Brunftschrei im Bahnstein’schen Power-Kabinett

von Monika Laakes
Mitglied

Hans-Georg Bahnstein hatte sich fest vorgenommen, diese Reise nach Namibia sollte eine Grenzerfahrung, besser gesagt ein Gipfelerlebnis seiner Jägerlaufbahn werden. Und es wurde eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, denn er bereitete instinktiv seinen Erfolg vor. Zuerst erzählte er allen hiesigen Verwandten und Bekannten, ob gewollt oder ungewollt, mit leidenschaftlichem Leuchten in den Augen:
“Ich werde einen Geparden mitbringen. Das soll der Kick meiner Jägerlaufbahn sein.“
“Willst du schon den Löffel abgeben?“ frotzelte sein Nachbar.
“Wirst schon sehen.“
Der Nachbar, ein schlanker und wendiger Mittvierziger ließ seine Augen über den ausladenden Bauch des passionierten Jägers wandern.
“Willst du es mit einem Sprinter aufnehmen? Und wenn du deine Rodenstock-Brille noch so blank putzt, du wirst ihn aus den Augen verlieren.“
“Nur keinen Neid.“
Inzwischen waren zwei Monate vergangen. Hans-Georg Bahnstein hatte die Reise in das ferne, heiße Land gut überstanden. Die Linienfluggesellschaft war zuverlässig, und sein Vertrauen in deren Sicherheit hatte sich bewährt. Seine gehobene Stimmung hatte sich vom ersten Gedanken an die Aktion bis zu deren Ende erhalten. Hans im Glück. Nun stand er mit über den Bauch gefalteten Händen vor seinem Haus und füllte den Eingangsbereich voll aus. Grasgrünes Hemd, dunkelgrüne Hose, seine bevorzugte Freizeit-Jägerkluft.
Er wartete auf den grünen Lieferwagen der Fa. Stopf & Co. Inzwischen waren es vierzig Minuten über die Zeit. H.-G. Bahnstein stapfte zum Zaun. Jeder Schritt, eine Äußerung seiner Ungeduld. Neun Schritte mit Nachdruck. Er hätte, um seinen Zorn abreagieren zu können, schon eine ausgedehnte Wanderung unternehmen müssen. Dann schlich sich neben Ungeduld und Wut noch ein diffuses Gefühl in sein Bewusstsein. Es war Angst, schiere Angst, sein Lebenswerk könne in Gefahr sein. Er horchte in die aufkommende Dämmerung hinein. Es war Ende März. Das Licht hielt sich schon tapfer bis gegen 21°° Uhr. Doch mit dem Verlust der Helligkeit ging auch das frühlingshafte Wärmeerlebnis flöten. Hans-Georg Bahnstein bekam kalte Füße. Es begann immer mit steifen Zehen, dann verzog sich der Schmerz in die Knie. Zuletzt kletterte er in die Schultergelenke. Er zog die Schultern hoch, kreiste einige Male, um Rücken und Nacken zu entkrampfen. Es hatte sich dort im Laufe der Jahrzehnte ein hartes Muskelpaket gebildet, ein sogenannter Stiernacken. Hans-Georg Bahnstein liebte Stiere. Er hatte nur zweimal auf diese starken Wesen geschossen. Als sie in sich zusammensackten, zerstört am Boden lagen, nur noch einmal kurz und intensiv zuckten, da zuckte auch hinter Bahnsteins Brustbein sein Herz. Es war ein fremdes und zugleich störendes Gefühl. Beim zweiten Abschuss eines dieser stolzen, starken Tiere, krampfte sich etwas in seinem Oberkörper auf eine schmerzhafte Weise zusammen. Hans-Georg Bahnstein sah von weiteren Tötungsaktionen seiner Artverwandten ab, denn die Angst, er könne dabei einen Herzanfall erleiden, war zu groß. Auch Büffel, Nashörner, Flusspferde empfingen unumschränkt seine Sympathie und hatten in seiner Nähe eine gute Überlebenschance.
Er lehnte sich über den Jägerzaun, der sein Haus und Grundstück eingrenzte. Das Holz knarrte. Der Zaun neigte sich leicht nach außen. Das Eckgrundstück an der Straßenkreuzung war durch Einbahnstraßen beruhigt und hatte den Vorteil einer guten Überschaubarkeit. Der Lieferwagen musste von links aus Richtung Norden aus der angrenzenden Nachbarstadt O. kommen. Stopf & Co. war ein zuverlässiges Mumifizier-Unternehmen und Hans-Georg Bahnstein dort ein altbekannter Kunde.
Sein Wohnzimmer barg einen unvermuteten Artenreichtum hiesiger Fauna. Jeder Gast durfte sich auf einen Augenschmaus freuen.
Schon in der schlauchförmigen Diele hingen an der linken Wand acht Geweihe von Jungtieren, die als Kleiderhaken dienten. Drunter ein kleines Tischchen mit Felldecke eines nicht identifizierbaren Tieres. Höhepunkt der Gastlichkeit war eine außergewöhnliche Demonstration Bahnstein‘schen Talentes. Der Brunftschrei eines Hirsches. Er legte den Kopf zurück, schloss die Augen, nahm die Hände trichterförmig vor den Mund und ließ mit aller Kraft seinen Schrei los. Es war imponierend, wie nuancenreich er mit der Stimme spielen konnte. Er brachte den naturgetreuen Lockruf hervor.
Hans-Georg Bahnsteins Jagdstrategie war so hoch entwickelt, dass er in der Szene zu einem Guru aufstieg. Und es war selbstverständlich, dass er die Bekanntschaft vieler Mächtiger aus Industrie, Politik und Wissenschaft machte mit darauffolgenden zahlreichen gegenseitigen Einladungen.
Neulich kam an einem Winterabend Prof. Neill, der im Schutz der Dunkelheit sein Inkognito wahren wollte. Wie ein Spion schlich er sich ins Haus. Sein Auto parkte zwei Straßen weiter vor einer Trinkhalle. Niemand hätte hier an diesem Ort den erfolgreichen Politiker beim Proben des Brunftschreis vermutet. Im Verlauf der Nacht erreichten die beiden Herren ein angemessenes Klangmuster. Das Haus wurde ein Zentrum für enorm gute Schwingungen. Ihre Stimmen verschmolzen zu einem Instrument. Einem nützlichen Instrument. H.-G. Bahnstein galt inzwischen als unumstößliche Kapazität auf dem Gebiet der Lautvermittlung. Prof. Neill brauchte viel Geduld und Zeit, um die Bahnstein‘schen Brunftschreie nur annähernd imitieren zu können. Talente entsprechen nie den eigenen Wünschen. Doch jeder Mann hat seine spezifische Begabung.
Nun bog der grüne Lieferwagen in die kleine Einbahnstraße und hielt vor dem Bahnstein‘schen Haus. Es war dunkel. Ein kleiner Lichtkegel an der Hauswand beleuchtete die Nummer 12 a und die Stufe zum Eingang. Tor und Türe wurden weit geöffnet. Der Lieferwagen parkte mit seinem Heck vor dem Tor. Ein Mann in Jägerkleidung stieg aus. Lief nach hinten und riss die Hecktüre auf.
“Sie kommen spät.“
H.G. B. konnte seinen Missmut nicht unterdrücken.
“Ist besser so. Dann kann nicht jeder sehen, was ich hier bei Ihnen ablade”, grinste der Anlieferer.
“Versteh‘ ich nicht. Alles ist legal. Bezahlt und genehmigt.“
“Spielt keine Rolle. Sollten sich vorsehen. Sie haben sonst die Tierschützer am Hals.“
“Wieso?“
“Wenn die erfahren, dass Sie einen Geparden vor der Flinte hatten mit bezahltem Abschuss, dann passen Sie nur auf.“
“Reden Sie keinen Quatsch. Ich habe eine Lizenz.“
“Die kümmern sich nicht um Lizenzen. Ist denen total egal. Geparden sind eine aussterbende Spezies. Das, nur das zählt. Da können Sie besser Ihren Opa abschießen.“
Die Männer lachten. Kurz und unterdrückt.
“Rasch. Helfen Sie mir beim Tragen.“
Der Lieferant zerrte am Hinterteil des präparierten großen Tieres. H.G.B. sprang trotz Leibesfülle behende zum Objekt seiner Begeisterung und umfasste das Vorderteil der starren Riesenkatze. Sie schleppten den Tierkadaver ins Haus. Es war eine rasche Aktion, frei von unliebsamen Zuschauern. Binnen acht Minuten war der Lieferwagen verschwunden, die Außenbeleuchtung abgeschaltet, das Haus eingebettet im Dunkel der Nacht.
Hans im Glück.

