AU 2013 Geschichte eines Traums

Bild von Willi Grigor
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16. März 2013

Currimundi Beach, Sunshine Coast, Australien

***
Alle Türen stehen offen,
keine Wege sind zu weit,
und ich denke, leicht betroffen:
"Mach es doch, noch ist es Zeit".

Die Zeit war reif, ich hab's gewagt,
Australien hin und her durchreist,
alte Träume abgehakt,
neue geboren, was gar nichts heißt.

Das ganze Gedicht lesen Sie hier:
literatpro.de/gedicht/010616/traum-vom-roten-kontinent
***

...nach diesen ersten (historischen!) Schritten des Enkelkindes war es höchste Zeit für ihren Opa, seinen ersten Sprung aus einem Flugzeug hoch oben im Himmel zu machen. Sein eigenes Geburtstagsgeschenk zum 70. Geburtstag.

Dieser "Traum" hat eine längere Vorgeschichte. Sie beginnt 1970 in Ravensburg, 20 km nördlich des Bodensees. 1970 war das Jahr, in dem sich vieles für mich verändert hat. Kurz bevor ich meine heutige Frau am 8. Mai kennenlernte, besuchte ich eine kleine Mini-Flugschau auf einer größeren Wiese. Dort konnte man einigen Fallschirmspringern zusehen und in einem Motorsegler (Motorfalke SF25) mitfliegen. Beides tat ich. Beides war äußerst spannend.

Das Erste was ich sah, nach einem 30-minütigem Spaziergang von der Bushaltestelle, war ein Springer, der bei seinem Versuch das Landekreuz zu treffen, sein Bein nach vorn streckte und sich dieses dabei brach. (Die Schirme waren damals noch von der alten, schlecht steuerbaren Art.) Ein Kollege brachte ihn ins Krankenhaus.

Kurz danach ein zweites Missgeschick: Nach dem Absprung des offensichtlichen Leiters der kleinen Truppe (er gab uns 4-5 Zuschauern ständig die Anweisung, nicht zu nahe zu kommen: "Bitte hinter der Absperrung bleiben.") entfaltete sich dessen Fallschirm nicht. Alle starrten wie gebannt auf den fallenden Punkt und fürchteten eine Katastrophe. Er konnte jedoch den Reservefallschirm ziehen und landete kurz danach weit weg von uns in einem Feld. Als er, mit seinen beiden Fallschirmen in den Armen, bei uns eintraf, war das erste was er sagte: "Die Zuschauer bitte hinter der Absperrung bleiben." Unvergesslich.

Der Mitflug im zweisitzigen Motorsegler ist auch unvergesslich. Ich hatte den Eindruck, dass wir gar nicht richtig in die Luft kamen. Nach mehreren Kilometern waren wir nur einige hundert Meter hoch. Ich fragte den jungen Piloten ob er ein Problem hat. "Nein, der alte VW-Motor hat nur 26 PS." Wir erreichten auf alle Fälle das nahe Ravensburg und ich genoss den Blick aus geringer Höhe.

Ich glaube, dass dieser Flug dazu beigetragen hat, dass ich 13 Jahre später in Schweden, wo ich seit 1975 wohne, den Segelflugschein machte und zwei Jahre später so einen Motorsegler (aber mit einem 80-PS-Motor) selbst fliegen durfte.
Ich glaube auch, dass diese ersten miterlebten Fallschirmsprünge (trotz der Missgeschicke) keinen abschreckenden Eindruck hinterließen.

Auf alle Fälle fing ich 1983 mit dem Segelfliegen an. Beim Segelfliegen (ohne Motor) mussten wir immer einen Fallschirm tragen. Die "Ausbildung" für einen Notausstieg bestand darin, dass man lernte, wie man den Fallschirm anlegt, wo der Notriegel der Plastikhaube des Seglers und der Griff zum Auslösen des Fallschirms sitzen. Keiner nahm das so richtig ernst. Dazu kam, dass die Fluglehrer von dieser Pflicht ausgenommen waren. Ich fragte meinen Fluglehrer (der gleichzeitig auch mein Arbeitskollege war) einmal, ob er in seiner vierzigjährigen Fliegerkarriere einen Notausstieg erlebt hat. "Einmal, ist schon lange her", sagte er und lachte dabei. "Ein Anfänger machte seine Runden über einem Flugplatz. Aus irgendeinem Grund geriet er in Panik, öffnete die Haube und sprang ab. Jetzt kommt das Lustige: Der Fallschirmspringer landete fast gleichzeitig wie das führerlose Flugzeug auf dem Flugplatz. Beide waren unverletzt."
Ich meinte, das war eine gute Geschichte. Hoffentlich stimmt sie auch. Der Fluglehrer lachte nur, wie er es oft und gern tat. Man wusste nie so recht, ob er es ernst meinte oder nur Spaß machte.

