Gefährlicher Sommer (Teil 8) - Page 2

von Annelie Kelch
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mal, dort hinten“, sagte Konny, nachdem wir eine Weile schweigend in der Erde gewühlt hatten, und deutete auf die grasüberwucherten Wege und verwilderten Buchsbaumhecken.
„Der Park ist an manchen Stellen schon richtig verwahrlost und öde, der reinste Dschungel. Er wird immer unzu­gänglicher. Wir könnten ihn nach und nach wieder auf Vordermann bringen, sonst wächst er womöglich noch zu. Wenn Kora und Hannes uns helfen, reicht die Ferienzeit vielleicht aus.“
„Hm“, seufzte ich und dachte an meinen ar­men Freund Knut, dem ich post mortem zur Gerechtigkeit verhelfen wollte. Auch das erforderte Zeit, viel Zeit sogar.
„Du scheinst von meiner Idee ja nicht ge­rade be­geistert zu sein“, schmunzelte Konny.
„Na ja“, sagte ich rasch, „ich wür­de unsere Gnädigste ja auch liebend gern mit einer guten Tat überraschen, nur nicht eben in diesem Sommer. Und wenn ich ehrlich bin, gefällt mir der Park trotz oder gerade wegen dieser Verwahrlosung ausgesprochen gut, diese geheimnisvoll zugewachsenen Gänge und verwilderten Lauben. In manchen Ecken und Winkeln fühlt man sich wie in einem verwunschenem Märchenwald. Dort wird mir jedes Mal ganz schwummerig zumute, und ich schaue mich ständig um, ob irgendwo eine böse Hexe im Dornendickicht lauert. Oft habe ich gar das Gefühl, als streiften Elfen und Kobolde mich im Vorüberschweben; aber zu guter Letzt erscheint die gütige Fee und geleitet mich zu einer der drei Pforten. Das fühlt sich unglaublich an, kann ich dir sagen, Konny, so richtig schaurig-schön. Wir sollten nicht allzu viel än­dern. Außerdem bin ich längst nicht so zuversichtlich wie du. Zu glauben, dass Kora und Hannes uns helfen, ist purer Optimismus.“
Konny be­gnügte sich mit meiner Erklärung. Er schien überhaupt ein sehr zufriedener und ausgeglichener Mensch zu sein, was ich in Anbetracht seines zarten Alters ziemlich unge­wöhnlich fand.

„Katja, dein Früh­stück ist fertig. Anita wartet mit dem Zuckerei“, grölte Leni vom Hof aus in unsere Rich­tung.
Lauter geht 's wohl nicht, dachte ich peinlich berührt. Die Sache mit dem Zuckerei machte mich reichlich verlegen. Es war ein Wunder, dass mein Kopf nicht erglühte wie schwelende Kohlen; er fühlte sich trotz der ungewohnten Ar­beit und Lenis rücksichtsloser Offenheit relativ kühl an.

„Oje, schon zehn nach acht“, hörte ich mich rufen, während ich die Hacke an einen Jägerzaun lehnte, an den sich eine Armee von Brennesseln schmiegte. An eini­gen Stellen waren die bunten Wicken demütig zurückgewichen und hatten den unangenehm prickelnden grünen Pflanzen kampflos das Feld überlassen; aber besonders elend erging es dem gelben Ginster, den die Haftwurzeln des wilden Weins gefangen genommen hatten und damit seinen Entwicklungsdrang hemmten.
Ich streifte Lenis erdverkrustete Gartenhand­schuhe von den Händen und legte sie ins Gras.
„Bin gleich zurück“, infor­mierte ich Konny.
Es grenzte an ein Wunder, dass Oma nicht schimpfte, weil ich zu spät zum Frühstück kam. Gewiss hatte Leni ihr berichtet, wie fleißig ich den ganzen Morgen über gewesen sei. Ich beeilte mich mit dem Essen, schlang die Marmeladenbrötchen förmlich hinunter, und Omas Augen wurden immer größer und böser, aber ich wollte auf gar keinen Fall, dass Konny die ganze Arbeit alleine machen musste.
***

