Das nicht schlechte Staunen

von Alf Glocker
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Das Staunen an sich ist bereits bestaunenswert, glaubte ich wenigstens zu wissen, als ich mich einer eingehenden Prüfung unterzog, ich mich einer solchen stellte, dabei aber nicht aus dem Rahmen fiel. Denn dort gehören wir ja neuerdings alle hin: aus dem Rahmen. Aber das ist nicht erst jetzt der Fall, das verfolgt das Menschengeschlecht seit seinem Auftreten anno dunnemals, wobei ich mir nicht einmal sicher bin, daß dies schon mal jemand bemerkt hat. Man muss schon schwer sündigen dabei und Wege beschreiten, die absolut verboten, noch in den Tiefen des Paradieses schlummern, wie beispielsweise das Essen vom Baum der Erkenntnis.

Bloß nicht, bloß nicht, sonst kommt der große, böse Wolf, sperrt dich in einen Käfig und versucht dich solange zu mästen, bis ihn die Großmutter des Teufels frisst, große Augen und lange Zähne hat, aber auch eine Teuerung durch das Land geht, Rapunzel ihr Haar in die Suppe fallen lässt und der Knüppel aus dem Sack den Esel verprügelt, der goldene Eier legt. Das ist abzulesen, mit der absolut farblosen Lesebrille, die man bei keinem Optiker und auch nicht im Panoptikum, sondern auch nicht in der Schule bekommt … höchstens, wenn man mal niemanden mehr im Spiegel sieht, der jeden Morgen aufstehen soll, um die Welt zu verbessern.

Letzteres gilt wahrscheinlich für jeden, aber nicht alle nehmen es zur Kenntnis, eher schon zur Unkenntnis! Als ich z. B. heute Morgen die Zeitung aufschlug und in mein persönliches Horrorskop blickte und erkannt hatte, daß ich die Tages-Arschkarte gezogen hatte, war ich sofort hin und mit – Geduld begriff ich, was Sache isst: Kronos nämlich. Der war zunächst nicht zu beneiden – er (fr)aß einen Teil seiner Kinder, die anderen steckte er in den Tartarus (wo wir heute noch sind), um die Zukunft zu verhindern. Doch dann fiel ihm der eigene Himmel auf den Kopf – beim Zeus!

So entstand (auch für mich) die Zeit aus einem Silberstreif am Horizont. Und so entsteht sie auch heute noch jeden Tag. Aber in jedem Haus tut sie das auf andere Weise. Manchmal wachen wir morgens auf und sehen keinen Unterschied zwischen dem letzten Alptraum und der Gesamtsituation vor dem Bett. Dann staunen wir nicht schlecht, weil wir zu Bewusstsein gekommen sind. Das – dieses Staunen – sagt man ja auch manchen Verstorbenen nach, die angeblich zunächst gar keine Ahnung haben, warum sie sich und wo überhaupt befinden.

Viele Liebende kuscheln sich noch einmal genüsslich in die Federn und fangen an, Schafsköpfe zu zählen. Sie er-zählen sich selbst eine Story von der eigenen Tüchtigkeit und wundern sich nicht, mit der schweigenden Mehrheit zusammen, daß „es“ ausgerechnet bei ihnen funktioniert. Ihrer Meinung nach funktionieren Problemlösungen nämlich so: Mir fehlt etwas, ich bin unzufrieden, ich stelle mir vor, ich bekomme, was ich brauche und es klingelt an der Türe, im Nu ist der Briefträger an meinem Bett und wenn ich hellwach bin, empfinde ich mich schon wieder neu vergoldet.

Das glaube, wer will! Und wer würde das nicht wollen!? Ein anderer – er will auch – vermisst etwas, solange, bis er wieder etwas verliert. Das nennt man Kausalität und die funktioniert fast genauso gut wie die Geschichte mit dem Briefträger, nur andersherum. In diesem Fall klingelt es am Bett und der Briefträger geht vergoldet nach Hause. Aber jetzt sind alle zufrieden, der goldene Mann und der Alpträumer, denn während der eine froh vor sich hin glänzt, lächelt der andere gequält und arbeitet wie besessen, um wenigstens zu lieben und zu ehren, zu halten und zu bewahren, in guten und in ganz guten Tagen, ohne nochmal nachzufragen.

Dadurch entsteht das globale Durcheinander! Alle Menschen lachen, bilden vielleicht Lichterketten, das heißt, die einen bilden Lichterketten und die anderen blasen sie aus … erst die Ketten, dann die einzelnen Teilnehmer der Ketten. So kommt große Freude auf. Die einen singen „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, die andern knien nieder und danken Gott, daß die Sänger nichts gemerkt haben. Denn die Welt ist im Umbruch! Sie bricht in sich zusammen, ohne gleich wieder aufgerichtet werden zu können. Ihre Stützen liegen, abgesägt, wild auseinandergewürfelt, in der Jetztzeit herum. Das ist ein Zustand des ewigen Glücks!

Niemand hat niemand dabei beobachtet wie keiner nichts angestellt hat, anstellen wird, angestellt haben wollte, würde, oder gar nichts im Sinn hatte, weil da nichts weiter ist, als das Tohuwabohu. Sprechen wir nur irgendein Bekenntnis, hoffen wir vertrauensselig, oder ganz aus dem Hinterhalt, auf die höheren Mächte des widerwärtigen Abschaums, dann verbinden wir uns die Augen, dann verstöpseln wir die Ohren, dann verkleben wir den Mund … und am Schluss fragen wir uns, wozu wir eigentlich einmal einen Kopf gehabt haben sollten und gehen schließlich zum Glaubensfriseur, damit er uns eine Halsglatze (Kopf ab) schneidet.

Dann geht es los. Rosa Wölkchen ziehen über die Zifferblätter der Uhren und die Angst steigt im Zylinder, oder die Genugtuung wächst – händchenhaltend mit der Eigenliebe – über sich hinaus. Doch das ist seltener. Die Genugtuung mein ich. Eigenliebe kommt öfter vor. „Nichts kommt ohne Grund vor“* Dann blickt sie sich um, die Eigenliebe, und sieht, in großen Lettern, hier und dort ein gewaltiges „Ja“, in Feuerschrift an den Hauswänden leuchten … darunter steht unlesbar in Klammern „Mene mene tekel upharsin“. Ein Gotteszeichen …?

Ja, aber gleichzeitig auch das versprochene Nichts – es ist so mächtig, daß wir uns keine Sorgen zu machen brauchen. Es kommt wirklich nicht ohne Grund vor, denn wir erreichen es alle, es erreicht uns alle. Aber es ist ja bekanntlich immer der Clown, der seine Kinder frisst. Die Revolution zum Beispiel. Womit wir wieder bei Kronos wären. Und damit schließt sich jeden Abend ein wunderbarer circulus vitiosus, der in einem Regenbogen göttlicher Weisheiten gipfelt. Alle Sophien (außer meiner Tante Sophie) sind im Vergleich dazu Arschkarten, Geduld verheißende Horrorskope, denn niemand kann aus diesem Kreis ausbrechen. Niemand, außer dem nicht schlecht Staunenden vielleicht …

* Lieschen Müller.

Öl auf Karton
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Kommentare

10. Jan 2019

Nicht mit Feuer an der Wand -
Dafür geschrieben mit VERStand!

LG Axel