Brunftschrei im Bahnstein’schen Power-Kabinett - Page 2

Bild von Monika Laakes
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Mitte September, da feierte H.G.B. ein Fest. Der Gepard hatte seinen Platz gefunden. Er stand vor der rechten Längswand des Wohnzimmers. Die Couch war zwischen Eingangstüre und Esszimmertüre gegenüber der Fensterwand platziert. Die Stereoanlage war gewichen und kam in den Keller.
Die heimische Tierwelt, die Wunderwelt des H.G.B‘schen Wohnzimmers, hatte den Fremdling aufgenommen. So standen sich Fuchs, Hase, Hirsch, Frischling und Gepard friedlich gegenüber. Paradiesisch scheint es eben nur im Tode zu sein.
Das Büffet bog sich. Es wurde gespickter Hasenbraten, Rehkeule, Kaninchenragout, Wildschweinfilet mit Knoblauch und Kartoffelsalat angeboten. Durchaus würdige Opfergaben für solch hochkarätige Gesellschaft. Das waren noch echte Männer. Herr Dorn, der Bürgermeister einer Nachbarstadt, Herr Pfannmeister, der hiesige Jagdaufseher, Herr Brohl, ein Apotheker und Herr Wasserstorm, ein Börsenmakler hatten sich pünktlich um 20°° Uhr eingefunden. Prof. Neill traf genau eine Stunde nach Eröffnung des Büffets ein. Er brauchte seinen professoral-akademischen Abstand. Bahnstein hatte zuvor einige erlesene Fleischstücke für ihn beiseite geschafft. Mit einem perfekten Brunftschrei stolzierte der Professor in den Raum. Es war ein gekonnter Auftritt mit gebührender Beachtung. Für einen kurzen Moment trat der zuvor bestaunte Gepard in den Hintergrund.
Dann rückte Bahnstein mit einem für die Männerwelt höchst wertvollen Geheimrezept heraus, das den Höhepunkt des Abends bilden sollte.
Er verschwand für einen kurzen Moment in der Küche und kam mit einem listigen Lächeln ins Zimmer. Behutsam trug er eine silberne Schüssel wie ein Priester seine Weinkaraffe in der Heiligen Messe. Er setzte sie vor den ausgestopften Gepard.
“Das hier”, er deutete auf die Schüssel. “Das hier ist eine wirksame Medizin.”
Er kniff ein Auge zu und machte eine eindeutige Handbewegung. Er schob seinen rechten Zeigefinger von oben in eine kleine Öffnung zwischen Zeigefinger und Daumen seiner linken Faust. Gelächter.
“Also, das ist ein Wundermittel?“ fragte Prof. Neill. “Haben wir das nötig?“ ergänzte er.
Kraftvolles Männergackern. Krümmen vor Lachen. Wie wohl das tut, aufgeblähte Bäuche zu massieren.
“Dann verrate uns dein Rezept“, flötete ihm der Apotheker zu. Sein Geschäft brachte ihm nicht mehr die Umsätze wie gewohnt. Eine Flaute, die ihn seiner Stellung innerhalb der geliebten Männerwelt zu berauben drohte.
“Nun sag schon”, drängte er, in der Hoffnung, dieses Rezept übernehmen und Geschlechtsgenossen glücklich machen zu können. Die Erwartung klingender Münzen glimmte in seinen Augen. “Nun?”
“Später”, beruhigte Bahnstein. “Erst testen, dann lüfte ich mein Geheimnis.”
Es machte ihm sichtlich Freude, Macht über diese Männer ausüben zu können. Ein seltenes Vergnügen. Es gelang ihm nur, weil er durch eigene Erfahrung deren versteckten Probleme kannte.
Die Herren verspeisten das köstlichste Ragout ihres Lebens. Später erfuhren sie von der langen Reise des Gepardfleisches, das im Kühlfach des Flugzeugs lagerte, während Bahnstein von Namibia nach Düsseldorf flog.
“Du bist und wirst, was du isst. Mit diesem Ragout unbezähmbar, geschmeidig und wild. So wie ein Gepard”, sagte Bahnstein. “Langt nur ordentlich zu, meine Freunde.”
Der Abend war mit Genuss zarten Fleischs und köstlichen Weins ausgefüllt. Mit aufbauenden Gesprächen und vor allem mit Hoffnung, die Power-Ingredienzien mögen ihre Wirkung vollbringen.
Nach Abschluss dieser rituellen Handlung legten sie eine Schweigeminute ein. Daraufhin folgte der Brunftschrei des Hirsches aus sechs Männerkehlen. So deutlich und für die Nachbarschaft hörbar hatte Bahnstein seine enthusiastische Lehrtätigkeit noch nie vollzogen. Der eigentliche Übungsraum befand sich in einem schalldichten Kellerraum oder, je nach Gruppenkonstellation in seinem Jagdhäuschen, weit abgelegen von Horchorganen ungebetener Lauscher.
Von dem hohen Geräuschpegel aufgeschreckt, steckte Frau Hilde Bahnstein, eine bodenhaftende, starkschenkelige Frau mittleren Alters, ihren Kopf durch den Türspalt.
“Zzzzzzt”, zischte sie in den Raum. Die Herren ignorierten die Störung und führten den Schrei bis zum letzten ausgestoßenen Luftmolekül zu Ende. Es war ein wundervoll befreiender Akt, befreiend von Angst, Unsicherheit und Mutlosigkeit. Alles, was einen Mann auf dem Zenit seines Lebens zu quälen vermag, wurde an diesem Abend mit Ausstoß des Schreies fort geschleudert. Durch den Brunftschrei hatten die Herren das Ende des aufbauenden und zutiefst menschenwürdigen Treffens besiegelt.
“Das werden wir wiederholen müssen”, stellte Prof. Neill fest. “Das muss wiederholt werden.”
Diese wärmende und seelisch übereinstimmende Männerrunde inmitten von Hase, Frischling, Dachs, Füchslein und Gepard spendete so viel Kraft, dass alle Köpfe energisch nickten und ihrem Professor beipflichteten.
“Einmal pro Quartal”, überlegte Wasserstorm. “Das muss möglich sein, jedes Vierteljahr ein Treffen.”
“Selbstverständlich in gleicher Zusammensetzung”, ergänzte Brohl.
Dann trugen die Herren die Termine für das laufende Jahr ein unter der Rubrik ‘Aufbauseminar für Führungskräfte’.
Dann vollzog Bahnstein noch eine letzte spirituelle Handlung. Er nahm eine Zange und schritt feierlichen Blickes zu dem prächtigen Gepard. Dann zog er sechs Krallen aus den Pranken des stolzen Tieres.
“Das sind noch zusätzliche Kraftspender, sozusagen als Permanent-Agens”, murmelte er. “Für jeden einen Fetisch.”
Er überreichte Prof. Neill die erste Kralle. Die beiden Männer lagen sich kurz in den Armen und klopften ihre Rücken. Eine in unserer Kultur nicht gewöhnliche Verabschiedung. Es folgten noch vier Umarmungen voller Herzlichkeit und Seelenverbundenheit. Wer die Einsamkeit jener Männerherzen vorgeschrittenen Alters kennt, der wird die Magie einer solchen Umarmung verstehen. Die Gepardkrallen fanden entsprechend ihren Besitzern verschiedene angemessene Plätze zur Aufbewahrung. Prof. Neill steckte sie zu den Papieren, Wasserstorm nestelte an seiner Handytasche, die übrigen Herren zückten die Geldbörsen aus ihren Gesäßtaschen. “Ist nah am Ort des Geschehens”, grinste Pfannmeister während er die Börse wieder einsteckte. Dann machte er eine vielsagende tänzerische M. Jackson-Bewegung und griff mit der linken Hand in seinen Schritt und schob hoch, was er dort vorfand. Kehliges Johlen aus Männerhälsen. Das hat etwas Melodisches, beinahe Ästhetisches. Um Bahnsteins Herz breitete sich unendlich viel Wärme aus.

