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Reflexionen zu Vegetarismus, Veganismus und Carnismus - Page 2

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Fleisch ist ein Stück Lebenskraft

Hier handelt es sich um einen bekannten Werbeslogan der Fleischindustrie. Wieder begegnet man einem Stück Wahrheit – einerseits ! Es gibt aber auch genügend pflanzliche Produkte, welche Lebenskraft verleihen können, ohne die typischen Risiken des heutzutage oft übertriebenen Fleischgenusses zu bergen. Besonders erwähnt sei hierbei der rheumatische Formenkreis mit Gicht, hohen Harnsäurewerten u.s.w.. Studien zufolge soll der Fleischesser mit einem wesentlich erhöhten Prozentsatz an lebensbedrohenden Magen- und Darmerkrankungen zu rechnen haben.
Demjenigen vegetarisch lebenden Menschen, der sein Anderssein mit seiner Verantwortung der Tierwelt gegenüber rechtfertigt, geht es aber um obige Überlegungen überhaupt nicht. Er sagt: „Tiere JA – auf dem Teller NEIN!“ und versucht, gemäß der Prämisse seines Handelns gesund zu leben, auch und gerade weil er auf das gepriesene „Stück Lebenskraft“ aus ehrenwerten Motiven heraus, voll bewusst, verzichtet. Dass er sich möglicherweise mit biologischen Grundbausteinen, welche die pflanzliche Nahrung nicht oder nur spärlich für ihn bereithält, zusätzlich versorgen muss, ist - ein in meinen Augen vertretbarer - Preis dafür, seiner Einstellung, d.h. seinem Gewissen, treu geblieben zu sein. Man kann eben nicht alles haben – nichts ist seiner Natur nach vollkommen – man bekommt nichts umsonst!

3. Vegetarier schaden der Natur ...

Es ist ein allgemein gültiges physikalisches Gesetz, dass man einem System der Energiegewinnung stets ein Mehr an Energie zuführen muss, als man letztlich erhält, da immer irgendwelche Formen von Energieverlust auftreten. Da eine Dampfmaschine – um Bewegungsenergie zu gewinnen – ein Vielfaches an Wärmeenergie zugeführt bekommen musste, hatte sie nur einen Wirkungsgrad von etwa 10%. Ein moderner Elektromotor dagegen kann, infolge geringerer Abwärme- und Reibungsverluste, mit einem Wirkungsgrad von bis zu 90% überzeugen, aber – verlustfrei bewegt sich auch er nicht!
Möge es mir die Kuh verzeihen, wenn ich sie für einen Augenblick zu einem System zur Milch- und Fleischerzeugung degradiere! Aber auch sie kann nicht mehr „erbringen“ als was man in sie „hineinsteckt“. Pflanzliche Nahrung durch den Tiermagen zu „veredeln“ ist unwirtschaftlich. Würde man alle zur Futtererzeugung verwendeten Flächen der direkten menschlichen Ernährung öffnen, wäre dies wesentlich effizienter, tier-, luft- und umweltfreundlicher.

4. Vegetarier vergönnen sich selbst nichts und vergällen deshalb anderen
nur die Lebensfreude

Dies mag ein Gegner und oberflächlicher Kenner der vegetarischen Szene durchaus so sehen. Wer in der Vorstellung lebt, dass der Vegetarier außer Salat nichts auf den Teller bekommt (was in vielen Gaststätten leider immer noch der Fall ist!) und der Meinung ist, dass ein Essen ohne Fleisch überhaupt nicht als solches bezeichnet werden dürfe, wird so denken. Wer sich allerdings kundig macht bzw. selbst schon Jahre fleischlos lebt, weiß anderes zu berichten. Zugegeben, es ist oft ein gutes Quantum an Phantasie und Experimentierlust gefragt, auch die Bereitschaft, sich auf andere, neue und damit aber auch verlockende Geschmacksrichtungen einzustellen (und natürlich ebenso lieb gewordene loszulassen ... langsam zu „vergessen“), aber an Vielfalt gebricht es der pflanzlichen Ernährungsweise gewiss nicht. Gerade hier gilt der Grundsatz:
„varietas delectat“ - Abwechslung erfreut ! Der Vegetarier hat damit gar keinen Grund, dem „Dauer-Hot-Dog-Vernichter“ die Lebensfreude zu vergällen – er steht zu seiner Überzeugung, ist mit dem Nahrungsangebot mehr als zufrieden und leidet unter keinerlei Frust.
Ein Carnist, welcher sich seine Freude verderben lässt, ist mit selbst schuld: vielleicht ist er einem „missionierenden“ Vegetarier begegnet, einem unangenehm dogmatisch belehrenden (so etwas sollte man tunlichst unterlassen!) und der carnistische Gewissenswurm beginnt zu nagen? Viele Fleischesser geben es ja zu, dass sie massive Schwierigkeiten mit dem Fleischverzehr (bis hin zum Verzichte) hätten, so sie ein eigenes oder überhaupt ein Tier selbst schlachten müssten.

