Deutschland - ein Freudenhaus?

von Annelie Kelch
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Kürzlich las ich in der MOPO (Hamburger Morgenpost) einen Artikel über Wohnungsbau, und bei dieser Gelegenheit wurde ich gleichzeitig darüber informiert, dass Single-Haushalte weiterhin kräftig im Vormarsch seien. In Deutschland sei jeder fünfte Haushalt ein Single-Haushalt, und in Hamburg, einer Single-Hochburg, lebe fast jeder Dritte allein.

Das freut mich einerseits, weil anzunehmen ist, dass dort offenbar Single-Frauen in den meisten Häusern leben können, ohne einen Beschützer zu benötigen, der sie vor Mobber-Angriffen und anderen Gehässigkeiten bewahrt.

Aber ihr dürft davon ausgehen, dass man in den Genuss dieser Unbehelligtkeit nur ab einem bestimmten Quadratmeterpreis kommt – nämlich dort, wo Männer und Frauen mit gewissem Niveau leben. Das soll nicht etwa heißen, dass es nicht Mietshäuser mit preiswerten Wohnungen gäbe, darin nicht ebenfalls Menschen mit Niveau lebten, was aber leider wohl eher selten der Fall zu sein scheint.

Allein schon deshalb wäre endlich eine Lohnangleichung, was das Lohnverhältnis Männer im Verhältnis zu Frauen betrifft, mehr als angesagt. Wenn man einmal von Teilzeitarbeit absieht, bekommen Frauen bei gleicher Arbeit und gleichem Arbeitgeber 8% weniger Lohn als Männer, können also weniger Miete zahlen. Das ist eine gewollte Diskriminierung der Frauen.

Von Angrapschern bis zu Pöblern, Stänkern und Mobbern (die ganz gewiss nicht 'nur' sogenannte 'Ausländer' sind) sehen sich allein lebende Frauen in manchen Wohnverhältnissen und sogenannten 'Hausgemeinschaften' oft männlicher Willkür ausgesetzt. Bei diesen Männern handelt es sich meistens um Feiglinge, die an – scheinbar wehrlosen – Frauen ihren Frust rauslassen (müssen). Bei einigen scheint dieser Aspekt geradezu zwanghaft zu sein.
Dem eigenen Geschlecht (hier: Artgenossen) auf den Pelz zu rücken, insbesondere, wenn diese groß und kräftig sind, trauen sie sich nicht. - Allgemein geht in solchen Häusern noch die Kunde, dass Frauen sich auf Teufel komm raus binden müssen – selbstverständlich an Männer. Sie haben noch nicht mitbekommen, dass Deutschland mitnichten ein Freudenhaus ist, wo jede Frau einen 'Beschützer' haben muss, sondern dass es Menschenrecht gibt.

Die sogenannte Unterschicht - ich hasse diese Verallgemeinerung, weiß jedoch momentan nicht, wie ich es anders ausdrücken soll, lebt in mancherlei Hinsicht noch im finsteren Mittelalter.

Vor vielen, vielen Jahren habe ich von meiner Tante erfahren, was es bedeutet, als Frau alleine leben zu wollen. Ihr Mann, mein Onkel, war durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommen, wonach sie, in den besten Jahren und sehr attraktiv – es vorgezogen hat, alleine zu bleiben. - So what?
Am harmlosesten seien noch jene Männer gewesen, die sie nur dann grüßten, wenn sie sich nicht in Begleitung befanden. Hatten jene die holde, potteifersüchtige Gattin an ihrer Seite, wurde meine Tante geflissentlich übersehen.
Das gleiche Schema läuft auch heuzutage immer noch ab, wie ich am eigenen Leib erfahren habe: allerdings hat mich diese 'Posse' auch königlich amüsiert.

Auch Frauen werden – gottlob – klüger und wollen den Richtigen, einen, mit dem sie sich wirklich gut verstehen, einen, der sich nicht zum Affen macht, weil er glaubt, alle Single-Frauen hätten ein Defizit, was Männer anlangt und seien ganz scharf auf „ihn“ - eine totale Selbstüberschätzung.

Das schreibt euch keine radikale Feministin, sondern jemand, die für Selbstbestimmung, Toleranz, Gleichberechtigung und Entfaltung – in welche Richtung auch immer – der Frauen (und Männer) steht.

Ich hätte mich als Kind gewiss auch gern mit technischem Spielzeug beschäftigt, und als Kleinkind andere Bücher als „Putzi besucht Oma“ (obwohl ich meine Oma und meinen Opa wirklich gern besucht habe), „Putzi und ihr Hamster“, „Putzi und ihre neue Puppe“ etc. gelesen, beziehungsweise hätte ich viel lieber erst meine Freiheit genossen, in meinem Beruf gearbeitet und mich weitergebildet, als schon mit 18 Jahren zu heiraten. Das ist viel zu früh und geht nur in den seltensten Fällen gut. Zwar gilt: Jedem das Seine, sofern er nicht die Rechte anderer verletzt, aber müssen denn schon kleine Mädchen und Jungen, nicht allein, was Spielzeug anlangt, unbedingt aufs Heiraten 'dressiert' werden?
Etwas Fataleres können Mütter ihren Kindern doch gar nicht antun – wenn man bedenkt, dass immer noch 163 335 (2015 BRD) definitive Scheidungen im Jahr über die Bühne gehen. Im Jahr 2014 reichten in 52 Prozent aller Fälle Frauen die Scheidung ein.

„Michael Rosenfeld, Soziologieprofessor an der Stanford University vermutet, dass es an den traditionellen Rollenbildern liegt, die nach einer Hochzeit womöglich eher gelebt werden als davor. 'Ich denke, dass sich die Ehe als Institution nicht schnell genug verändert hat, um die Erwartungen an Gleichberechtigung zu erfüllen', sagte er auf der Jahrestagung der American Sociological Association in Chicago, wo er die Studie vorstellte.

Später wollen Frauen kaum mehr heiraten.'“
Ab Anführungszeichen: „Michael Rosen …: Aus: WeltN24 Digital Zeitung TV"

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