Die neue Schöpfung

von Willi Grigor
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- oder die Welt der Fantasie

Die du aus Schönheit und Behagen
ein himmlisch reines Urbild bist!
Ich sah dich - und von diesem Tage
auf dieser Welt bloß dich es gibt.

Tot die Natur sich vor mir zeigte,
gefühllos lag in tiefem Tod -
dann kam ein Wind aus hoher Weite,
und Leben, Licht der Erde bot.

Und es kam Licht, es kam das Leben,
in starre Masse Seele floss;
ein Antlitzzug ward ihr gegeben,
ein Klang sich in mein Herz ergoss.

Im Raum sich neue Himmel streckten,
die Erde neue Kleider trug,
Erkenntnisse die Klugheit weckten,
die Schönheit sich erhob und flog.

Da meine Seel' sich fand getragen,
von Etwas, das von Gott selbst kam,
sah die Natur und ihre Wunder,
wie die Vernunft sie nie vernahm.

Nicht einzig Größe und das Reine
und Glanz und In-Bewegung-sein;
nicht nur im Tale tief das Kleine
und bloße Höh auf Berggestein.

Doch deutlich ich im Ohre hörte
der hohen Sphären Harmonien;
vom Berg der Engel Harfentöne,
und wie aus Dunkel Geister schrien.

Der Friede freute sich auf Feldern,
der Schreck umschlich das Jammertal,
und fröhlich zeigten sich die Wälder,
und Kargland seufzte seine Qual:

Und Zorn war in des Meeres Wellen,
und Zartheit in der Quelle Tanz,
und Würde in der Sonne Flammen,
und Schlichtheit in des Mondes Glanz.

Die Rache schärfte Blitzespfeile,
Mut schüttelte des Meeres Arm,
die Zeder weitete den Wipfel,
die Blume öffnete sich warm. -

Oh lebender Verstand der Dinge!
Oh Schöpfergeistes Heimlichkeit!
Und wer begriff dich, Schönheit! - niemand,
nur jener, der zu lieben weiß.

Und du, der die Natur kann malen
mit Licht den Himmel ohne Fehl,
was bist du? - reflektierte Strahlen
von Hilmas Bild in meiner Seel'.

Sie ist in meiner Seel' der Stempel,
der Freude in die Schöpfung mischt.
Die Erde ward zu einem Tempel,
in dem sie eine Gottheit ist.

Die du aus Schönheit und Behagen
ein himmlisch reines Urbild bist!
Ich sah dich - und von diesem Tage
auf dieser Welt bloß dich es gibt.

Wie spür ich doch auf deinem Bilde,
was ewig neu ist, ewig gleich!
Dein Wuchs ward der der Lilie - ihrer,
der frische Glanz auf deinem Leib.

Dein Blick sich mischt mit der der Sonne,
die Nachtigall singt deinen Sang,
wie Duft von Rosen ich dich atme,
der Westwind hat von dir den Gang.

Du selbst das Grauen noch entzückest
du füllst den Grund mit deinem Schein;
du Wüsten bunt mit Blumen schmückest
und glättest der Ruinen Stein.

Wenn die Gedanken fröhlich wimmeln
und fliehn, und suchen dauerhaft,
zu finden auf der Erd', im Himmel
den Staub, den Er erschaffen hat.

Und frag ich mich, wie man den Satz setzt,
dass zart und gut und froh und mild
als größte Ehrfurcht man denn wertschätzt?
Da zeigt Er sich in deinem Bild.

Im Königsschloss, in Dörfern, Städten
seh ich trotz Tausende nur dich;
sobald ich in die Heimstatt trete,
bist du schon da und blickst auf mich.

Ich ging die Weisheit zu erringen;
dein holdes Bild zeigte sie mir.
Ich ging die Heldenlieder singen;
die Zither spielte nur von dir.

Zu höchsten Ehren schreiten wollt' ich,
doch fand in deiner Spur das Glück.
Die feinsten Schätze finden wollt' ich,
sie zeigten sich in deinem Blick.

Die du aus Schönheit und Behagen
ein himmlisch reines Urbild bist!
Ich sah dich - und von diesem Tage
auf dieser Welt bloß dich es gibt.

Stets deine Blicke muss ich jagen,
nur die Gedanken mich verstehn:
Der Traum von dir, in mir getragen,
lässt auf der Welt mich dich bloß sehn.

© Willi Grigor, 2018
Übersetzung/Übertragung von "Den nya Skapelsen" des Schwedischen Dichters Johan Henric Kellgren (1751-1795)

Dieses 24-strophige Gedicht ist das meist gelesene und gepriesene von Johan Henric Kellgren. Ein Liebesgedicht, das nicht unbedingt an eine wirkliche Person (Hilma) gerichtet ist. Die Liebe zu Hilma wird im Gedicht als Grund zu einer Verwandlung, einer neuen Schöpfung angegeben, aber das Thema kreist eher um die Lebensanschauung als die Liebe.
Die geschilderte "Wirklichkeit", die für die trockene Weisheit nicht zugänglich ist, existiert nur in der "Welt der Fantasie", was im Untertitel des Gedichts zum Ausdruck kommt.

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Interne Verweise

Kommentare

22. Apr 2019

Schön, dass man das hier lesen kann:
Der Text schlägt wirklich in den Bann!

LG Axel

22. Apr 2019

Was lang ist, ist nicht immer gut -
Vor Kellgrens Text zog ich den Hut!

