Die Suche nach dem Gefundenen (Ein Einakter)

Bild von Alf Glocker
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Ruhig geht der majestätische Kosmos seiner Vollendung entgegen. Da werden auf einmal seltsame Stimmen im Überraum hörbar.

„Heute ist der Tag der offenen Tür!“
„Wer sagt das?“
„Ich, die Erkenntnis. Und wer bist Du?“
„Ich bin die Forschung."

Im Folgenden werden Forschung und Erkenntnis nur noch „E" und „F" genannt.

Ein Dialog entwickelt sich.

Erkenntnis: „Dann tritt ein!“

Forschung: „Was ist das?!“

E: „Das ist die Erde."

F: „Sie zuckt und vibriert ja."

E: „Ha, das ist nur ein Zeitfilm, er zeigt uns, was du immer gerne gewusst hättest, du musst es nur richtig interpretieren."

F: „Wie geht das?“

E: „Sieh her, ich geh nochmal auf Anfang."

F: „OK."

E: „Was siehst du?“

F: „Die Sonne und einen Haufen Müll."

E: „Richtig, der ‚Müll‘ verdichtet sich gerade und die Sonne ist auch noch nicht fertig – machen wir einen Sprung!"

In rasender Geschwindigkeit verändert sich das Bild des Universums.

F: „Was streben wir hier eigentlich an?“

E: „Ein irrational denkendes Wesen."

F: „Hä?“

E: „Haha, du wirst schon sehen – da, die Planeten formen sich. Da kommt auch schon ein eventuell mal bewohnbarer Körper zum Vorschein, gleich ist er rund."

F: „Schön!“

E: „Hihi, das genügt aber nicht. Das gibt’s ja schon. Wir brauchen noch einen Begleitkörper, einen Mond, der von der Oberfläche des bewohnbaren Planeten aus gesehen genauso groß sein wird wie der lebensspendende Stern. Es wird Sonnenfinsternisse geben. Das ist gut für die Mythologien aus einem limbischen System."

F: „Ach – ?“

E: „Logisch! Ein solcher Trabant ist zwar rein rechnerisch auch für ein ganzes Universum sehr unwahrscheinlich, aber es muss sein."

F: „Warum?“

E: „Um die Deutlichkeit gegenüber der Verwirrung zu steigern!“

F: „Hä?“

E: „Sagen wir mal, jemand will es so. Einer, der nur verstandesgeprägt ‚vernünftig‘ ist“. Eine nicht rein verstandesgeprägte Vernunft wird erstrebt. Dabei hilft der Anblick des Mondes mit – er ist nicht nur Stabilisator im physikalischen Sinn."

F: „Und sowas entsteht von selbst?“

E: „Das ist wissenschaftlich frei interpretierbar. Aber im Vertrauen gesagt: nein!“

F: „Wie kann's dann sein?"

E: „Machen wir wieder einen Sprung!
Die Erde ist abgekühlt. Sie befindet sich in exakt der richtigen Bahn. Leben entsteht!“

F: „Nach den Gesetzen der Natur?“

E: „Ja und nein – zunächst aber ja."

F: „Was soll das heißen?“

E: „Wirf einen Blick ins Meer! Danach zeige ich dir die Versteinerungen."

Wieder geht der Zeitfilm auf Suchlauf. Unter Wasser wird eine Vielzahl kurioser Geschöpfe sichtbar.

E: „Schau, das hier ist ein vorinsektoider Jäger. Er dominiert die ganze Fauna. Und das hier ist der Vorfahr der Wirbeltiere, eine Art Schnecke. Sie ist die bevorzugte Jagdbeute des erwähnten Jägers.
Und jetzt in die Felsen! Betrachte die Schichten … hier an dieser Stelle finden wir sehr viele Spuren des Jägers und fast keine dieser Schnecken mehr."

F: „Oh!“

E: Du hast es erkannt! Was wäre denn langfristig die logische Folge einer solchen Entwicklung?“

F: „Eine insektiode, intelligente, aufrechtgehende Gattung?“

E: „Na siehst du, du kannst es ja. Es kommt nur auf die Ehrlichkeit an."

F: „Dann passiert es also?“

E: „Es würde passieren, aber – schau, die nächste Schicht …"

F: „Um Himmels willen …!“

E: „… eben!“

F: „Nur noch Asche! Was soll das?“

E: „Es musste doch was getan werden!“

F: „Warum?“

E: „Darüber reden wir später! Blick wieder ins Meer!“

F: „Der Jäger ist verschwunden?? Dafür gibt es jetzt zahllose Schnecken!“

E: „Das steht in den Felsen geschrieben!“

F: „Aber warum sind nicht beide ausgestorben?“

E: „Das ist wissenschaftlich frei interpretierbar!“

Ratlosigkeit …

F: „Wie ging es weiter?“

E: „Machen wir einen sehr großen Sprung – lassen wir dabei die kleineren Ereignisse außer Acht.
Sehen wir uns die uneingeschränkte, ungefährdete Dominanz der Dinosaurier an."

F: „Ja, erstaunlich – sie hätten wohl ewig regiert."

E: „Sicherlich!“

F: „Warum taten sie es nicht?“

E: „Weil ein Meteoriteneinschlag eine andere Planung forcierte."

F: „Planung?“

E: „Habe ich ‚Planung‘ gesagt? Nun, jedenfalls haben wir wieder mal eine Ascheschicht. Diesmal zeigt sie uns das Ende der Dinosaurier an."

F: „Sie sind ja sogar aus der Luft und den Meeren verschwunden.“

E: „Klar.“

F: „Warum verschwanden dann die anderen großen Meerestiere nicht? Und warum gibt es Krokodile und Warane an Land? Warum haben die Vögel in der Luft überlebt, während die Flugsaurier aller Größen getötet wurden?"

E: „Das ist wissenschaftlich frei interpretierbar!“

Längeres Staunen und Schweigen …
Gedanken geben sich ein Stelldichein. Die innere Stimme siegt schließlich (ausnahmsweise).

F: „Was ist mit dem Menschen?“

E: „Was soll damit sein?“

F: „War unsere Art nicht auch mal gefährdet?“

E: „Ja, sie ging durch einen sogenannten ‚Flaschenhals‘."

F: „Gibt es da auch eine sichtbare Spur in den Felsen?“

E: „Nein, es gibt andere Zeichen, die aber im Moment noch nicht verraten werden.“

F: „Kann sie jemand lesen?“

E: „Sicher, aber sie sind wissenschaftlich frei interpretierbar. Die Vielzahl zertifizierter Meinungen schließt die Effizienz qualifizierter geistiger Errungenschaften quasi von vorneherein aus."

F: „Ich würde das normalerweise nicht unbedingt erwähnen, aber ich fühle mich beinahe veranlasst etwas zu sagen, was vermutlich deine Aufgabe wäre. Aber du stellst ja nur fest, ziehst deine Schlüsse und zeigst auf. Du fragst nicht im Voraus. Tätest du es, müsstest du jetzt vermutlich fragen ‚Brauchen wir eine neue Ascheschicht?‘“

E: „Genau!“

FIN

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