Eine Kurzgeschichte: Das Zerdenken oder die Last der Modernen

von Linus Sawatzki
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Gott, wenn es denn einen gäbe, gab den Tieren ein Geschenk. Tiere leben vor sich hin, wissen aber, dass sie existieren. Sie denken, dass sie denken, doch sind nicht in der Lage, ihre Handlungen selbstreflektierend zu beobachten. Deswegen sind sie die Knechte ihrer Triebe und Instinkte, Leben um zu überleben, zu fressen, zu lieben und sich fortzupflanzen. Ein einfaches Leben, sorgenlos in vielerlei Hinsicht. Sie müssen sich keine Sorgen machen, was morgen ist, denn das Tier lebt mit dem Segen, einzig im hier und jetzt zu sein und nicht der Last auferlegt zu bleiben, stetig zwischen Vergangenheit und Zukunft im Zwiespalt zu stehen, dadurch einfach im flüchtigen Moment des Seins, der Gegenwart zu bleiben.

Der Mensch hingegen steht in verschiedenen Problemen, zunehmend mit der Globalisierung, dem technischem Fortschritt und den heutigen Werten, Erwartungen und Normen der Gesellschaft, in Zwiespalt. In erster Linie wurde uns auferlegt, dass wir nicht denken, dass wir denken. Wir konnten hinter diese Illusion blicken und verstehen, dass es nicht genügen kann, nur zu glauben, ein individuelles Bewusstsein zu haben, bei dem wir uns nicht selbst hinterfragen müssen und nur unseren tiefsten Instinkten zu folgen. So durchschauten wir dieses einfache Konstrukt einer Selbstständigkeit, die nur von den Trieben und dem Verlangen gesteuert ist und entwickelten einen scheinbaren, eigenständigen und freien Willen, zu werden was wir sein wollen. Wir entwickelten uns nach und nach weiter, bis wir dachten, dass wir denken, dass wir denken. Eine schwierige Aussage, doch geht das menschliche Leben heute weitaus darüber hinaus, zu „sein oder nicht sein“. Es gibt nicht ein Überleben oder Sterben, zumindest nicht im klassischem Sinne, auch wenn wir oft noch nicht verstehen, dass unser Gehirn und Körper nur darauf ausgelegt ist. Denn das, was wir heute als „Stress“ definieren, ist eigentlich nur Angst. Die tiefsitzende Angst, zu sterben, nicht zu überleben, in einer Leistungswelt. Wir sterben nicht, nur weil wir schlechte Prüfungen ablegen oder wenn unsere Liebe zu einem anderem Menschen nicht erwidert wird. Auch nicht, nach einem Streit oder einer Standpauke eines Vorgesetzten, unser Gehirn aber hat nicht die Möglichkeiten und evolutionären Kapazitäten, unserem Körper dies zu signalisieren. Hingegen unser Geist, versteht im Grunde, dass wir keiner lebensbedrohlichen Gefahr ausgesetzt werden, die Hormone, die in diesen Momenten vom unserem primitiven Körpern ausgeschüttet werden, sind allerdings dieselben, wie wenn wir einer ausweglosen, mit dem Tod konfrontierten Situation gegenüberstehen.

Doch widmen wir uns wieder der zwar sehr philosophischen, zu unserem Bedauern aber sehr wahren Aussage, zu denken, dass wir denken, dass man denkt. Was genau soll das dem Menschen sagen? Wir reden uns ein, zu wissen, dass wir keinen eigenen bzw. keinen freien Willen mehr haben. Genau so glauben wir zu wissen, wir (denken, dass wir denken, dass wir) denken.

In anderen Worten ausgedrückt, ist der Mensch in der Lage, zu glauben die Illusion zu haben, dass wir denken.

