Lawinen und deren umwelthistorische Wahrnehmung in den europäischen Alpen - Ein Forschungsexposé - Page 2

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wurde der Überlieferung nach auf einer tosenden Lawine gesehen, wie sie auf ihr ins Tal herabritt und seelenruhig Wolle spann. Die arme Frau wurde daraufhin von Männern des Dorfers in Selbstjustiz öffentlich am Scheiterhaufen verbrannt (Amann et al. 1997: 25).
Ein weiteres mittelalterliches Phänomen ist das Läuten von Glocken. Die Glockenklänge oder schellenartige Töne waren erste Maßnahmen der Lawinenprävention. Mit dem Läuten der Glocken würde man die dämonischen Kräfte einer Lawine vertreiben und einen Abgang verhindern. Diese Vorstellungen und Praktiken sind sehr stark vom damaligen Gottvertrauen geprägt. Im Tiroler Raum wurden sogar Kirchen und kleinere Kapellen absichtlich in die Lawinenbahn gebaut. Einerseits sollten diese Bauten als Keil dienen, der die Lawine teilen sollte. In der volkstümlichen Deutung andererseits überwiegt jedoch die Erklärung für diese exponierte Bauplätze, dass der Hergott selbst über sein „Hab und Gut“ obacht (aufpassen) geben sollte (Haid 2007: 184). An dieser Deutung kann man ableiten, dass es zumindest in der Tiroler Bevölkerung einen stark katholischen Zugang gab, der beinhaltete, dass Lawinen von Gott beeinflussbar waren. Auch in der schweizerischen Wahrnehmung finden sich Indizien einer übermenschlichen Macht. Seit der Aufklärung und das damit verbundene Voranschreiten der naturwissenschaftlichen und rationalen Zugänge zu Umweltphänomenen fingen alpine Bevölkerungsteile an sich aktiv mit Lawinen auseinander zu setzen.
Etwas differenzierter schon unterscheidet Johann Jakob Scheuchzer 1706 in seiner „Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweizerlandes“ zwischen „Windlauwinen“ und „Grundlowinen“. Die „Windlauwinen“ würden vom Wind vor allem bei frischem Schnee ausgelöst und mit einer fürchterlichen Wucht ins Tal hinuntergejagt. Die Schloß- oder Schlaglawinen, eben die „Grundlowinen“, würden durch die eigene Schwere angetrieben und alles niederwerfen und mitreißen, was ihnen begegne,,..auch Bäume/Felsen/Steine/ ja den Grund selbs (daher sie auch Grundlowinen heissen) einwickeln/ mit sich fortschleppen / und alles von grund auss reissen“. Als Ursachen für Lawinen nennt Scheuchzer verfaulte und verfallende Bäume, Schellen, Glocken, Pistolen oder „andere Feurrohren“ oder auch nur miteinander redende Reisende, Regen, Frühlingswärme, „Gemsthiere“, Schneehühner und alle anderen Vögel. Im Kapitel über die „nöthigen Bewahr- und Rettungs-mittlen auß den Lawinen“ warnt er vor dem Erstellen von Gebäuden in gefährdeten Gebieten und beschreibt Wald und Mauern als möglichen Schutz vor Lawinen. Viele dieser Beschreibungen und Beobachtungen Scheuchzers stellen eine beachtliche naturwissenschaftliche Leistung dar, vor allem wenn man bedenkt, dass Scheuchzer gleichzeitig noch Bergungeheuer und Drachen klassifiziert hatte…(Amann et al. 1997: 26).
Als weiterer Beitrag zur Stützung der These, dass sich die Bewohner der Alpentäler rationaler mit Lawinen auseinandersetzten, ist die „Peitschenknalltheorie“ zu nennen. Bereits um 1348 sind Berichte eines andalusischen Ritters namens Peru Tafur erhalten, der davon berichtet, dass Leute durch den Knall von Feuerwaffen den lose sitzenden Schnee zum Fallen bringen (Flaigh1935: 191).
Anfang des 20. Jahrhunderts verändert ein Umbruch in Europa den anthropogenen Umgang mit Lawinen. Das Entstehen des Tourismus im Alpenraum änderte die Wahrnehmung und den Umgang mit der Naturkatastrophe Lawine. Interessant ist, dass die historische Wahrnehmung von Lawinen sich mit den einzelnen Phasen des Bergsteigens mitentwickelt hat. (Ammann et al. 1997:17). Die Mitte des 19. Jahrhunderts wird in der Literatur als das Goldene Zeitalter des Bergsteigens bezeichnet (Ammann et. Al 1997:21). Die Gründe weshalb Menschen die Alpen aufsuchten und somit sich mit Lawinen auseinandersetzen mussten, hängen stark von der Motivation ab in die Berge zu gehen. Überwog anfangs noch Furcht und Schrecken vor den Bergen, so stellte man später wissenschaftliche Vorwände vor, um die europäischen Gebirge zu erschließen. Ende 1900 wurde dieser Zugang vom Gefühl des Reisens und der Abenteuerlustigkeit abgelöst. Der Tourismus hielt danach Einzug in die Alpentäler Europas (Amann et al. 21f).