Konny und ich jäteten eine geraume Weile schweigend vor uns hin und hingen unseren Gedanken nach.
„Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, weshalb Leni zwischen den Karot­ten immer Zwiebeln sät“, unterbrach ich die friedliche Stille und zeigte auf die Beete des wenige Meter entfernt liegenden Gemüsegartens.
„Da vergeht einem doch glatt der Appetit auf Mohrrüben.“
„Das ist wegen der Insekten“, gab mir Konny eifrig zu ver­stehen.
„Es gibt nämlich einige Schädlinge, die den Geruch von Möhren nicht ausstehen können und umgekehrt. Deshalb lassen sie die Pflanzen größtenteils in Ruhe, clever nicht?“

Um kurz nach zwölf spürte ich die ersten Schmerzen im Rücken. Außerdem war es mittlerweile heiß wie in einem Schmelztiegel. Die Sonne war zur vollen Mittagshöhe aufgestiegen und brütete bleich wie geronnener Käse über dem Park. Ihr grelles Licht blendete enorm und der scharfe Duft der Kräuter reizte meine Atemwege. Die roten Johannisbeeren an den Sträuchern am Parkrand glänzten im flirrenden Licht wie kleine Glasmur­meln.
Luchs kam hechelnd und mit hängender Zunge angeschlichen, strich raschelnd durch die Büsche, trottete zum pausbäckigen, leicht verwitterten Steinengel, hob das Bein und pinkelte ungeniert gegen den von hohem Gras umgebenen Sockel. Nachdem er ausgiebig die Petersilie beschnuppert hatte, patrouillierte er die Ligusterhecke ab und fand schließlich ein Plätzchen unter dem überhängenden Wuchs einer Weißbirke, die ein kleines Rasenstück beschattete. Er streckte alle Viere von sich; man sah nur noch seine Vorderläufe und den darauf ruhenden Kopf mit der spitzen Schnauze.
„Kluger Hund“, lobte Konny den guten alten Luchs, der dem Fernsehhund „Lassie“ zum Verwechseln ähnlich sah.
„Ich mag gar nicht an den Muskel­kater denken, der uns spätestens morgen attackieren wird“, stöhnte er nach einer Weile. „Es wäre ratsam, wenn wir für heute Schluss machen, Katja. Morgen ist auch noch ein Tag. Wir haben eine Menge geschafft, dürfen aber keinesfalls vergessen, heute Abend zu gießen. Es wäre unklug, wenn wir es in der Mittagshitze täten.“
„Ich werde ganz gewiss daran denken“, versprach ich.

Wir schleppten die Hacken und Spaten zurück ins Gerä­tehaus. Konny rann der Schweiß in kleinen Rinnsalen von der Stirn. Mir brannten die Augen, und mein Gaumen fühlte sich dermaßen trocken an, als wäre mir die Spucke abhanden gekommen.
„Ach, fast hätte ich das Wichtigste vergessen!“
Konny schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn und hinterließ dort einen ausgefransten dunklen Fleck, ähnlich jenen Gebilden, die Tintenkleckse zwischen gefaltetem Löschpapier hinterlassen.
„Hannes lässt fragen, ob du mit uns zum Baden kommst, Katja. Wir wollen zu den Kiesteichen im Lachauer Forst, Kora kommt auch mit.
„Klasse Idee“, rief ich erfreut – nicht allein an­gesichts der brennenden Sonne.
„Sagt bitte Leni Bescheid, wenn ihr startklar seid. Auf jeden Fall warte ich in der Veranda auf euch.“
Liebe Christine, schwant dir was? Ich weiß es leider nicht, aber bei den zwei Wörtchen „Lachauer Forst“ hättest du stutzig werden müssen. Ich wollte ja eigentlich al­lein den Ort aufsuchen, wo Knut ermordet wurde. Die Kiesteiche liegen näm­lich in öst­licher Richtung des Waldes, und Opa meint, es sei naheliegend, dass Knut im­mer gen Osten gewandert sei, bevor er den Hochsitz erklomm, um sich dort oben auszu­ruhen und das Wild zu beobachten. Vielleicht kämen wir am Tatort vor­bei. Mein Herz machte bei diesem Gedanken einen gewaltigen Satz.
So viele Hochsitze gebe es in dieser Gegend nicht, hatte Opa mir nämlich ohne Arg­wohn und Umschweife die Stelle beschrieben, an der Knut ums Leben gekommen war.

