Schwarzer Valentinstag - Teil 1

von Angélique Duvier
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Der Regen verwandelte sich an diesem vierzehnten Februar 2010 in kleine Geschosse aus Eis, obwohl die Heizung voll aufgedreht war, fror ich entsetzlich.
Warum guckst du denn so traurig, heute ist doch Valentinstag, fragte ich meinen Vater, hast du denn schon Blumen für Mama gekauft, wollte ich von ihm wissen. Mein Vater, trotz seiner achtzig Jahre noch immer ein attraktiver und stolzer Mann, schwieg, seinen Blick auf den Fernsehbildschirm geheftet.

Nach einigem Zögern antwortete er hüstelnd: Ich weiß, dass heute Valentinstag ist, es ist der schwärzeste Tag in meinem Leben und jedes Jahr wünschte ich, er möge schnell vergehen.

Warum Papa, fragte ich ihn, was war denn geschehen? Mein Vater rang offensichtlich mit sich, dann erwiderte er stirnrunzelnd: An einem Valentinstag wurde meine erste Tochter geboren. Mein Herz fing heftig an zu klopfen, denn bis dahin wusste ich von keiner Halbschwester.
Ich habe das Kind nie gesehen, ich weiß nicht, was aus ihr und ihrer Mutter geworden ist, sagte er beinahe flüsternd.

Bitte Papa, erzähle mir alles, bat ich ihn. Ich war damals achtzehn, als wir uns
kennenlernten, holte er aus, ich merkte, dass es ihm nicht leichtfiel darüber zu reden, aber dann sprudelte es beinahe aus ihn heraus: Sie war etwa ein Jahr älter. Ich war wie jeden Sonnabend mit meinen Freunden in einem Jugendclub im Nachbardorf. Wir tanzten, spielten Karten, flirteten mit den Mädchen. Wir alle kannten einander seit Kindheitstagen. Doch an diesem Abend war es anders. Ich bemerkte, dass mich ein Mädchen beobachtete, sie war uns allen fremd, sie musste neu hinzugezogen sein. Als unsere Blicke sich trafen, lächelte sie mich an, nie werde ich dieses Lächeln vergessen, denn es war das erste Mal, dass ein Mädchen mit mir flirtete. Sie hatte beinahe schwarze Augen und braunes, kurzes, lockiges Haar, sie trug ein dunkelblaues Samtkostüm, ihre Figur war etwas rundlich, doch das störte mich damals nicht. Ich konnte kaum den nächsten Sonnabend erwarten, denn ich hoffte, dass ich sie dann wiedersehen würde.

Es vergingen ungefähr zwei Wochen, ich war glücklich, fühlte mich, als würde ich auf Wolken schweben. Ihr Name war Edna, sie war meine erste Freundin, ich fühlte mich unglaublich erwachsen.

Edna erzählte mir damals, dass ihre Eltern vermisst wurden und vom Deutschen Roten Kreuz gesucht werden, aus dem Grund ist sie vom Jugendamt bei einer Familie auf einem Bauernhof untergebracht worden. Wir trafen uns nur zweimal, sie hatte leider kaum Zeit für mich, sie erzählte mir, sie müsse bei dem Bauern die gesamte Hausarbeit verrichten.

Wir verabredeten uns für den nächsten Sonnabend am gleichen Ort und um dieselbe Zeit, aber Edna kam nicht, ich wartete beinahe zwei Stunden, dann ging ich enttäuscht nach Hause.

Am nächsten und übernächsten Tag wartete ich wieder vergebens auf sie.
Ich konnte es mir nicht erklären, so machte ich mich auf den
Weg zu ihrer Pflegefamilie. Der Bauer schaute mich misstrauisch an und sagte mürrisch, das kleine Luder ist nicht mehr hier. Auf meine Frage, wohin sie denn gegangen sei, antwortete er: Was weiß denn ich, sie ist weg und jetzt scher dich nach Hause. Sie hatte nicht einmal eine Nachricht für mich hinterlassen.