LG
Willi

23. Apr 2019

Oh Schöpfergeistes Heimlichkeit! und wer begriff dich, Schönheit! - niemand, nur jener, der zu lieben weiß … lieber Willi, Du hast diese wunderbaren Jubelverse eine schwedischen Dichters des 18. Jahrhunderts kongenial in die deutsche Sprache übersetzt, danke dafür, sehr berührend.

Liebe Grüße - Marie

23. Apr 2019

Ich danke Dir für Deine Aussage, liebe Marie.

Die Übertragung gab mir viel Arbeit, Kopfzerbrechen -
aber noch mehr Freude.

Schöne Grüße
Willi

24. Apr 2019

Lieber Will,
ich staune
ohn' Unbill
wie hundert Faune!
LG Uwe

24. Apr 2019

Lieber Uwe,

der Mensch, der staunend durch sein Leben geht,
mit frohen Augen schaut,
vielleicht am Ende nicht mehr staunt,
weil er die Welt versteht.

Vielleicht bist Du ja einer von den wenigen, Uwe :-)

LG
Willi

25. Apr 2019

Ohne Dein wunderbares Zutun, lieber Willi,
wäre ich nie in den Genuss
der wunderschönen Zeilen gekommen.
Ich danke Dir für Deine Mühe, die einen zauberhaften
Augenblick mir schenkte.

Liebe Grüße
Ella

26. Apr 2019

Liebe Ella,

auch Deine Zeilen erfreuen mein Übersetzerherz. Ihr gehört zu einer herausragenden Minderheit.
Denn diese Kunst - ja, man muss es so nennen - wird gerne unterschätzt. Zum Übertragen eines famosen Gedichtes eines "alten Meisters" im Sinne des Originales erfordert Einfühlung, Ausdauer, Stehvermögen und, das Wichtigste: Freude an der "Arbeit".

Ich wünsche Dir (Euch) ein frohes Wochenende
Willi

Hier noch eine kurze Zugabe:

Wir Menschen
Wir, die wir uns treffen kurze Stunden,
Kinder gleicher Erde, gleichem Wunder,
auf des Lebens sturmumbrausten Kap!
Solln wir lieblos gehn und kalt durchs Leben?
Gleiche Einsamkeit erwartet jeden,
gleicher Trauerklang an seinem Grab.

Verner von Heidenstam (1859-1940)

26. Apr 2019

Ja, das glaube ich Dir auf's Wort, lieber Willi. Das Wesen eines Gedichtes einzufangen, ist ganz bestimmt kein leichtes Unterfangen.
Da ich auch Rumänisch spreche, habe ich mal versucht ein Gedicht von Mihai Eminescu (berühmter, rumänischer Dichter) ins Deutsche zu übersetzen, einfach so, zum Spaß. Es ist mir nicht gelungen. So sehr ich mich auch anstrengte, es war mir nicht möglich dem Meister gerecht zu werden.
Umso schöner, dass Du diese Gabe besitzt und uns damit so reich beschenkst. Vielen Dank dafür! Und für die herrliche Zugabe von Verner von Heidenstam. :)

Herzliche Grüße
Ella

26. Apr 2019

Du sprichst Rumänisch?!
Meine Familie ist 1940 von Rumänien (Mihaileni an der Grenze zur Ukraine) nach Deutschland umgesiedelt. Ich bin in Deutschland geboren, aber dort wurde nur Deutsch gesprochen.

LG
Willi

26. Apr 2019

Huch, Deine Frage hätte ich fast übersehen.
Ja, ich spreche Rumänisch. Ich gehöre zur Minderheit der Siebenbürger Sachsen und wurde in Mediasch, Kreis Hermannstadt, geboren. Mediasch ist ein schönes, mittelalterliches Städtchen, das sich seinen Charme bewahrt hat. Dort lebte ich sechzehn Jahre lang, bevor ich 1985 mit meiner Familie in die BRD übersiedelte.
So, und jetzt weißt Du sicher wie alt ich dieses Jahr werde. ;)

26. Apr 2019

Ach, lieber Willi, die Geister die ich rief, werd' ich nun nicht mehr los. ;)
Geraldine Gabor, auch eine wunderbare Übersetzerin, so wie Du, gelang es den schönen Werken von Mihai Eminescu gerecht zu werden. Hier eine kleine Kostprobe:

Und bebt das Laub vorm Fenster mir

Und bebt das Laub vorm Fenster mir
und klopfen Pappelzweige,
dann ist's, damit mein Sinn zu dir
und deinem Nahn sich neige.

Und klopfen Sterne an den See,
ihn lichtend bis zum Grunde,
dann, daß gelindert sei mein Weh
und mein Gemüt gesunde.

Und ziehn die dichten Wolken hin,
und glänzt des Mondes Schimmer,
dann darum, daß in meinem Sinn
ich dein gedenk auf immer.

Da kann ich nur staunen, lieber Willi, wirklich faszinierend.
Die Übersetzung steht dem Original in nichts nach, und das obwohl, wie jeder weiß, rumänisch eine romanische Sprache ist, die sich grundlegend von der deutschen Sprache unterscheidet. Faszinierend!
Also, lieber Willi, was Du kannst, können nicht viele und darauf darfst du ruhig stolz sein. :)

26. Apr 2019

Wunderbares Gedicht! Danke, dass Du es mir schicktest.
Ich werde es meinen Verwandten in Deutschland schicken.
Und einen Versuch machen, es ins Schwedische zu übersetzen.

Willi

26. Apr 2019

Oh, wie schön, lieber Willi. Tolle Idee! :)
Schade, dass ich kein Schwedisch kann.