Beim zweiten Treffen schleppte Bahnstein erneut seine silberne Schale voller Inbrunst in den Raum.
“Nun langt kräftig zu, meine Freunde.”
Pfannmeister holte etwas mit einer Fleischzange aus dem Behälter.
”He, was ist denn das?”
Pfannmeister hielt ein geröstetes Fleischstück hoch, das die Form eines Daumens zeigte. Währenddessen knabberte Prof. Neill an einem beinahe identischen Stück.
“Du willst uns doch nicht sagen, dass...”.
Brohl wurde von Bahnstein unterbrochen.
“Ja. Das sind geröstete Affenhände. Kraftvolle Gliedmaßen.”
Bahnstein zwinkerte vielversprechend mit dem linken Auge. Pfannmeister starrte angewidert auf das Teil in seiner Hand. Prof. Neill nagte unbeirrt weiter an seinem Krümmling, anscheinend ein Daumenstück.
“Was wollt ihr?” wandte er sich an die Herrenriege. “Was wollt ihr eigentlich?”
Prof. Neill hielt den Affendaumen hoch.
“Ist es ein Unterschied, ob ich an einem Hühnerbein nage oder

Veröffentlicht / Quelle: 
Publ. 2001 in Potenz-Reliquien - Satiren

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Interne Verweise

Kommentare

13. Feb 2016

Dieser Text scheint echter Treffer!
(Nicht nur der Hase liegt im Pfeffer...)

LG Axel

13. Feb 2016

Hilde nährte die Schützengilde... wie kommt man auf so was ? Monika Du machst mir Angst ;-)

LG Micha

14. Feb 2016

Huch, lieber Micha, das war nicht meine Absicht. Allenfalls wollte ich Schmunzeln rauskitzeln. Hintergrund des 'Schwarzen Humors', des Horrors, war die Existenz eben dieses Gepards, den ich ausgestopft vor Jahren bestaunen durfte. Zudem las ich gestern eine kleine Meldung in der WAZ über den Sieger des Brunftschreis. Die Szene gibt es wirklich. Und so stellte ich die Satire bei LiteratPro ein. Zudem ist nicht jeder Krimi Schreiber ein Mörder. Obwohl ich mir keine mehr ansehe. Oje, mit dieser Resonanz hab ich nicht gerechnet. Sorry.
Alles ist gut und LG Monika

14. Feb 2016

Das wollte ich damit auch nicht gesagt haben liebe Monika. Es war ein rein konversationelles Kommentar eines männlichen Individuums ;-), der Dein Talent hervorheben sollte, denn das hast Du.

LG Micha

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