Ich war ziemlich traurig und endtäuscht, ich glaube, sie ist damals vor mir weggelaufen, sinnierte er. Viele Monate später, ich war gerade neunzehn Jahre alt geworden, kam ein Brief vom Jugendamt, darin stand, ich solle die Vaterschaft für eine Tochter anerkennen, die am vierzehnten Februar geboren wurde. Ich war sehr überrascht, hoffte aber Ednas Aufenthaltsort herauszubekommen. Da man zu meiner Zeit erst mit einundzwanzig Jahren volljährig war, blieb mir nichts anderes übrig, als mich meinen Eltern anzuvertrauen. Ich schämte mich unendlich und hatte Angst vor ihren Zorn, doch mein Vater nahm mich zur Seite und sagte: Junge, wenn du mit dem Mädchen geschlafen hast, musst du auch die Verantwortung tragen.
So fuhr er mit mir am nächsten Tag zum Jugendamt, dort erkannte ich widerstrebend die Vaterschaft an, denn ich war nicht sicher, ob ich es tatsächlich bin. Ich hatte nämlich inzwischen von meinen Freunden erfahren, dass Edna nicht nur mit mir zusammen gewesen sein soll, sogar mit meinem besten Freund soll sie etwas gehabt haben, deswegen hatte sie auch nie Zeit für mich.
In der Urkunde stand auch der Name des Kindes, „Crystal“.

Unterhalt konnte ich damals noch nicht zahlen, da ich noch zur Schule ging.
Da mein Vater die Bürgschaft übernehmen musste, holten sie sich das Geld von ihm, obwohl meine Eltern selbst nicht viel besaßen und ich noch zwei jüngere Schwestern hatte, die jüngste war gerade erst 6 Jahre alt.
Mein Vater schluckte, dann fügte er leise hinzu:

Etwa drei Jahre später kam wieder ein Brief vom Jugendamt - darin wurde mir mitgeteilt, dass Crystal von ihren Großeltern adoptiert wurde. Das bedeutete dass das Rote Kreuz Ednas Eltern gefunden hatte.
Wieder versuchte ich zu erfahren wo sie lebt, das Schreiben kam aus dem Schwarzwald. Eine Adresse oder Fotos von Crystal habe ich bis heute nie bekommen. Mir wurde gesagt, ich hätte keinerlei Rechte, weder das Kind zu sehen, noch Auskünfte über sie zu erhalten. Ich musste nur zahlen und schweigen.

Ich muss oft an sie denken, aber besonders schlimm ist es jedes Jahr am vierzehnten Februar, ihrem Geburtstag. Ich frage mich immer wieder, wo sie wohl ist, wie sie aussieht, ob sie mir ähnlich sieht, ob sie wirklich meine Tochter ist, ob sie überhaupt etwas über mich weiß! Er hielt eine Weile inne, ich nahm seine Hand, die leicht in meiner zitterte. Ich konnte kaum reden, meine Kehle war wie zugeschnürt, denn diese Neuigkeiten, über die mein Vater so viele Jahre geschwiegen hatte, nahmen mir beinahe den Atem, so dass ich beinahe vergessen hatte zu frieren.

Tja, seufzte mein Vater leise , ich hoffe, sie ist gesund und hatte eine schöne Kindheit, aber vor allem hoffe ich dass sie ein glücklicher und anständiger Mensch ist, dann löste er seine Finger aus meiner Hand, erhob sich schwerfällig aus seinem Fernsehsessel und ging zur Tür zum angrenzenden kleinen Garten, ich sah in seinen großen braunen Augen, die den meinen so ähnlich sehen, einen verdächtigen Schimmer. Von oben hörte ich das leise Surren der elektrischen Nähmaschine, an der meine Mutter saß und nähte.

Ende Teil 1

© Angélique Duvier

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