Nach dem Mittagessen flitzte ich in meine Kammer, zog meinen Badeanzug unter die weiße Caprihose, streifte einen blauen Pulli drüber und packte Unter­wäsche, Sonnenöl und ein Hand­tuch ein. Kurz vor der Treppe nahm ich meine Sonnenbrille ab, die ich gerade aufgesetzt hatte. Es war auch ohne sie schummrig genug in der Diele. Dieser Dämmer und der einzigartige Geruch nach gediegenen Möbeln und Sommer­obst sind unverwechselbar und gehören zum stattlichen Herrenhaus wie Leni und die Gnädigste.
Beide saßen übrigens am Küchentisch und schnippelten grüne Boh­nen. Gudrun, die nicht nur bei der Ernte hilft, wie du längst weißt, hatte sie am frühen Morgen gepflückt. Ich fragte Leni, ob ich ihr Fahrrad ausleihen dür­fe.
„Klar doch“, sagte sie. „Es steht im Schuppen hinter der Lau­be.“

„Viel Spaß, Katja“, wünschte mir Frau Brandner, und Leni fragte: „Du fährst doch wohl nicht alleine durch den Wald?“
„Selbstverständlich nicht“, beeilte ich mich zu sagen. „Kora, Konny und Hannes kommen auch mit.“
„Na, das hört sich ja schon viel besser an“, lachte Leni und winkte mir zum Abschied zu.
Zu guter Letzt sauste ich in Omas und Opas Salon, bremste gerade noch rechtzeitig ab, weil Mutti in der Nähe weilte, liebe Christine, schritt lang­sam und manierlich zum Bücherschrank, und zog mir wahllos einen Schmöker aus der untersten Reihe. In dieses Fach sortiert Opa normalerweise seine Krimis. „Unterm Rad“ war mir zum Mitnehmen zu schade. Ganz davon abgesehen, dass es nass oder schmutzig werden könnte. Dann müsste ich es er­setzen.

„Fahre zum Baden“, rief ich meiner Mutter zu, die an Omas Nähma­schine saß und irgendetwas fabrizierte, das mir verdächtig modisch vorkam. Auf alle Fälle hatte der Stoff die Farbe von edlem Cognac, der „letzte Schrei der Sommersaison". Mein einziger Gedanke war: Hoffentlich will sie nicht ausgerechnet mich damit beglücken.
„Pass gut auf dich auf, Katja“, gab Mutti mir mit auf den Weg.

Bevor ich mich in die kühle Veranda setzte, warf ich noch einen Blick auf die Laube. Oma und Opa hatten sich nach dem Abwasch des Mittagsgeschirrs nach dorthin zurückgezogen und waren eingedöst.

Collage, von mir erstellt

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Kommentare

09. Aug 2017

Selbst wenn (scheinbar) nicht viel passiert -
Der Text, er wächst - und fasziniert!

LG Axel

09. Aug 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar,
in jenem achten Teil geschieht nicht viel, das ist wohl wahr.
Doch wart' es bitte ab, es geht sehr turbulent bald weiter.
Ihr solltet doch erst die Personen besser kennenlernen:
Konny, Kora, Hannes und so fort und auch die lieben Landarbeiter.

LG Annelie

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