Ich bin also oft mit einem Fallschirm auf dem Rücken geflogen und habe mir ebenso oft vorgestellt, wie es wäre, mit diesem wirklich abzuspringen und zur Erde zu gleiten. Dieser Gedanke machte mir aber keine Angst. In dieser Zeit begannen auch die Tandemsprünge, bei denen man als Passagier das echte Sprungerlebnis bekommen kann. Die Neugier war da, mehr aber nicht.
Sie bekam aber neue Nahrung, als mein Sohn 1997, seinem ersten Jahr in Australien, berichtete, dass er einen Tandemsprung gemacht hat und ganz begeistert war. Als er ein, zwei Jahre später mit seiner Freundin, durch Neuseeland fuhr, absolvierten beide einen Bungeesprung von einer Brücke Ich wurde richtig neidisch.
Als meine Frau und ich 2006 und 2008 auf dem herrlichen Strand Currimundi in Caloundra waren, sahen wir, wie Fallschirmspringer (mit einem Passagier vor der Brust) auf dem Strand, nur einige Meter vom Wasser entfernt, landeten. DAS WAR´S. Das würde ich auch einmal machen wollen, sagte ich zu mir selbst.

Als wir 2010 in Auckland, Neuseeland waren und ich sah, wie Leute von der 190 m hohen Plattform des Fernsehturms "Sky Tower" mitten in der City sprangen und unten auf dem belebten Platz im letzten Moment abgebremst wurden, fühlte ich mich gezwungen, dies auch zu tun. Es war super. Ich wusste jetzt: Das Sich-fallen-lassen aus großer Höhe ist gar nicht so schlimm. Ich bin reif für den Fallschirmsprung.
Nach diesem Sky-Tower-Abenteuer bekam ich die Idee, dass wir zwei Tage früher als geplant mit dem Bus nach Taupo - halbwegs zur Hauptstadt Wellington - fahren, dort übernachten und und ich mache meinen Sprung. Taupo ist das Mekka (man sagt auch Welthauptstadt) der Fallschirmspringer. Hier werden über 30000 Fallschirmsprünge jährlich absolviert. Es liegt an einem großen See, wir werden neue Eindrücke bekommen. Das Umbuchen auf einen früheren Bus erwies sich aber als ein Problem. Das war in Ordnung. Ich wollte ja eigentlich auf dem Currimundi-Beach in Caloundra landen.

Genau das werde ich in gut einer Stunde tun!

Mein gesamtes Familien-Gefolge und ich fuhren in zwei Autos zum Flugplatz. Punkt zwölf Uhr stand ich wieder vor dem Tresen in der Halle der Skydivers. Lucy gab mir einige Formulare zum Ausfüllen (dass man verstanden hat, dass Fallschirmspringen gefährlich sein kann, dass man sich fit fühlt, dass man auf eigenes Risiko springt usw.). Mein Sohn half mir, ich hatte meine Brille nicht mit. Ich fühlte mich fit und war nicht besonders aufgeregt.

Es gab mehrere Sprungalternativen:
Ich schwankte zwischen 6000 feet = 1830 m (249 Dollar) und 10000 feet = 3050 m (349 Dollar). Video und ca. 50 Bilder kosteten 130 dollar extra.
Ich entschied mich für 6000 feet. 100 Dollar sind eine Menge Geld. Ich glaubte nicht, dass ein längerer freier Fall das wert ist. Ich fragte Lucy, sie hatte Erfahrung. Für sie war klar: Je höher desto besser. Ich glaubte ihr nicht, sie muss ja so antworten. Heute weiß ich, dass sie recht hatte.