Durch unser heutiges Leben hat sich dies immer mehr und mehr in den Köpfen von uns manifestiert. Die wenigen unter uns, die nach und nach diesen Leitsatz wahrnehmen können, verbinden das Leben mit einem unendlichen Leiden. Gesteuert durch unsere Umgebung, unsere Gesellschaft, Fremdsteuerung durch eine Instanz, die wir uns selbst auferlegten und uns der Freiheit enteignen, zu sein. Schliesslich ist diese Denkart eine leichte, die wir auf unser ganzes Leben zurückführen und übertragen könnten: Wir werden geboren, lernen eine ortsabhängige Sprache, wachsen in einer vorgegebenen und etablierten Kultur auf, in der wir noch nicht die Erfahrungen, den eigenen Lebenssinn erfahren konnten, wodurch in diesem Moment kein freier Willen existiert, um zu verstehen, was um uns, als Kleinkind geschieht. Wir geraten in eine fremde Welt und werden nach ihrer Vorstellung erzogen und geformt, nach einer Welt, die Leistungsorientiert ist und uns dazu zwingen möchte, einzig zu leben um zu funktionieren. Eine Welt, in der man, um zu überleben nicht mehr zusammenarbeitet, sondern nur für sich selbst kämpft und Stück für Stück zum Egoismus erzogen wird. Im Kindergarten wird oft genug noch eine Gewisse Art der Harmonie ausgelebt, man darf zwar noch Kind bleiben, doch hier schwebt schon der Schatten der Leistungsgesellschaft unbewusst wie das Damoklesschwert über uns. Durch das, welches täglich in der Informationsflut der Sozialen Medien unsere begrenzte Auffassung überschwemmt, sowie durch Dispute, die wir innerhalb eines eigentlich geschützten Rahmens, der Familie mitbekommen und durch Werte, Kulturgut und Religion, deren wir hilflos ausgeliefert sind, ohne zu wissen wie ins geschieht. Spätestens in der Schule sind wir verloren. Leistungserbringung erwünscht, gute Noten, viele Hobbys, besser und besser sein, am besten der Beste. Vollkommen egal, ob ein Individuum andere Ressourcen ausschöpfen könnte, die nicht in einer von einem Kultus- und Bildungsministeriums geschteuerten Institution gefördert werden. Wir werden in ein Konstrukt geschmissen, in dem es heisst, der beste zu sein, und zu überleben oder zu sterben. Sein, oder nicht zu ein, in einer extremeren Art und Weise, in der unsere Urinstinkte, fressen oder gefressen werden, in eine vollkommen andere Richtung gelenkt werden, wofür unsere menschliche Hülle in diesen Zeiten noch nicht bereit ist. Denn bis heute ist das Tier, der Urinstinkt in uns verwurzelt und wir sind der Knecht unserer gebrechlichen Hülle, die unseren Geist ebenso gebrechlich macht.

Oft erinnern wir uns an die verwirrenden und ambivalenten Aussagen unserer Eltern, wenn wir nachhause kamen und voller stolz verkündeten, “Mama, Papa, ich hab eine 2- in Mathe geschrieben!“. Unsere Eltern schauten uns an, waren im ersten Moment mehr als erfreut, doch meist war ihre Entgegnung darauf, “Und was war die beste Note?“. “Eine 1-2.“, antworteten wir. “Und warum hast du dann keine? Es wäre ja machbar gewesen?“.

Dieses Gespräch kennt so gut wie jeder. Ob es ein Necken der Eltern war, wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht und können nicht einordnen, worauf mit dieser Ansage angespielt wird. Haben wir die Leistungsanforderungen nicht akzeptabel erfüllen könne, wenn im Vergleich die individuelle Leistung nicht der entspreche, die die breite Maße erbringen würde? Doch wenn wir eine schlechte Note schrieben und erklärten, dass schlichtweg Alle aber sehr viel schlechter als wir gewesen wären, unabhängig ob es wahr gewesen wäre, wurde uns vermittelt, es sei nicht von Interesse, was andere für Leistungen erbringen würden. Ein Widerspruch in sich, ein Paradoxon, dass für den zarten Geist eines Kindes nicht greifbar war, aber unterbewusst einen Gedanken, ein Soll in uns, wie Unkraut wachsen läßt.

“Ich muss Leistung erbringen“!

Im Sport, bei Spielen, ob in den jungen Jahren oder als Erwachsener, wir wollen gewinnen. Am besten mit einem vernichtenden Sieg über unsere Gegner. Noch besser, wenn wir selbst dabei glänzen können und unser Ego dadurch Genugtuung verschaffen. Die Sozialen Medien vermitteln uns täglich auf jeder Art der Informationsvermittlung, man möchte gewinnen, der schlichte Lebensweg ist das Gewinnen.

Nach der Grundschule, der Unter- und Mittelstufe geht es schließlich in die leistungfordernste Phase unseres jungen Lebens. Das Abitur. Wer hier scheitert, scheitert scheinbar im Leben. Eine weitere Aussage, die uns von allem um uns herum vorgelebt und eingetrichtert wird. So fühlt es sich zumindest an, eine einfache Dezimalzahl würde über unser vor uns liegendes Leben entscheiden können und uns die unzähligen, scheinbar endlosen Möglichkeiten nehmen können, uns zukünftig selbst zu verwirklichen? Zu unserem Bedauern endet die Einbahnstraße der Leistungsorientiertheit nach diesem Kraftakt nicht. Exmatrikulation, wieder Leistung erbringen, oder berufliche Erfahrungen sammeln in einem Ausbildungsberuf, trotzdem Leistung. Und weiter eröffnet sich der Abgrund zwischen fressen und gefressen werden, Leistung erbringen oder scheitern, die Wegbereitung für die Chancen auf ein akzeptables und rentables zukünftiges Berufsbild. Geld, Geld und immer mehr Geld, der Konsum und das Glück gehen Hand in Hand, doch hinterlässt diese chiosbringende Symbiose eine kleine, für uns unergründliche leere, ein Leben lang, die stetig wächst und gedeiht.

