Frühschicht – 1959 -

von Annelie Kelch
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Sie hört das Klingeln des Weckers wie an jedem Morgen um diese Zeit, wenn er zur Frühschicht muss; aber als er kurze Zeit später aufsteht und das Licht einschaltet, ist sie zu schläfrig für die fünf Schritte zu seinem Bett hinter dem schweren gelben Chintz-Vorhang, der die Küche von der Schlafstelle der Eltern trennt, und wo das helle Licht sie nicht am Wiedereinschlafen gehindert hätte. Durch die halbgeöffneten Lider erspäht sie, dass er zur Couch hinüberschaut, die ihr als Schlafstelle dient, um in Erfahrung zu bringen, ob sie wach geworden ist. - Nein, an diesem Morgen wird sie nicht in sein noch warmes Bett kriechen, nicht mit vom Schlaf verklebten Augen die fünf tapsigen Schritte nach dorthin wagen, wo sie, nachdem sie gerade noch seinen Geruch – eine Mischung aus Tabak und Rasierwasser - wahrgenommen hätte, sogleich wieder eingeschlafen wäre, um nach drei Stunden endgültig vom Wecker zum Aufstehen ermahnt zu werden, weil es Zeit für die Schule geworden war.

Selten genug kommt es vor, dass sie müde in 'ihrem Bett' liegenbleibt, obgleich sie aufgewacht ist und wach bleiben wird, weil das Licht sie beim Einschlafen stört, bis er, der sich immer sehr leise verhält, fort ist.

An solchen Tagen hebt sie nach einer Weile verstohlen die Augenlider und beobachtet ihn blinzelnd um feststellen, dass er ein frisches graues oder hellblaues – selten ein weißes – Oberhemd angezogen und über die Ärmel breite gestreifte Gummibänder geschoben hat, mit denen er die Stoffweite korrigiert und die verhindern sollen, dass das Baumwollgewebe über die Manschetten fällt. Das findet sie komisch. -
Immer sieht er sauber aus, und seit sie zurückdenken kann, ist er schlank, ja fast mager, obwohl er von kleiner Statur ist und regelmäßig seine Mahlzeiten zu sich nimmt.

Nur einmal, als er in Sibirien die Ruhr bekam, sah er aufgeschwemmt aus. Das geschah während der Kriegsgefangenschaft. Sie hat sich die Fotos aus dieser Zeit immer und immer wieder angeschaut, bis ihr auch das kleinste sich darauf befindliche Detail vertraut vorkam. Vier Aufnahmen beeindrucken sie ganz besonders: Da ist zunächst jenes, auf welcher er zu Anfang des Krieges, in fabrikneuer Uniform, vor der Hafenkulisse seiner damals noch nicht vom Bombenhagel zerstörten Heimatstadt Stettin steht und worauf auch sein Lächeln nicht über die bereits empfundene Wehmut hinwegtäuschen kann – nichts Gutes vorausahnend; auf dem nächsten Foto, das in einem Wald aufgenommen worden wurde, lehnt er in Gesellschaft zweier Kameraden an einer alten Kanone, ebenfalls lächelnd – noch; das dritte zeigt ihn schließlich in einem Bus, schlafend und schon krank, den Kopf weit nach hinten auf das zerschlissene Polster gelegt, das Gesicht gezeichnet von den Grausamkeiten des Krieges: auf dem Weg nach Sibirien, während das vierte Foto einen Gefangenenchor dokumentiert, dem er aufgrund seines wohlklingenden Tenor-Baritons angehörte.

Er steht auf der rechten Außenseite der zweiten Reihe eines Halbkreises, den einundzwanzig Männer in drei Reihen bilden. Man sieht nur seinen Kopf und die Schultern: sein Gesicht ist aufgedunsen von der Krankheit; er sieht unglücklich aus.
Unter den Chormitgliedern sind auch Russen: Ärzte, Pfleger und Aufseher, und jedesmal, wenn die Seite mit diesem Foto im Album aufgeschlagen wird, tippt er mit dem Zeigefinger auf einen Mann in der Mitte des Chores und sagt: „Dr. Smedjasow – eine Stimme wie ein Engel, aber der Teufel in Person. Für den war jeder gesund und konnte arbeiten, selbst wenn er unter einer noch so schweren Krankheit litt.“

Sie blinzelt wieder und sieht, dass er die Thermosflasche mit dem Kaffee, die Brotdose und eines der neuen Bücher aus der Bibliothek in die Tasche packt. Mittlerweile müsste er bemerkt haben, dass sie ihn heimlich beobachtet. Das ist eine Art Spiel zwischen ihnen an jenen Tagen, an denen sie dermaßen schlaftrunken ist, dass sie sich nicht entscheiden kann, das Bett zu verlassen. Meistens hat er längst bemerkt, dass sie wach ist und ihm zuschaut, und anfangs hat sie sich gewundert, dass er plötzlich vor sich hinlächelt und sein Gesicht zu lustigen Grimassen verzieht. An anderen Morgen ist sein Mienenspiel weniger lustig, eher tragisch-komisch – bis hin zum Fürchten.