Unsere Gruppe bestand aus drei Männern und einer Frau, alle mittleren Alters. Ich befand mich mit meinen 70 Jahren im oberen Mittelalter. Wir bekamen einen Gurt angelegt, mit dem wir später an den uns zugeteilten, professionellen Skydiver angeklinkt wurden. Meiner hieß Nathan und hatte 1200 Sprünge hinter sich. Der erfahrenste in der Truppe hatte 15000.

Opa springt
Wir gingen nach draußen. Das Wetter war perfekt: Warm, fast wolkenfrei und ein leichter Wind, der in die richtige Richtung blies. Das heißt, man konnte auf dem Currimundi Beach landen und brauchte nicht auf einen anderen Beach ausweichen. Das war wichtig für mich.
Am linken Handgelenk hatte Nathan ein Videogerät, sah aus wie eine große Armbanduhr. Er filmte ständig: während der Einweisungen, im Flugzeug, beim Absprung, im freien Fall, während der Gleit- und der Landephase.
Als erstes machte Nathan ein kurzes Interview mit mir.
"Hello Willi."
"Hello."
"How are you? You are good?"
"Yes I am!"
"You are ready to go for a jump?"
"Yes I am."
"You and me... together. Do you trust me?"
"Absolutely."
"What do you want to do?"
"I want to make a jump here in Caloundra down to the Currimundi Beach. I wanted to do this for many years."
"And today is the day. Thumbs up."

Danach erhielt ich eine kurze Einweisung, wie ich mich beim Absprung und bei der Landung zu verhalten habe, und dann stiegen wir durch die Öffnung (die Tür war abmontiert) in das wartende Flugzeug. Zwei längsgehende Bänke boten gerade genügend Platz für acht Personen, von denen vier (unsere "Engel") je einen extra großen Fallschirm trugen. Ich saß hinten links im Flugzeug, vor Nathan und mit dem Rücken zum Piloten. Ich saß zwischen Nathans Beine. Er klinkte sich an mich an und zog uns so straff aneinander, dass ich fast sämtliche seiner Aus- und Eingeweide spürte. Mir drängte sich der Gedanke auf, wie die Frau auf diese Anzüglichkeit reagierte. Es gab auf alle Fälle keine Proteste. Watt mutt datt mutt.

Jetzt gab der Pilot Gas und die Maschine zog mit unerwartet hoher Beschleunigung los und wir waren schnell in der Luft. Es war ein neues Erlebnis, dieser Start so direkt neben einer großen Öffnung im Flugzeug. Nach vielleicht 15 Minuten waren wir auf knapp 2000 m und das Paar rechts neben mir rutschte runter von der Bank, saß kurz in der Öffnung, mit den Beinen schon außerhalb, und raus ging´s.

Jetzt war ich dran! Die beiden anderen springen von 10000 bzw. 14000 feet. Nathan zog noch einmal an den Gurten, um sicher zu gehen, dass wir wirklich ein einziges "Bündel" sind. Ein Spielraum zwischen uns würde große Kräfte beim Abbremsen nach dem freien Fall (ca. 180 km/h) verursachen. Wir rutschten auf den freigewordenen Platz, dann nach rechts an die Öffnung. Wie angewiesen kreuzte ich die Arme vor der Brust, spürte den Luftzug, hörte ein "go" von Nathan und draußen waren wir. Wir wirbelten ein wenig herum, ich hatte keine Orientierung. Da spürte ich die kurzen Schläge meines "Engels" Nathan an den Oberarm, das Zeichen, dass ich die Arme öffnen und den freien Fall genießen soll. Nach den ersten 2-3 turbulenten Sekunden genoss ich ihn dann tatsächlich, ich begann zu lachen und hatte ein tolles Gefühl. Den starken Ruck durch das Öffnen des Schirms empfand ich als einen unwillkommenen und zu schnellen Abbruch dieses Glücksgefühls. Ich dachte an Lucy und war enttäuscht, dass ich ihren Rat nicht befolgt hatte. Hundert Dollar mehr hätten 60 zusätzliche Sekunden freier Fall bedeutet. Sie wären es wert gewesen!

