Lawinen und deren umwelthistorische Wahrnehmung in den europäischen Alpen - Ein Forschungsexposé

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Einleitung

Lawinenabgänge in Gebirgen sind Resultate abiotischer Vorgänge und sozusagen Produkt aus Niederschlag, Temperatur, Wind und Hangneigung. Erst als Menschen anfingen in den Bergen zu siedeln und land- und forstwirtschaftliche Hochflächen zu bewirtschaften, wurden Lawinen als Bedrohung und negatives Naturereignis dargestellt. Ammann et al. stellen fest, dass zeitgleich mit der Überquerung von Alpenpässen durch Pilger, Söldner oder Handelsreisende die ersten Dokumentationen von Lawinen angelegt wurden (1997: 13). Das vormoderne Bild der Alpen war stark romantisch verklärt. Alpine Landschaften wurden als Idylle wahrgenommen und die alpine Kultur erhielt Attribute zugeschrieben wie unberührt, abgeschlossen, statisch, zeitlos, den natürlichen Kreisläufen gehorchend und agrarisch autark (Tschofen 2002: 90). Lawinen waren bzw. sind Teil der natürlichen Kreisläufe und somit Teil der vormodernen Wahrnehmung der Alpen. Erst mit zunehmender Technisierung wurde diese Ohnmacht gegenüber den natürlichen Prozessen überwunden. Es wurden Sicherheitsräume für einen funktionierenden und Wohlstand bringenden Tourismus geschaffen. Der Umgang mit Lawinen hat sich spätestens seit Einzug des Massentourismus nach dem Zweiten Weltkrieg erheblich verändert. Skipisten und alpine Erlebnisräume gelten als konstruierte Räume, in denen ein Wintermassentourismus ungehindert stattfinden soll. Vor allem skifahrende Touristen sind in diesen alpinen Bereichen von Lawinen unmittelbar bedroht. Heutzutage existieren Lawinenkommissionen und technische Schutzbauten werden errichtet, um das Lawinenrisiko zu minimieren (Luger und Rest 2002: 29). Wie sich die menschliche Wahrnehmung von Lawinen detailliert gewandelt hat und wie diese Wahrnehmung gemessen werden kann, sind Fragestellungen dieses Forschungsexposés.

Material und Methoden

Der anthropogene Umgang von Lawinengefahr spielt sich auf drei unterschiedlichen Ebenen ab. Die Erhebungsmethoden müssen sowohl auf individueller also personeller Ebene, auf kollektiver Ebene der Dorfgemeinschaft und auf institutionalisierter Ebene die verschiedenen Einstellungen zu Lawinen darstellen können. (Keller-Lengen et al. 1998: 15). Es empfiehlt sich der Versand von drei Fragebögen an Haushalte, Gemeindeverwaltungen und staatliche Lawineninstitutionen. Standardisierte Fragebögen, in vergleichbarem Umfang in den Untersuchungsgemeinden verteilt, lassen Vergleiche auf regionaler Ebene zu.
Die Summe der ausgegeben Kosten einer Gemeinde für Lawinenpräventionsmaßnahmen kann herangezogen werden, um Gemeinden für die Befragungen auszuwählen. Historisch immer wieder aufkehrende Lawinenabgänge bzw. Katastrophenereignisse können zur Auswahl der Gemeinden ebenfalls verwendet werden. Besonders von Lawinen betroffene Gemeinden wie Galtür in Tirol können als „case study“ in die Arbeit einfließen.
Die notwendigen Daten sollen aus Literaturstudien, Archivarbeiten und den qualitativen Interviews vor Ort zusammen getragen werden. Umfangreiches Archivmaterial zur Lawinengeschichte findet sich im Archiv des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Davos sowie im Archiv des Lawinenwarndienstes Tirol. In dieser Arbeit bediente sich der Autor bei der Literaturrecherche dem Schneeballprinzip. Zur Literatursuche werden Bibliotheksbestände und elektronische Zeitschriftendatenbanken herangezogen. Um die gegenwärtige Wahrnehmung von Lawinen zu erheben, bietet sich die Methode des Interviews an. Problemzentrierte qualitative Interviews nach Flick (1995) in ausgewählten, von unmittelbarer Lawinengefahr betroffenen Gemeinden, erweisen sich als hilfreich um die Fragestellung ausreichend realitätsnah beantworten zu können. Daraus können gemeindespezifische Erkenntnisse gezogen werden.

Forschungsfragen

• Wie wurden Lawinen im Alpenraum über die Jahrhunderte hinweg wahrgenommen?
• Gibt es eine logische Abfolge von Phasen in denen diese Entwicklung eingeteilt werden kann?
• Welche Wahrnehmungsmuster treten überregional auf?