Drei Wochen später, es war an einem Samstag

Veröffentlicht / Quelle: 
Publ. 2001 in Potenz-Reliquien - Satiren

Seiten

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

13. Feb 2016

Dieser Text scheint echter Treffer!
(Nicht nur der Hase liegt im Pfeffer...)

LG Axel

13. Feb 2016

Hilde nährte die Schützengilde... wie kommt man auf so was ? Monika Du machst mir Angst ;-)

LG Micha

14. Feb 2016

Huch, lieber Micha, das war nicht meine Absicht. Allenfalls wollte ich Schmunzeln rauskitzeln. Hintergrund des 'Schwarzen Humors', des Horrors, war die Existenz eben dieses Gepards, den ich ausgestopft vor Jahren bestaunen durfte. Zudem las ich gestern eine kleine Meldung in der WAZ über den Sieger des Brunftschreis. Die Szene gibt es wirklich. Und so stellte ich die Satire bei LiteratPro ein. Zudem ist nicht jeder Krimi Schreiber ein Mörder. Obwohl ich mir keine mehr ansehe. Oje, mit dieser Resonanz hab ich nicht gerechnet. Sorry.
Alles ist gut und LG Monika

14. Feb 2016

Das wollte ich damit auch nicht gesagt haben liebe Monika. Es war ein rein konversationelles Kommentar eines männlichen Individuums ;-), der Dein Talent hervorheben sollte, denn das hast Du.

LG Micha

Seiten