Vielleicht blicken wir irgendwann auf unser Leben zurück, sehen und hinterfragen alles und reflektieren ernsthaft, habe ich überhaupt gelebt und war ich glücklich? Ist diese Erwartungshaltung in dem heutigen Gesellschaftsbild noch möglich? Kann ich mich frei entwickeln, mein eigenes Selbstbild verwirklichen und einen freien Willen in seiner Wahrhaftigkeit erfahren? Ist es uns vergönnt, unser denken frei zu entwickeln, oder denke ich, was mir aufgebrüht wird? Vielleicht sind wir doch nur fern und fremdgesteuert, nicht anders als Tiere von ihren Impulsen, ihren Instinkten, werden wir von der Gesellschaft in eine vorhergesehene Richtung gedrängt und glauben viel zu lange, dass wir diese Illusion des Denkens nicht durchbrechen können.
Dabei müssten wir einfache unser Leben umstrukturieren, Achtsam sein und uns im Leben wieder die essentiellen Lebensweisheiten ins Gedächtnis rufen. Uns wird nicht auferlegt, leben zu müssen. Wir haben die Entscheidungsfreiheit, es uns selbst zu erlauben. Doch muss jedes Individuum, auch in einer leistungsgesteuerten Welt, Leben um Leben zu wollen und sich selbst zu verwirklichen. Schließlich bleibt uns immer, die Entscheidungsfreiheit nicht einfach nur zu glauben, sondern zu wissen und alles negativ belastete um uns herum auszublenden.

Gut, nach anthropologischer Ansicht unterscheiden wir uns von Tieren in vielerlei Hinsicht. Wir sind in der Lage, uns selbst zu erfahren und zu reflektieren und zu entscheiden, ob das selbst oder fremdgeschehene das Richtige oder Falsche sei. Doch wer bestimmt, was Richtig wäre? In der ersten Instanz ist dies auch nur eine Desillusionierung, eine Vorgabe, die uns Vorgelebt wurde, bis wir uns irgendwann unsere eigenen Werte suchen, welche zu unseren Überzeugungen passen und wir mit unserem Gewissen vereinbaren können.

Aber uns unterscheidet eine essentielle Besonderheit, welche zugleich eine weitere Bürde der Gesellschaft ist, die wir uns selbst auferlegt haben. Wir Leben in der Vergangenheit, um aus ihr begangene Fehler zu vermeiden, wir leben in der Zukunft, um vor uns stehende Ereignisse im Vorfeld zu bewältigen. Allerdings haben wir keinen Einfluss auf Geschehenes oder Zukünftiges. So leben wir nicht in der Wirklichkeit, in der Wahrhaftigkeit eines Momentes. Wenn wir auf der Suche in unserer Erinnerung nach einem schönen Moment sind, welchen versuchen wir als erstes zu greifen?
Die Situation wird da sein, die Umstände, die hierzu geführt haben, schließlich ist dies die eigene Erinnerung. Allerdings geht es hier um eine prägnante Wahrheit, denn nur die wenigsten werden den Moment in seiner Echtheit gefühlt haben. Jeder Moment ist die eigene Wahrheit, wird nie simultan zu der Wahrheit, die ein anderer empfunden hat sein.

Zu fühlen, wenn sich die Wärme der Sonne wie eine leichter glühender Umhang auf der Haut ablegt, der Untergrund auf dem man geerdet den Boden unter sich fühlt und wo Extremitäten und der Torsos sich mit ihm verbinden. Vielleicht das kühle Gras, dass in den Händen umher gleitet, durch eine leichte Priese. Die Berührung eines geliebten Menschen, dessen Haut auf der eigenen. Der Geruch, der in diesem Moment die Luft um einen herum erfüllte oder mein Atem, der langsam in meine Lungen einzieht und leichte Kälte oder Wärme, Trockenheit oder Feuchte, die dabei gefühlt wurde? Alles um einen herum, das wir wahrnehmen, fühlen, riechen, sehen und hören können. Nicht einfach nur das verfolgen eines Gespräches, sondern das bewusste genießen eines Momentes in seiner Ganzheit. Vielleicht nur ein Rauschen im Hintergrund, Vögel die fröhlich durcheinander singen, in der Stadt das Geräuschchaos um einen herum und das bewusste wahrnehmen und herausfiltern dessen, was wir hören möchten. In diesem Moment passiert mit der Selbst und Fremdwahrnehmung etwas neues, vorausgesetzt nehme diesen Moment wahr.

Das Leben im Hier und Jetzt. Nur so kann ein Moment zu jedem Prozent Wirklichkeit und die eigene Wahrheit werden. Nur dann, wenn wir ihn voll und ganz erfahren möchten werden wir aufhören, an der Vergangenheit oder Zukunft hängen zu bleiben.

Jeder Moment kann echt und einzigartig werden, auf seine Art und Weise. Das Wichtigste daran wird sein, dass unabhängig davon, was wir denken, ob wir denken, dass (…) wir denken. Wir leben einfach nur, egal welche Erfahrungen wir gemacht haben, was uns vorgelebt wurde - wir bleiben in der Wirklichkeit, ohne Grenzen, die uns auferlegt wurden oder jene, die wir uns Selbst auferlegen.

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