Arbeitshypothesen

These 1: Die anthropogene Wahrnehmung von Lawinen hat sich über die Jahrhunderte stark verändert.
These 2: Man kann aus den heterogenen Quellen über Lawinenereignisse unterschiedliche Wahrnehmungsphasen ableiten.
These 3: Diese Wahrnehmungsphasen waren historisch bedingt starkem Wandel unterworfen und spiegeln Gedankengut jeweiliger Epochen wieder.
These 4: Der Alpinismus hat den menschlichen Umgang mit Lawinen stark geprägt.

Ziel der Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist es, für den schweizerisch-österreichischen Alpenraum gültige Wahrnehmungsmuster von Lawinengefahr und Lawinenrisiko aus den Datenbeständen abzuleiten. Es sollen Gemeinsamkeiten des anthropogenen Umgangs mit Lawinen im Alpenraum erarbeitet werden. Archivmaterial beider Länder soll in der Arbeit miteinander verknüpft werden. Als neuer Beitrag in der Lawinenforschung ist die Herausarbeitung von Unterschieden zwischen schweizerischen und österreichischen Lawinenwahrnehmungsmustern zu sehen.

Forschungsstand

Sehr frühe Erwähnung finden Lawinen beim griechischen Geographen und Schriftsteller Strabon. Sein Werk Geographika definiert Lawinen als übereinanderliegende Schneeschichten, die hangabwärts abgleiten. Strabon weist auf die Zerstörungskraft von Lawinen hin, indem er erwähnt, dass diese Schichten sogar Karawanen in den Abgrund werfen können (Amman et al. 1997: 23). Das Besondere an dieser Quelle ist, dass es also vor dem Jahr 0 erste mehr oder weniger wissenschaftliche Beschreibungen von Lawinen gibt. In den folgenden Jahrhunderten wurde nicht an dieser Definition festgehalten. Für die Beschreibung und Erklärung von Lawinen überwogen die von Kirche und Geistlichkeit geprägten Vorstellungen. Lawinen wurden nach der Antike als Strafen bzw. Prüfungen des christlichen Gottes wahrgenommen. Aus dem Mittelalter sind viele Daten über Lawinenabgänge bekannt. Auch für die Neuzeit trifft dies zu. Lawinenkatastrophen selbst wurden ab dem 12. Jahrhundert in regionalen Chroniken aufgezeichnet. (Amman et al. 1997:23).
Die mittelalterliche Bergbevölkerung, welche am öftesten und intensivsten in ihrem Alltag mit Lawinenereignissen zu tun hatte, konnte sich mangelnder naturwissenschaftlicher Erklärungssmodellen kaum den Hergang und die Ursache einer abgehenden Lawine herleiten. So entstanden vermutlich volkstümliche Erklärungsansätze. In diesen werden böse Kräfte für Lawinen verantwortlich gemacht. Vor allem Hexen, Dämonen und Geister spielten dabei eine wesentliche Rolle. Sie sind fiktive Figuren und gewissermaßen auch Projektionen menschlicher Ängste. Lawinen begegnete man mit einer gewissen Ohnmacht, da man weder die Entstehungs- noch Auslöseprozesse kannte. In einigen Alpentälern wurden Lawinen als Untier gesehen, welches aus Bosheit oder Rache ins Tal hinunterstürzt. In anderen üblicherweise frommen Tälern hielt sich der Glaube, dass mit dem Läuten von Kirchenglocken eine Lawine zum Stillstand zu bringen sei (Altmann et al. 1997:25). Im Mittelalter hatte man ein nach heutigem Verständnis recht kontroverses Bild von Lawinen. Man glaubte Lawinen seien riesige Kugeln aus Schnee und Eismassen, welche groß genug sein würden, um Menschen, Tiere oder Häuser einzuschließen (ebd. 25). Auch das Grollen der zu Tal fließenden Lawine wurde als Donnern wahrgenommen. Diese über Jahrhunderte entwickelte Angst der Bevölkerung ist für die umwelthistorische Forschung besonders in Sagen zugänglich. Sagen eignen sich jedoch nicht unmittelbar als Primärquelle in der Umweltgeschichte. Ihre Aussagekraft liegt im vermittelten Zeitgeist. Besonders Walter Flaig schildert in seiner Publikation Abenteuer und Erfahrung - Erlebnis und Lehre (1995), dass Sagen und alte Geschichten in rein naturwissenschaftlich orientierten Publikationen über Lawinen fast zur Gänze fehlen (Haid 2007:220). In vielen Sagen um Lawinen spielen nämlich immer wieder Hexen, gemäß der mittelalterlichen Projektion des Bösen, eine treibende Rolle bei Lawinenunglücken. So erzählt eine Urner Sage von einer schwarz gekleideten Hexe aus Erstfeld. Sie

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Kommentare

13. Feb 2016

Eigentlich hab ich von Lawinen ja wenig Dunst:
Doch dieser Text fasziniert! Das ist schon Kunst...

LG Axel

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