Nicht nur ein Spaziergang

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Kloster Achtbach ist ein schönes Gebäude aus dem 15. Jahrhundert auf einen Hügel im Bayerischen Wald. Heute leben und arbeiten dort noch 12 Mönche. Um die Kosten für den Unterhalt des Gebäudes zu erwirtschaften, bieten die Mönche neben ihrer seelsorgerischen Tätigkeit auch verschiedene Seminar an. Die Teilnehmer können lernen, zur Ruhe zu kommen, zu Meditieren, richtig zu Fasten und andere Fähigkeiten, um mit dem Stress der Zeit schadlos umgehen zu können.

Ein Teilnehmer eines dieser Seminar fragte den Abt, wie er das Leben ganz intensiv nutzen kann, denn er hat viel gelernt und möchte so viel wie möglich davon anwenden.
Der bärtige und deutlich übergewichtige Abt, machte dem jungen Teilnehmer den Vorschlag, einen Spaziergang durch den Bayerischen Wald, hin zu einer kleinen Kapelle, zu machen.
Auf dem Weg erzählte der Teilnehmer, was er im Leben schon erreicht hat und was er sich noch alles vorgenommen hat. Er befürchtete allerdings, dass sein Leben dafür zu kurz sein könnte und will deshalb so schnell und intensiv wie möglich sein Leben wahrnehmen. Als studierter Informatiker möchte er sein Leben in den Dienst der Forschung an der Künstlichen Intelligenz stellen, denn darin sieht er den größten Nutzen für die Menschheit und auch den größten finanziellen Nutzen für sich.
Während der Abt den Weg in Ruhe abschreite, ließ er den jungen Mann reden, erklären und immer hektischer von seinen Träumen erzählen.
Als sie die kleine Kapelle sehen konnten, kam der wissensdurstige Teilnehmer zum Ende seiner begeisterten Darstellungen und fragte den Abt: „Wie kann ich es anstellen, dass ich meine Zeit hier auf der Erde so intensiv wie möglich für meine Aufgabe, aber auch für mich und mein Wohl nutzen kann?“

Der Abt fragte den jungen Mann, ob er die alte und hohe Eiche an der Weggabelung gesehen hat. „Nein.“ „Hast du das Rotkehlchen vorhin singen hören?“ „Nein.“ „Hast du gesehen wie auf der großen Wiese ein Reh weg rannte?“ „Nein, denn ich habe ja von meinen Ideen und Wünschen gesprochen. Sagen Sie mir nun am Ziel unseres Spazierganges, wie ich meinen Wunsch verwirklichen kann, mein Leben intensiv auszukosten?“

„Lass uns den Weg zurück gehen“ schlug der Abt vor und machte den jungen Teilnehmer auf allerlei interessante und schöne Dinge am Wegrand aufmerksam. Blumen, Bäume, Blüten, Tiere in den Bäumen und auf der Wiese. Immer, wenn der ungeduldige Mann seine Frage wiederholte, blieb der Abt stehen und wies ihn auf eine besonders schöne Blüte, ein Vogelnest im Baum oder einen Fuchsbau neben dem Weg hin.
Mit der Zeit fragte der junge Mann immer seltener und beobachtete immer intensiver, die Erscheinungen am Wegrand und im Wald. Es kam sogar vor, dass der Teilnehmer den Abt auf zwei Hasen aufmerksam machte, die schnell in den Schutz des Walds hoppelten.

Am Kloster angekommen, fragte der übergewichtige Abt welcher Weg, der Hinweg oder der Rückweg, für ihn angenehmer war und welcher Weg ihm mehr genutzt hat.
Es viel dem Teilnehmer schwer, dem Abt die Wahrheit einzugestehen. Der junge Teilnehmer hatte die Lektion verstanden und eine Antwort auf seine Frage erhalten.

Veröffentlicht / Quelle: 
Zeitschrift datt-is-irre Heft 72, Dez. 2017
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