Leben in Zeiten der Massenpsychose - Page 13

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gerade mit diesen Ländern näher zu beschäftigen, die
sich bislang den erzwungenen Gesundheitsschlaf ersparten. Ich hoffte sehr,
dass diese bei der lockeren Behandlung dieser „Krise“ bleiben würden, damit
hinterher wenigstens ein Vergleich gezogen werden konnte, wie es *ohne* diese
Drastik verlief. Dennoch machte ich mir schon zu diesem Zeitpunkt keine
Illusionen mehr: Diese mediale Erzählung war schon viel zu groß geworden, um
jemals offen auszusprechen, dass diese Vorgänge unnötig gewesen sein könnten.
Egal wie die Wirklichkeit sich entwickeln würde.

Urlaub an der Heimatfront

Nachdem man uns den ausländischen Italienurlaub und dann auch den inländischen
Inselurlaub ruiniert hatte, begnügten wir uns in der zweiten Urlaubswoche
resigniert mit Wanderungen in der heimischen Region. Unter den Bedingungen der
Ausgangssperre schienen einige Mitbürger die Schönheit der Natur
wiederzuentdecken: Fern von zu erwartenden Polizeistreifen konnte man sich
hier noch relativ normal bewegen. Doch es blieb die Frage des
Transportmittels. Mein Lebenspartner scheute sich davor, wie sonst üblich den
Zug zu nutzen. Öffentliche Verkehrsmittel waren nun tabuisiert. In ihnen
drohte die Viren-Lebensgefahr. Wie würde man da nur vom Bahnpersonal angesehen
werden, wenn man es wagte, in ihren Zug zu steigen? Und tatsächlich las ich
unglaubliches von der Deutschen Bahn. Nach jahrelangen Preiserhöhungen,
Privatisierungsträumen, Konzentration auf die vielgenutzten Strecken zwischen
Städten, war in dieser Lage nun folgendes zu vernehmen: Die DB freute sich,
dass ihre Züge nur noch zu 30 Prozent ausgelastet waren. Leere Züge, kaum
Passagiere. Das Angebot war zwar reduziert, aber die fast leeren Züge fuhren
noch. Wie ein Fanal wirkte diese Feststellung auf mich. Eine nutzlos gewordene
Maschinerie operierte weiter und man freute sich darüber, dass sie auch kaum
jemand mehr nutzen sollte und wollte.

Nichtsdestotrotz getrauten wir uns gegen Ende unseres komplizierten Urlaubs
doch einmal wenigstens einen Regionalzug zu besteigen. Wir spekulierten schon,
ob wir uns überhaupt die Mühe machen sollten, Fahrkarten zu erwerben. Es hieß
immer wieder, dass in Regionalzügen keinerlei Kontrollen mehr stattfinden
würden. Ich wollte wegen ein paar gesparter Euros aber auch keinen Ärger auf
mich nehmen und so lösten wir brav alle Fahrkarten inklusive solcher für
unsere Fahrräder. Dies war sozusagen ein mehrfacher Verstoß gegen die neue
Kultur. Die gemeinsame nicht lebenswichtige Freizeitbeschäftigung in großer
Entfernung unter Verwendung eines öffentlichen Verkehrsmittels.

Auf der Hinfahrt tauchte nach langer Zeit tatsächlich eine Kontrolleurin im
fast leeren Zug auf und fragte uns nach den Fahrkarten. Als ich ihr mein
Telefon mit den digitalen Fahrkarten hinhalten wollte, zuckte sie erschrocken
zurück. Nur nicht zu nah an fremde Menschen oder deren Gegenstände geraten.
Eigentlich wolle sie nur wissen, wohin wir fahren würden, teilte Sie mir mit.
Also nannte ich unser Ziel. Ob das unsere Fahrräder wären wollte sie auch noch
wissen. „Dafür brauchen Sie auch noch eine Fahrkarte!“ Ich gab zu verstehen,
dass ich diese auch hätte. Ah, dann sei es ja gut, sie sei ja schon froh, dass
wir überhaupt eine Fahrkarte hätten! Zugfahren auf Vertrauensbasis. Das
Zusammenleben in der Gesellschaft konnte manchmal so einfach sein.

