Maria - ein Märchen für Dich

von Monika Laakes
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Sie sitzt vornübergebeugt und funkelt mich erwartungsvoll an.
"Nun leg schon los", drängt meine Tochter.
lch denke, jetzt, genau jetzt müsste der richtige Zeitpunkt sein.
"Nun, es ist ein Märchen", beginne ich und schlage die Beine übereinander. Sie grinst.
Wärme schmiegt sich um unsere Körper, füllt den Raum, zirkuliert unentwegt von dem langgestreckten Heizkörper unter dem Fenster durch die Blätter der Zimmerlinde, durch den Vogelkäfig, der, inmitten der Pflanzen hängend, einen Hauch Exotik spendet, flirrt die weite Decke entlang, sinkt im hinteren Teil des Zimmers auf Stühle, Tisch und Teppich, umspült meinen Sessel und den meiner Tochter.
Draußen ein weißes, undurchschaubares Flockengewirr. Und meine halbwüchsige Tochter grinst.
"Also", ich huste kurz, "da gab es einmal eine junge Frau, und diese Frau hieß Maria. Der Schwung ihres Rückens, dazu der aufrechte Gang ließ Männeraugen blitzen und glühen. Und wenn sie dann ihre Augen, deren Glanz aus der Tiefe zu kommen schien, auf die Gesichter richtete, glaubte man schier darin zu versinken.
"Hm", knurrt die Tochter, "was Du nur erzählst. Soll das ein Märchen sein?"
"Klar", erwidere ich, "magst Du noch zuhören?"
Meine Stimme durchdringt weich und melodisch die Stille und schwingt im Klang aller Märchenerzähler.