5. Vegetarismus und Veganismus als Ersatzreligion

Den Vegetariern, welche aus ethischer Überzeugung den Fleischgenuss meiden
(nicht denen, bei welchen alleinig gesundheitliche Gründe den Ausschlag geben) wird oft vorgeworfen, eine Ersatzreligion zu praktizieren. So reißerisch-journalistisch dieser Vorwurf auch sein mag, so unsachlich und dumm ist er. Zum ersten sind Vegetarier nicht weltanschaulich oder konfessionell gebunden.
Des weiteren fehlen klare Kennzeichen einer Religion, beispielsweise bestimmte Glaubenslehren, Ordnungsbeziehungen und Regeln innerhalb der Gemeinschaft, Rituale, Zeremonien und Verheißungen.
Wer dem Vegetarismus vorwirft, er sei eine Ersatzreligion, so eine Art moderner Sekte einer überfütterten Wohlstandsgesellschaft, der übersieht, dass ethische Grundhaltungen zwar in Religionen eingebettet sind, aber auch absolut selbstständig existieren können und der Bevormundung oder Rechtfertigung keiner Religionsgemeinschaft bedürfen - oder: sie können auch überkonfessionell, also allgemein anerkannt sein.
Natürlich spielen ethische, philosophische und weltanschauliche Überlegungen die entscheidende Rolle, so sich jemand entschließt, vom Saulus zum Paulus, vom Carnisten zum Vegetarier zu werden. Sind die Beweggründe die Achtung vor dem tierischen Leben und das Anerkennen einer gleichberechtigten beseelten Tierwelt, welche ja aus den gleichen Wurzeln ... der gleichen Schöpfung stammt, dann spielen sicher „religiöse“ Gedanken eine Rolle, allerdings nur in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „religio“, welches in etwa mit „Rückbindung“ übersetzt werden kann (und mit Religion=Konfession verwechselt wird). Der ethisch begründete Vegetarismus erlebt den Menschen als mit dem Tier „verbunden“ und somit eine „religio“, eine „Rückbindung“ zur gesamten Natur, in welche er eingebettet ist, in welcher er Teil ist ebenso wie sie in ihm, die er selbst nicht aus eigener Kraft schaffen kann und die er deshalb schützen und bewahren möchte, so gut es in seiner Macht steht. Der Baum wird, bildhaft ausgedrückt, zum Bruder, der Schmetterling zur Schwester ... In diesem Sinne sagte bereits vor ca.30 Jahren ein von mir sehr geachteter Vegetarier: „Ich kann den Tieren kein Leben schenken, folglich darf ich es ihnen auch nicht nehmen.“

6. Sind Vegetarier „bessere“ Menschen?

Bei der Beantwortung dieser höchst provozierenden Frage (deshalb ist sie auch sehr publikumswirksam!), kommt es darauf an, was man unter „besser“ verstehen will und wer beurteilt. Ein Nutztier, welchem durch Vegetarier sein Schlachtopfer erspart bleibt, würde diese sicher als „bessere Menschen“ bezeichnen (so man es um seine Stellungnahme bitten könnte).
Auch wer den - manchmal etwas steinigen, von Selbstzweifeln und Rückschlägen gepflasterten - Weg zum Vegetarismus hinter sich hat, sich seines weiteren Pfades sicher ist, der vermag sich mit Recht etwas selbstzufrieden zurücklehnen … eben mit sich selbst im Reinen zu sein. Es ist nicht ungehörig, auf seine persönliche Leistung stolz zu sein. Was man dem Bergsteiger nach erfolgreicher Gipfelstürmung, dem Sportler nach großen

In Dankbarkeit
Marion gewidmet, dafür, dass sie mich
an ihren ebenso durchdachten wie (selbst)kritischen
Überlegungen zu nämlichem Themenkreise teilhaben
ließ ...

den Nachwuchsvegetariern Susanne und Norbert P.
in Anerkennung ihrer aufrichtigen Bemühungen um eine
tierschonende Ernährungsweise ...

meiner Ehefrau Anni, welche es großzügig toleriert,
dass ich in dieser und ähnlichen Schreibarbeiten stunden- und
oft nächtelang meine Gedanken zu ordnen versuche ...

und unserer Resl, welche mich – erfindungsreich wie sie ist -
ständig mit neuen veganen Kuchenkreationen überrascht, obwohl
sie selbst „das Gelumpe“ nicht isst.

Alfred Krieger
Haselbach, 23.IX.2015

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