Auch Kinder und Jugendliche waren voll von der AB betroffen. Kinder galten
zwar als so gut wie gar nicht durch C gefährdet. Doch wurde der Teufel an die
Wand gemalt, dass sie als besonders tödliche Infektionsquelle ihre Eltern und
Großeltern niederstrecken könnten. Schulen und Kindergärten waren daher schon
lange geschlossen. Doch auch Spielplätze und Sportanlagen wurden gesperrt. Sie
wurden mit rot-weißen Absperrbändern, wie sie für Baustellen verwendet werden,
notdürftig umrahmt. Wer auch immer diese Bänder herstellte, musste in diesen
Tagen ein deutliches Umsatzplus verzeichnet haben, dachte ich mir. Ein
besonders bizarres Bild bot sich mir bei einem Ausflug an, auf dem ich an
einem Baskettballplatz vorbeikam. Dieser Platz war immer ein lebendiger
Treffpunkt bei Jugendlichen, wo sie unter sich sein konnten. Diesmal waren
außer den Absperrbändern noch zwei Polizeibusse zu sehen, die mit laufendem
Motor in der Aprilfrische jene Baskettballkörbe bewachten, damit sie keiner
ungesetzlichen Benutzung anheim fallen konnten. Polizist: das war ein
vielfältiger Beruf! Und dieser Beruf hatte gerade ein ungeahntes neues
Aufgabenspektrum hinzugewonnen. Sportanlagen gegen Jugendliche verteidigen war
sicherlich eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Mancher in der Nähe lebender und sich
nach Ruhe sehnender Rentner hatte sich das vielleicht schon seit Jahren
gewünscht.

Die Moral der Pandemie

In meiner Gesellschaft hatte sich in den letzten Wochen nichts weniger als
eine Moral herausgebildet. Ja lieber Leser, da werden Sie sich fragen, wo Sie
denn ihren Moralkompass zuletzt gesehen haben? In irgendeiner düsteren Ecke
wird er noch liegen, schon völlig verstaubt. Der (wirtschaftliche) Erfolg
alleine gab einem seit Jahrzehnten recht. Und nun galt es plötzlich seine
Mitmenschen zu retten. Der Stubenhocker, der vor einem Monat noch ein
Sozialfall mit Kontaktschwierigkeiten und einer Überdosis Medien- und
Computerkonsum war, war nun das neue Vorbild. „Bleib zu Hause!“ bzw. in
wohlklingendem neudeutsch „Stay at home!“ war das neue Ideal. Ich denke diese
beiden Phrasen rechtfertigen einmal mehr den Griff zum Unwörterbuch.

Nach 20 Jahren Terrorkultur in unserem Land nun das. Erinnern Sie sich noch an
die Terrorwarnstufen der Geheimdienste? Der gefährliche Islamismus. Um unsere
Freiheit zu retten, mussten wir scheibchenweise unsere Freiheit opfern, so
wurde uns unablässig erklärt. Zuletzt hatte unser Staat da selbst ganz gut
mitgemischt und Terroristen etwa in Syrien unterstützt. Aber dabei handelte es
sich natürlich um Freiheitskämpfer, oder, um bei der offiziellen
Sprachregelung zu bleiben, um „gemäßigte Rebellengruppen“. Geblieben sind uns
vom Krieg gegen den Terror vor allem Dinge wie irrwitzige
Abfertigungsprozeduren an Flughäfen, mit Maschinengewehren patrollierende
Polizisten an Bahnhöfen oder Zementblöcke in Einfahrten zu Weihnachtsmärkten.
In diesem heutigen Virenkrieg waren nun plötzlich die Menschen selbst die
Terroristen: Jederzeit konnte man völlig unwissentlich beim Betreten der
Straße einen anderen Menschen anstecken und damit vermeintlich auf dem
Gewissen haben. Es war gar nicht mehr nötig einen Terroristen an seinem langen
Bart ins Land zu ziehen. Der potentielle Mörder steckte nun in uns allen. Die
Gefahr von Außen wurde durch die Gefahr von Innen ersetzt. Hier half es nun
nur noch sich selbst zu züchtigen. Wer nicht zu Hause blieb handelte
„unverantwortlich“. Diese Menschen hatten es immer noch nicht „verstanden“.

Im Buch „Die Gesellschaft und das Böse“ schrieb Arno Plack über die
Unterdrückung der Triebe unter dem Deckmantel der Moral in unserer
Gesellschaft und über die Massenpsychologie, die dahinter wirkt. Folgendes
schrieb Plack über den Bewegungstrieb ([Plack1968], Seite 188):

```
Die Frage, um die es uns geht, wie frei der Einzelne ist im Verhältnis zu
seinem eigenen Bewegungstrieb, hat sich unversehens schon hinreichend negativ
beantwortet. Wer ganz eingesponnen ist ins Netz unserer Kultur, hat wohl
nicht die Freiheit, an ihm zu zerren. Etwa aus gesundheitlichen Gründen zu Fuß
ins Büro zu kommen statt im eigenen Wagen, das wird jenes Prestigedenken
verwehren, das einer nicht aus sich selber hat. [...] Im eigenen Wagen fahren
ist vornehm. Es war ja ehedem das Privileg der Fürsten und

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