Als eine Stunde die andere jagte mit einer nie dagewesenen Hast, da lebte eine junge Frau, die etwas in sich fühlte, tief, unendlich tief, als sei's im Mittelpunkt der Erde, ein heißer flüssiger Kern, dessen Bewegung stetig Impulse ausströmt, ein Echo, das aus dem Unbewußten dringt, ein Perpetuum mobile der Seele.
Von dieser Unrast getrieben machte sie sich auf, um die seltsame Sprache, die der Klang des Echos in ihr wachrief, zu erlernen. Die Frau hieß, wie du schon weißt, Maria. Adieu Vater, Mutter, adieu. So zog sie hinaus in die Welt.
Das war zu jener Zeit, als viele Frauen die fremden Worte hörten, die wie Lockıufe in ihnen schwangen. Auch sie strömten hinaus. Du weißt, wenn sich viele Menschen finden, um einen gemeinsamen Weg zu gehen, sind sie unglaublich stark und kraftvoll.
"Komm, komm", hallten die Schritte der Frauen über den Asphalt der Straßen, über die Pflasterung der Marktplätze, über die staubigen Feldwege. Und ungezählte Füße trommelten den gleichen Takt. Doch Maria hörte die zarte, feine Melodie, die aus der Einsamkeit kam. Drauf ging sie ihren Weg allein.
So wand sich der Pfad vorbei an mächtigen Bäumen, deren Kronen sich wie riesige Schirme emporreckten, vorbei an dichten, kugeligen Sträuchern, dicken Steinen, die aus dem Boden wuchsen und sich kleiner und kleiner über den Weg streuten. Er schlängelte sich wie ein Wurm den Berg hinauf, hinter dem ein gelbglühendes Licht die schroffen Konturen der Felsen hervorhob und die Tiefe des dahinterliegenden Landes erahnen ließ.
Sie stieg, und die Beine wurden ihr schwer, und die vielen spitzen Steine, die, je näher sie dem Gipfel kam, mehr und mehr den Weg übersäten, machten ihre Füße wund. Ein Baumstumpf lud sie zum Verweilen ein, bot ihr einen Platz, auf dem sie sich mit einem Seufzer niederließ. Müde starrte sie vor sich hin, strich sich über die Stirn, um die eintretende Schwäche zu vertreiben. Und wie sie in den Wind hineinhorchte, bekam der Äther einen seltsamen, unheimlichen Klang. Da dröhnte der Boden, tabumm, tabumm, tabumm, rhythmisch und regelmäßig. Näher kam's und näher und näher und...
Als wären tausend böse Geister hinter ihm her, stürmte ein wunderschönes Pferd um eine Wegbiegung und raste direkt auf Maria zu. Wäre sie nur flinker gewesen, hätte sie sich noch verstecken können. Doch schon stand es vor ihr, ließ die kräftigen Muskeln unter einem glänzenden schwarzen Fell spielen und blickte sie dabei unentwegt an.
"Du stehst mir im Weg", bemerkte Maria und versuchte sich an ihm vorbeizustehlen.
"Ach schöne Frau, wie gern wüsst ich doch Deinen Namen“, säuselte es. Und nach einer kurzen Pause, während es Maria nicht aus den Augen ließ: "Komm, steig auf meinen Rücken, ich zeig Dir das, wonach Du verlangst."
"Was weißt denn Du von meinen Träumen."
"Rasch, steig auf", lockte das Pferd und schüttelte die wilde Mähne. Maria stand regungslos wie ein Vogel, der sich vor Angst totstellt, um dem Feind zu entgehen. Dann hatte jedoch die Neugier die Furcht besiegt, und ihre Hand griff nach der wuscheligen Mähne. Im Nu ließ sich das Pferd nieder, und schwupps hatte es Maria auf den Rücken genommen. Die Sonne stand hoch, kein Lüftchen regte sich, als hätte die Natur zu atmen vergessen. Die Erde erstarrte. Das All wurde zu einem Kristallgitter, in dem jeder Planet anscheinend regungslos an seinem Platz verharrte. Alles Leben konzentrierte sich auf Maria, um schmerzhaft und glühend aus ihr hervorzubrechen.
So ritt sie benommen dahin und fühlte warme, wohltuende Kraft. Der Weg wälzte sich unter ihnen voran. Bäume, Sträucher, hochstehendes Korn zogen blitzschnell vorüber Und weiter ging's. Kühe lagen dicht beieinander, kauten und starrten und strömten eine lockende Ruhe aus.
"Halt!" rief Maria.
"Nein, nicht hier", schnaubte das Pferd, und schon lag das grüne Tal hinter ihnen. Und die Sonne schüttete gleißendes Licht auf den Weg.
"Wohin bringst Du mich?"
"Ich zeige Dir mein Königreich. Dort mache ich Dich zu meiner Frau. Unsere Kinder werden Gefährten des Windes sein", sagte das Pferd, und die Hufe berührten kaum noch die Erde. Mühelos trabte es weiter, bis die Sonne langsam in der Tiefe des Horizonts versank.
"Hier, meine Königin, hier ist mein Reich", raunte es und blickte über das weite Land.
Marias Körper verband sich mit dem Pferdeleib. Alle Dinge verloren ihre Bedeutung. Raum und Zeit wurden null und nichtig, und ihr Blick streifte Jahrmillionen und fand zurück zum Ursprung. Und sie zerfloss im Blutstrom des Pferdeleibes und wurde Pferdeleib. Leichtfüßig galoppierte sie dahin. Ihre Schenkel glänzten in der Sonne. Sie blähte die Nüstern und war Kraft. Sie wieherte und war Leben, und sie zerfloss und dachte an ewiges Leben.
"Immer möcht ich voll Kraft und Schönheit sein. lmmer möcht ich sein wie Du", flüsterte sie und glaubte daran. Und weil sie daran glaubte, wurde sie seine Königin. Sie gebar zwei Söhne des Windes und regierte gerecht und voller Stärke. Und die Zeit, eine Zeit der Pflichten und eine Zeit der Arbeit, raste dahin. Und es kam, wie's kommen musste.
Welcher Held hat's jemals geschafft, das Raubtier Alltag zu bezwingen? Das hatte sich an den guten Jahren fettgefressen und

Publ. 1990 in Bolero und Peitsche

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Kommentare

11. Sep 2016

Ein Text mit Inhalt, der doch leicht
Und tief die Leserschaft erreicht ...

LG Axel

12. Sep 2016

Ein herzliches Dankeschön an Axel, der wieder mal einen treffenden Zweizeiler gedichtet hat. Tut gut!
LG Monika
Und für die Klicks ganz lieben Dank an Axel, Willi, J.W. Waldeck, LitPro und Alf.

14. Okt 2016

Das geht tief und hat ein wunderschönes Ende. Danke für diese faszinierende Geschichte.
Herzliche Grüße, Susanna

14. Okt 2016

Freu mich sehr! Lieben Dank, Susanna.
Noch einen sonnigen Herbsttag mit guten Gedanken und Ideen wünscht Monika

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