltung.
"Willst du hören, zu welchem Schluss ich gekommen bin?", fragte ich.
"Unbedingt."
"Man sollte öfter mal betrunken in den Sternenhimmel blicken und durch sein Telefonbuch blättern."
"Verstehe ich auch nicht."
"Das ist besser als jeder Spiegel."
"Aha."
"Ich erzähle es dir. Hast du Zeit?"
Der Lärm von der Party war plötzlich weit weg. Ich setzte mich mit Janine oder Juliette oder Jasmin ins Gras. Seltsam, dass man sich immer ins feuchte Gras setzen muss, um die richtigen Dinge zu tun.

Geschrieben für das "Wörterspiel" auf www.bookrix.de im August 2016: Sechs Wörter suchen eine Story. Die vorgegebenen Wörter waren:
ausleben
farbenfroh
Gerüchteküche
Kopfkino
Leckerei
Sternenhimmel

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