An solchen Tagen ist er auch beim Rasieren ernst, wobei er sonst immer besonders Erheiterndes darbietet, und schaut zuweilen mit grimmiger Miene in ihre Richtung, dass sie jedesmal – völlig grundlos – ein schlechtes Gewissen bekommt und nicht mehr einschlafen kann. Vielleicht ist es ja schon zuviel, dass sie überhaupt auf der Welt ist: ein Nachkriegskind und dazu noch das dritte Mädchen, das durchgefüttert werden muss …

An solchen Tagen dreht er sich auch nicht wie sonst freundlich lächelnd zu ihr um, bevor er das Licht ausschaltet, sondern schaut mit finsterer Miene zu ihrem Bett hinüber, worauf sie ganz unruhig wird. - Sie weiß genau, wann der Spaß bei ihm aufhört, ist sich aber keiner Schuld bewusst.

Was wird an diesem Morgen geschehen?

Sie sieht, dass er zum Küchenherd geht, mit dem Feuerhaken die schwere Herdplatte anhebt und ein paar Holzscheite nachlegt. Dann dreht er sich unvermittelt um, lächelt ins Zimmer hinein, zieht eine komische Grimasse und führt schließlich ein Pantomimenspiel vor, worin er darstellt, dass ihm alles, aber auch alles zu viel sei: Er streckt die Arme hin zur hohen Zimmerdecke, bewegt seine Lippen, als wolle er ein Gebet gen Himmel schicken, lässt seine Arme in Zeitlupe wieder sinken und fleht händeringend und mit verzweifeltem Gesichtsausdruck eine Gottheit um Hilfe in seiner Not an. Dann grinst er plötzlich schelmisch, tut so, als habe er eine Fliege gefangen und würde ihr, wie der böse Friederich aus dem Struwelpeter-Buch, langsam und genüsslich die Beine ausreißen. Das sieht dermaßen komisch aus, dass sie beinahe losgeprustet hätte. Aber das wäre gegen ihre Abmachung gewesen, die ebenfalls wortlos zustande kam: Nur ein wenig lächeln darf sie. Meistens zieht sie sich obendrein noch die Bettdecke vor den Mund; dann lächeln nur ihre Augen.

Jetzt geht er zum Spiegel, seift mit dem großen Rasierpinsel sein Gesicht ein und zieht mit der Klinge breite Furchen durch den Schaum – bis nur noch kleine weiße Tupfer an der Haut haften, die er – wie immer – im Gesicht verteilt. Dabei rollt er beängstigend mit den Augen hin und her, tut plötzlich so, als habe er sich ganz fürchterlich geschnittten, um gleich darauf einem imaginären Gesprächspartner zuzulächeln.

Schließlich zieht er seine gefütterte Jacke an, steckt die Fahrradklammern in die Hosenbeine, nimmt seine Tasche und geht zur Tür. Bevor er das Licht ausknipst, dreht er sich um, schaut noch einmal zu ihr hinüber und lächelt ihr liebevoll zu.

Glückstadt, hinterm Deich; privates Foto
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Interne Verweise

Kommentare

12. Mär 2017

Glückstadt ? Kam da nicht die GLÜCKSKLEE her,,
die ich zum Kaffee mochte sehr ?

LG
Alfred

12. Mär 2017

Nein, lieber Alfred, aber die Glücksgöttin "Fortuna", die so lieblich anzuschauen war, dass sie auch dich glatt verzaubert hätte.

LG Annelie

13. Mär 2017

Meine Mutter hatte mir viel von dieser Zeit erzählt. Ich hing förmlich an Ihren Lippen, ähnlich wie jetzt an Deinen Zeilen...
Liebe Grüße
Soléa

14. Mär 2017

Danke, für deinen freundlichen Kommentar, Soléa. Ja, diese Zeit war nicht einfach, zumal mein Vater krank aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist und seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte.

Liebe Grüße
Annelie