Warum im Gebiss der Weisheit Wissenslücken klaffen sollten

von Lothar Peppel
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Mein Gott, wer will schon wissen ob er Haare am Arsch hat! Für mich ist mein Arsch jedenfalls THE DARK SIDE OF THE MOON. Nur dass ich kein Konzeptalbum daraus mache. Und überhaupt: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Und die Ärztin, welche vor Jahren eine Koloskopie an mir veranstaltete, wird das Geheimnis, ob sie mir davor unterm Steißbein einen Mittelscheitel ziehen musste, ja sicherlich nicht mit Edding auf die Rückseite ihres Kittels geschrieben haben. Und es gibt ja auch noch so vieles Anderes, was man nicht unbedingt über sich wissen muss. Den eigenen Intelligenzquotienten zum Beispiel. Den muss man nicht kennen. Liegt er bei 130, dann denkt man sich vielleicht, ich stehe jeden Tag um 05.00 Uhr morgens auf, maloche 10 Stunden, nur um mir für die paar verdienten Groschen Dinge zu kaufen, die ich überhaupt nicht brauche! Bin ich vielleicht doof! Und der mit einen IQ von 80 denkt sich eventuell, ich stehe jeden Tag erst nach 13.00 Uhr auf, saufe übern Tag hin 12 Flaschen Bier und lebe auf Kosten meiner im Container-Hafen Rostock verunfallten Ex-Frau. Bin ich vielleicht schlau! Da wäre das Selbstmitleid strukturell aber ganz schlecht verteilt. Mit dem eigenen IQ ist es also wie mit den Haaren am Arsch: das Wissen darüber macht nur die Verkehrten froh. Und überhaupt wird Intelligenz überbewertet. Meine Nachbarin ist Ingenieurin. Master of Science. Die hat Dinge mit entwickelt, die kriegst du bis zum Ende aller Tage nicht mehr abgewickelt. Also so richtig wichtiges Zeugs. Und die hat eine Katze. Und für die hat sie letztens Katzenstreu gekauft. Mit dem IQ! Wo ich als Durchschnittsdenker einfach denke, warum lässt sie denn um Gottes Willen das blöde Vieh bei Glatteis auch raus?! Opa hatte für seine orthopädischen Schuhe für solch klimatische Sonderfälle Spikes. Klar. Es gibt ja auch kein Opastreu. Seine Zehen waren ihm vor Stalingrad abgefroren. Haben sie ihm dann einfach abgeschnitten. Alle zehn. Wie der Koch den Gefrierbrand von unbedacht gelagerten Rolladen. In nur wenigen Minuten von Schuhgröße 45 auf Schuhgröße 40. Und in der zerbröselten Heimat bekam er dann orthopädischen Schuhe. Die waren vorne so rund. Das war dann auch kein richtiges Laufen mehr. Mehr so wie ein mit den Beinen tasten im nicht vorhandenen Nebel. Und Oma war nie ein großer Geduldsmensch und hat dann immer mit Opa geschimpft. Komm endlich! Komm endlich! Mach! Mach! Und auch wegen den Spikes. Naja. Parkett im Wohnzimmer. Sie waren ja ausgebombt. Und dann hatte man ihnen nach dem Krieg eine Wohnung zugewiesen, die vor dem Krieg einem jüdischen Geschäftsmann gehörte. Der konnte vor dem ganzen Schlamassel nach Amerika emigrieren. Durfte allerdings nichts mitnehmen. Nicht mal das Parkett. Und so hat's Opa dann demoliert. Was jetzt weder was mit Ingenieurskunst, Katzen oder dem Container-Hafen in Rostock zu tun. Es fiel mir nur so ein. Man sitzt halt am Schreibpult, kaut auf dem Gänsekiel herum und lauscht den eigenen Gedanken. Wobei das Schreibpult natürlich ein Rechner und der Gänsekiel ein glutenfreier Schokoriegel ist. Im Gedankenfluss schwammen aber Schreibpult und Gänsekiel. Und so habe ich sie heraus gefischt. Derweil ich damit wenigstens was anfangen kann. Was Gluten ist, weiß ich allerdings nicht. Ich weiß nicht mal, ob ich es überhaupt gar nicht nicht vertrage. Ich weiß aber auch nicht, ob ich Mondgestein vertrage. Aber es gibt ja auch gar keine mondsteinfreie Schokoriegel! Ist das nun gut oder schlecht? Als Verbraucher gehst du da auf ganz dünnem Eis. Da flanierst du frohgemut in den Supermarkt, willst nur deinen Einkaufszettel abarbeiten, und dann gibt es in diesem Saftladen nicht mal Mondsteinfreies! Stehste blöd da. Und die picklige Aushilfskraft auch. Glutenfrei haben sie, sagt er. Womit er bei mir aber nicht punktet, denn bis es Glutenfreies gab, habe ich Gluten immer sehr gut vertragen. Ich wusste es bloß nicht. Und das war gut. Ja, klar: Wissen ist Macht. Doch was, wenn dieses Wissen zum Gefrierbrand unseres Leben wird? Dann, ja dann. Dann wird das Haar am Arsch zum Haar in der Suppe.

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