Winterlügen

von Annelie Kelch
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Ich erinnere mich noch genau an jenen Tag, an dem ich meine erste Lüge aussprach. Es geschah an einem kalten Wintermorgen, kurz vor Weihnachten. Der Schnee auf den Wiesen vor der Elbe lag mindestens einen halben Meter hoch: eine eisige weiße Decke, die sich kilometerweit bis zum Ufer erstreckte.

Ich war damals acht Jahre alt, und meine Mutter wollte eines feierlichen Adventsmorgens wissen, weshalb ich unbedingt zur ersten Stunde in die Schule wolle, obgleich auf meinem Stundenplan die zweite Stunde als Unterrichtsbeginn eingetragen war.

Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte ich ihr, dass wir ausnahmsweise zur ersten Stunde in die Schule müssten, weil der Schuldirektor käme, um uns Kinder zu prüfen.

Das war eine glatte Lüge. – Ich wollte mit einer Klassenkameradin, deren Eltern einen Bauernhof in der Nähe der Schule besaßen, den Deich hinunterrodeln – immer wieder und wieder – eine ganze wunderschöne Stunde lang. Sie hatte mich dazu eingeladen, und ich wusste genau, dass meine Mutter für dieses harmlose Vergnügen zu so früher Stunde kein Verständnis aufbringen würde.

Gott, von dem ich damals noch zaghaft glaubte, dass er mich postwendend bestrafen würde, sobald ich diese dreiste Lüge vom Stapel gelassen hatte, schwieg. Es geschah absolut nichts. Es zog weder ein fürchterliches Gewitter auf, wie man mir im Hinblick auf Lügen in Aussicht gestellt hatte, noch tat sich die Erde auf, um mich zu verschlingen. Ich war einigermaßen empört darüber, dass meine Eltern mich derart beschwindelt hatten.

Die Rodelpartie im Morgendämmer, darin allein der weiße Schnee wie ein überdimensionaler Diamant funkelte, war „ein Gedicht im Advent“ und hat sich als unvergessliches Erlebnis in meinem Gedächtnis manifestiert, obgleich es über zwei Stunden gedauert hatte, bis unsere Kleidung wieder trocken war und wir während des Unterrichts gebibbert haben wie zwei deutsche Hühner in der Ostantarktis. Im Klassenzimmer hing der Geruch von nassen Kleidern über unseren Köpfen, aber niemand nahm Anstoß daran.

Am nächsten Tag hatte ich Fieber und durfte zu Hause bleiben, was mich ungemein entzückte und mir endlich zur ungestörten Lektüre jenes Romans verhalf, den mein Vater mir aus unerfindlichen Gründen bis dato vorenthalten hatte.
Das Werk hieß „Ostwind-Westwind“, wurde 1930 von Pearl S. Buck geschrieben, und handelte von einer jungen Chinesin, die mit einem in den USA ausgebildeten Mann verheiratet war und den Zusammenstoß östlicher und westlicher Wertemuster erleben musste.

Ich verschlang diese wunderbare Geschichte an jenem Vormittag in einem Rutsch – und war begeistert. Als meine Mutter von der Arbeit nach Hause kam, glühte mein Kopf wie ein hohler Kürbis, darin ein rotes Licht flammte, und ich bekam heißen Zitronensaft, Wadenwickel und einen Weihnachtsmann aus Schokolade.

Trotz dieser überaus guten Erfahrung, was das Lügen anlangt, habe ich hernach jedoch nur mehr selten geflunkert, und manchmal denke ich, dass sich alles nur deshalb so gefügt hat, weil Gott und/oder das Schicksal es unbedingt wollten, dass ich dieses hervorragende Buch lese.

Quelle: pixabay, bearbeitet
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Kommentare

10. Dez 2017

Dank, Axel, dir, für diesen Kommentar,
der nett und sachlich gut bezogen war.

LG Annelie

10. Dez 2017

Kindheitserinnerungen, unvergessene Lichtpunkte der Vergangenheit,
die so lebendig Geschichten bilden, sind ein Teil der Ewigkeit.
Danke Annelie, für Deine wundervolle Kindheitserinnerung.

LG Monika

10. Dez 2017

Danke, liebe Monika, für deinen guten Kommentar. Ich hatte zwar ein ziemlich schlechtes Gewissen bei der ganzen Sache, aber das Rodeln hat mächtig Spaß gebracht. Trotz meiner einwöchigen starken Erkältung danach, ist die Rodelpartie-Lüge niemals aufgedeckt worden. Gott sei Dank, anderenfalls hätte ich "Haue" bekommen - und nicht zu knapp.

Liebe Grüße und Dir und Khalessi einen
schönen zweiten Advent,
Annelie

10. Dez 2017

Eine lebendig erzählte Erinnerungsgeschichte, die mich belebt ... ich meine fast, ich habe breits vor meinem achten Lebensjahr gelogen, möchte es allerdings im Rückblick eher flunkern nennen ... bei uns liegt der Schnee in ungewöhnter Höhe und es schneit weiter, werden jetzt schippen gehen und den Kindern beim Schneemannbauen zuschauen. Und an früher denken ...

Liebe Grüße - Marie

10. Dez 2017

Danke, liebe Marie, für deinen lieben Kommentar. Wir waren (auch) evangelisch, aber ich wurde fast katholisch erzogen. "Haue" gab es manchmal für nichts und wieder nichts. Man muss ab und an mal flunkern, wenn man ein bisschen Spaß haben will. Ich hoffe, dass auch hier bis Weihnachten wenigstens ein wenig Schnee fällt. Bisher herrschte in dieser Hinsicht ziemliche Flaute. An früher zu denken, ist trotz "Haue" besonders im Advent schön. Es war sehr familiär, und wir waren eine relativ große Familie. Dein neues Foto ist sehr interessant und schön, aber das alte gefällt mir noch viel besser.

Liebe Grüße und Dir noch einen schönen zweiten Advent,
Annelie

10. Dez 2017

Das dachte ich auch und habe das alte wieder eingestellt.
Und: ob katholisch, ob evangelisch, ob atheistisch -
Hauptsache mit etwas Freiraum und ganz viel Liebe.

Liebe Grüße zurück - Marie

10. Dez 2017

Liebe Marie, du hast Recht; aber die katholische Erziehung war doch im Allgmeinen erheblich strenger, wie ich von ehemaligen KlassenkameradInnen weiß, wusste (mal ganz abgesehen von der katholischen Heimerziehung). Freiraum und viel Liebe ist immer gut.

Liebe Grüße,
Annelie

10. Dez 2017

Liebe Annelie, es war mir ein großes Vergnügen dich zu lesen! Flunkern gehört zum Leben, es ist wie das Salz in der Suppe. Aber natürlich alles mit Maß und Ziel ...

Herzliche Grüße zu dir nach Lübeck und noch einen schönen 2. Adventabend.
Soléa

10. Dez 2017

Liebe Johnny-Hallyday-Fanfrau, danke für deinen netten Kommentar. Ja, der Hallyday ist recht früh gestorben; er sah aber auch schon arg verlebt aus - so viele Ehen; das schlaucht auch. Früher hörte ich gern "House of the rising sun" oder so ähnlich. Das hat er wirklich gut gesungen. Ich habe vorhin mal reingehört, was er später so gesungen hat. "Hallelujah" und "Ave Maria". Ganz ehrlich, liebe Soléa: Das fand ich stimmlich unter aller ... Würde. Egal. Freut mich, dass du meine Geschichte gerne gelesen hast.

Liebe Grüße zu dir - und auch dir und deiner Familie noch einen schönen Adventabend,
Annelie