Auf der anderen Seite sind 10 Sekunden unendlich viel mehr als Null Sekunden.

Der freie Fall war purer Genuss, der durch die plötzliche, kräftige Abbremsung zerstört wurde.
Der anschließende Gleitflug nach unten war schön aber eigentlich vergleichbar mit dem Nachuntenkurven in einem Segelflugzeug. Das Besondere hier war, dass man engere Kurven flog und sein Körpergewicht etwas unbequem über die Gurte vermittelt bekam.

Wir waren immer noch auf knapp 1000 m und ich hatte genügend Zeit, Caloundra und die nächste Umgebung von oben zu betrachten. Man erkennt aber nur einen kleinen Teil der unendlich langen Sandstrände der Sunshine Coast.
Nathan machte einen letzten, eleganten Schwenk gegen den Wind und wir landeten sanft und auf den Füßen auf dem feinen Sandstrand, fast genau auf dem aufgezeichneten Punkt. Die wartende Familie freute sich fast so wie ich.

Das war es also. Seit den 1980er Jahren hatte ich den Wunsch, einmal das Gefühl kennenzulernen, mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug zu stürzen und hinab zur Erde zu schweben. Seit 2006 wollte ich, dass es in Caloundra passiert, mit Landung auf dem Currimundi Beach und anschließend ein gemeinsames Bad im Meer. Hier fühlen wir uns ein bisschen wie zu Hause, die Großeltern sowie die Mutter unserer Schwiegertochter leben hier, der Sohn mit Familie nicht so weit entfernt. Dass nun auch Tochter mit Mann und die Enkeltochter aus Schweden mit dabei waren, war ein zusätzlicher Bonus zu meinem 70. Geburtstag.

Ich hatte ein Glücksgefühl von einer bisher unbekannten Art.

Nach vielleicht zwei Stunden Spiel und Spaß im Wasser und am Strand lud ich alle zum Eisessen in einem Eiscafé gleich gegenüber dem Strand ein. Wir saßen gemütlich an einem Tisch im Schatten. Da geschah etwas Merkwürdiges: Mein Hochgefühl war weg und hatte sich in etwas Gegenteiliges verwandelt. Ich fühlte mich leer, so etwas wie traurig und wollte allein sein. Damit die anderen nichts merken sollten, stand ich auf und sagte, dass ich noch einen kleinen Spaziergang machen wollte. Alle wissen, dass ich überzeugter Spaziergänger bin.
Nach nur wenigen Minuten glaubte ich zu wissen was los war: Ich habe meinen Fallschirmgedanken so lange mit mir herumgetragen, und jetzt ist er weg, tot! Die Verwirklichung eines lang gehegten Traums bedeutete für mich gleichzeitig auch den Verlust eines liebgewordenen Freundes. Ein Verlust, der etwas schmerzt aber sicher bald überwunden ist.
In meinem Fall dauerte es einige Tage bis ich wieder normal funktionierte.

***
Zum Schluss werde ich in den Himmel fliegen,
das "Ich" ist dann meine Seele.
Wir beide sind oft durch den Himmel geflogen,
stets ist sie mit mir, die Seele.

Und einmal sind wir vom Himmel gefallen,
- der glücklichste Fall von allen -
wir fielen vom Himmel hinunter zum Meer
und landeten sanft
im feuchtwarmen Sand,
dem Spielplatz von Wellen und Meer.
***

© Willi Grigor, 2016

Siehe auch Gedichte:
literatpro.de/gedicht/180318/ersehnt-und-vergangen
literatpro.de/gedicht/110316/jetzt-ist-er-tot

Glücksmomente im freien Fall Foto: Der Engel über mir
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Interne Verweise

Kommentare

12. Mär 2016

Du bist ein generöser Kommentarschreiber, Alfred.
Ja, Sprünge gibts viele im Leben. Gedankensprünge helfen ihm und würzen es. Mein letzter Sprung liess sich erkennen nach dem wohl letzten Australienabenteuer 2013: Ich wollte schreiben, dichten, ohne zuvor jemals den Drang dazu gespürt zu haben. Gedankensprünge liefern das Material.
Schönes Wochenende
Willi