John Flowrew (Die Jagd)

von Michael Dahm
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John saß geduckt unter einer schneebedeckten, vom ewigen Wind gebeugten und weit zurückgebliebenen Kiefer. Er hatte den Kragen seiner gefütterten Wachsjacke bis zu den Ohren hochgeschlagen, so dass sein mausgrauer Vollbart, in der Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, über den Kragen quoll und ihm fast die Sicht nahm.
Er tat es nicht, weil er fror, nein, er tat es, weil den anderen kalt war, und der Mensch nun mal ein Herdentier ist.
Er schätzte, dass seine Kollegen aus dem Süden gar nicht wussten, was Kälte überhaupt ist.
Während seiner Kinder- und Jugendtage war er hoch oben in den Rocky Mountains aufgewachsen, und die Winter dort waren lang und streng. Mutter war oft lange unterwegs, und wenn er und seine Geschwister nicht eng aneinander gelegen hätten, wären sie wahrscheinlich erfroren. Das Leben in der freien Natur hatte ihn stark und ausdauernd gemacht. Er musste schmunzeln, wenn er daran dachte, wie er mit seinen Brüdern und Schwestern versucht hatte, Hasen, Rehe, Hirsche und Elche zu jagen. Anfangs war es hoffnungslos, aber Mutter gab sich so viel Mühe und zeigte ihnen einiges aus ihrem Repertoire der Jagd, so dass sie immer besser, schneller und ausdauernder wurden. Fleisch war ein wichtiger Bestandteil ihrer täglichen Nahrung.
Nun saßen er und die anderen beiden Deputies hier am Fuße der Rockies und beobachteten ein vom Sheriff genanntes Planquadrat. In diesem Planquadrat wurden in den letzten vierundzwanzig Monaten fünfzig Angus-Rinder, fünfunddreißig Schafe und Ziegen, sowie ein Hund getötet. Getötet ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Nein …, die armen Kreaturen wurden verstümmelt, zerfetzt, ausgeweidet, und ihre Fleisch- und Knochenstücke über wenigstens fünfzig Quadratkilometer verteilt. Das alles deutete stark auf ein Wolfsrudel hin. Einzig Wölfe verfügen über ein so großes Revier. Seltsam und unbegreiflich allerdings war die Geschichte des Farmers, der berichtet hatte, dass seine Tiere immer nur in den Vollmondnächten gerissen wurden, und dass er in einer dieser Vollmondnächte beobachtete, wie ein riesiger, aufrecht gehender Wolf mit glühenden Augen seine mit messerscharfen Krallen bewaffnete Pfote in eines seiner Angus-Rinder stieß und ihm das Herz herausriss ... Nun ja, Mr. Kepler lebte schon zu lange allein hier draußen, und Johny Walker war, neben anderen, sein bester Freund. Bloß die etwa fünf Zentimeter lange Kralle, die spitz wie ein Apachenpfeil war und die er im blutgetränkten Schnee neben dem toten Rind fand, sprach eine deutlichere Sprache.
Der US-Marshall, dem sie unterstellt waren, hatte den heutigen Tag für die Observation ausgewählt, weil eben heute Vollmond war. Noch aber war der Himmel bedeckt, und es sah nach Schnee aus. Flowrew besah sich seine rechte Hand, vor einem Monat hatte er im Eifer der Jagd einen Finger gebrochen und dabei einen Nagel eingebüßt. Sein starker Metabolismus aber, der manchmal überirdisch zu sein schien, hatte alles wieder in den Urzustand gebracht, so dass einer neuerlichen Jagd nichts im Wege stehen würde.
Allerdings war heute Vollmond, die Gegend wurde streng überwacht … nur ein Trottel würde heute jagen. Er war sich sicher, auch der Marshall würde heute kein Jagdglück haben.
Er musste über seine doppeldeutigen Gedanken leise lachen. In diesem Moment lugte der Mond durch die Wolken, und in seinem Schein blitzten für einen winzigen Augenblick Flowrews Reißzähne …

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Kommentare

11. Nov 2016

DIE Story scheint so stark erdacht,
Dass Fortsetzung hier Freude macht!
(Grad Krause findet John famos:
"Männa sin sonst Schlaffis bloß!")

LG Axel

11. Nov 2016

Sähe John die Krause
vielleicht nähm er sie mit nach Hause

LG Micha

11. Nov 2016

Ich hoffe freilich - nicht zu MIR:
Hier reicht schon EIN monströses Tier ...

LG Axel