Gemeinsam mit dem steigenden Interesse nach Bergsteigen und Urlaub in den Alpen wurden Lawinen im 19. Jahrhundert nicht mehr als rein existenzielle Bedrohungen wahrgenommen.
Eine zeitgenössische bildliche Darstellung einer Lawine um 1828 stammt von den Hofmalern des österreichischen Erzherzoges Johann von Österreich. Gerhard Rohregger bestieg am 8. August 1828 gemeinsam mit dem Erzherzog und dessen Gefolge den 3360m hohen Großvenediger, als es zum besagten Lawinenunglück kam. Neben dem Bild wurde auch ein Textdokument hinterlassen. Es ist eine der ersten realistischen Erfahrungsberichte über ein Lawinenereignis im österreichischen Alpenraum. (Amman et al. 1997: 27). Solche Berichte aus der Realität sind für die anthropogene Auffassung von Lawinen von entscheidender Bedeutung. Je mehr Schilderungen aufgeschrieben oder überliefert wurden, umso mehr entfernte sich das Bild einer Lawine vom religiös angehauchten Motiv der Strafe Gottes.
Man muss sich vor Augen führen, dass die Angst und somit die gesellschaftliche Wahrnehmung von Lawinen auch immer einen wirtschaftlichen Bestandteil hatte. Wer Lawinenopfer wurde, der verlor sämtliche Lebensgrundlage. In den bäuerlich geprägten Dorfgemeinschaften stellten der Verlust von Haus, Hof und/oder Stall eine ernste Bedrohung der Existenz dar. Die Bedrohung der Dorfgemeinschaft spielte sich auf einer sehr existenziellen Ebene ab (Wilhelm 1999:8). Es gab keine Versicherungen und auch keine staatlichen Hilfezahlungen, wie sie im 21. Jahrhundert nach Naturkatastrophen üblich geworden sind. Wer Lawinenopfer wurde, war auf die Hilfe der Nachbarn, der Kirche oder der Hilfsbereitschaft der Nachbarn angewiesen.
Je stärker Infrastruktur und Siedlungen von Lawinen bedroht wurden, umso analytischer setzte man sich ab dem 20 Jahrhundert mit Lawinenereignissen auseinander. Lawinen wurden nun als Risiko betrachtet, dass es zu minimieren galt. Der Mensch agierte nicht mehr passiv und war einem potentiellen Lawinenabgang nicht mehr schutzlos ausgeliefert. Man entwickelte in vielen Täler unterschiedliche Methoden um Lawinen künstlich auszulösen oder zu beschwören. Dieses aktive Auseinandersetzen mit Lawinen markiert einen Umbruch in Richtung moderner Lawinenprävention. Ein wichtiger Beitrag zum Thema Lawinenrisiko und dem menschlichen Sicherheitsbedürfnis liegt von Wilhelm (1999) vor. Er teilt das Gebirge modellhaft in zwei Bereiche, dem Lebensraum und dem Gefahrenraum. Gefahrenräume sind Plätze im Gebirge in denen Schadenslawinen bevorzugt auftreten und andere Naturgefahren sehr wahrscheinlich sind. Dort aber finden sich auch nutzbare Ressourcen. Menschen würden höhere Risiken in Kauf nehmen, wenn sie dadurch auch höheren Nutzen beziehen, wie etwa die Errichtung eines Skigebietes und die resultierenden Einnahmen. Die Nutzung dieser Räume erfolgt heutzutage meist nur verbunden mit Schutzmaßnahmen. Wilhelm liefert Hinweise dafür, dass bereits um 1800 Bewohner von Alpentälern das Risiko einer Lawine bewusst gewesen sein musste. Von dieser Zeit ist bekannt, dass einzelne Bewohner ihre Häuser mit Direktschutzmassnahmen schützen. Die Errichtung eines Ebenhöch dient etwa dazu, um die Lawine über das Gebäude hinüberzulenken

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Kommentare

13. Feb 2016

Eigentlich hab ich von Lawinen ja wenig Dunst:
Doch dieser Text fasziniert! Das ist schon Kunst...

LG Axel

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