Wenn der Adventszauber hinkt

von Lothar Peppel
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Würden stanniolumwickelte Schokoladenweihnachtsmänner eigentlich dringendst prophylaktisch psychotherapeutischer Hilfe bedürfen, wenn sie wüssten, dass scheinbar unbedarfte Kinder ihnen irgendwann - dafür aber gewiss - die Kleidung vom Leibe reißen werden, und den nun nicht mehr rotkapuzten Kakaokopf mit ihren wackelnden Milchzähnen erbarmungslos zermalmen? Diese Frage ist natürlich nur rein rhetorischer Natur. Schließlich ist es mehr als nur billiges Allgemeingut, dass die meisten Schokoladenweihnachtsmänner nicht unbedingt dafür bekannt sind, ein Bewusstsein, geschweige denn ein Selbstbewusstsein in ihrem recht kurzen Lebenszyklus zu entwickeln. Da ist nichts Geistiges. Da ist nur minderwertige Schokolade und gut verkaufte Hohlheit. Und da wir gerade von Preisen reden: selbstverständlich wird heutzutage keine Jahresendfigur mehr mit Stanniol ummantelt. Man zieht ihnen Mäntel und Stiefel Aluminium an. Denn Aluminium zeichnet sich gegenüber Stanniol nicht nur durch eine andere Schreibweise, sondern vor allem dadurch aus, dass es sich einfacher herstellen lässt und somit günstiger ist. Und günstig ist unschlagbar. Deutschland hat Polen überfallen. Weil die Gelegenheit günstig war. Mein Vater hat meine Mutter geschwängert. Weil sie günstig gelegen war. Und wären Schrauben damals günstiger gewesen, hätte man Jesus bestimmt nicht ans Kreuz genagelt, sondern geschraubt. Ja, ich gebe zu: ich habe sogar einmal geschissen, obwohl ich eigentlich fast bis zu den Schultern hoch leer war, nur weil ich auf einer von gepfefferten Preisen dominierten Shoppingmeile einem kostenlosen Öffentlichen WC über den Weg lief! Es war halt scheissgünstig. Und aus ähnlichen Beweggründen heraus ist Aluminium eben das neue Stanniol. Im 2.Weltkrieg wurden übrigens Streifen aus Stanniol abgeworfen, um die Radaranlagen des Gegners zu foppen. Was jetzt wohl darauf beruhte, dass diese Streifen bei einer gewissen Länge Störungen auf den Bildschirmen hervor riefen. Wäre damals Aluminium schon billiger als Stanniol gewesen, dann hätten die Briten 1943 über Hamburg statt Stanniolstreifen vielleicht wie vom Affen gebissen Aluminiumstreifen herum geschmissen. Wobei in mir viel zu wenig Physikus steckt, als dass ich behaupten könne, die Wirkung wäre gleich gewesen. Ich selbst hätte ja Schokoladenweihnachtsmänner abgeworfen. Da käme zum das Radar störenden Effekt der Verpackung nämlich noch der psychologische Schock. Heil Hitler! - Es regnet Jahresendfiguren! Mit solch einer Meldung wird die Unteroffizierslaufbahn eines Artillerieradarspezialisten ganz schnell zur Rutschbahn mit Richtung Geschlossene. Derweil der Begriff zur damaligen Zeit ja gar niemanden geläufig war. Also Heil Hitler! schon. Aber nicht Jahresendfigur. Diese Bezeichnung soll laut Legende erst in der späteren DDR geprägt worden sein. Wobei die Quellen dazu nicht wirklich sehr ergiebig sprudeln. Ich selbst kann dieses aber - als in der DDR Aufgewachsener - weder nickend bejahen, noch kopfschüttelnd verneinen. Wir haben als Kinder zum Schokoladenweihnachtsmann immer Schokoladenweihnachtsmann gesagt. Und wir haben sie auch nicht in der Nähe von Radaranlagen in die Luft geschmissen. Auch keine Schokoladenosterhasen. Obwohl sie auch mit Stanniol umwickelt waren. Unterdessen ich mir jetzt sehr sicher bin, zu diesen Schokoladenhohlkörpern in Hasenform garantiert nie Jahresendfigur gesagt zu haben! Selbst wenn wir den einen oder anderen Schokohasen übersehen und erst im Dezember zwischen Sessel und Katzenklo klemmend gefunden haben. Schokolade bekommt ja immer so einen weißen Überzug, wenn sie älter wird. Fettreif ist der Fachausdruck. Das Fett der Kakaobutter schwitzt aus und wandert an die Oberfläche. Fett ausschwitzen. Das muss man sich mal vorstellen: einfach mal so Fett ausschwitzen. Wären Menschen aus Schokolade würden Adipositas und Klimaerwärmung wie zwei Zahnräder ineinander greifen. Da wäre der optimale BMI keine Frage von Völlerei, sondern nur eine Frage davon, ob man sich die fachgerechte Demontage seiner Klimaanlage leisten kann. Also im Endeffekt wieder eine Frage von arm und reich. Die breite Masse bleibt breit. Und wie immer ist dies keine Frage von Hautfarbe, Staatszugehörigkeit oder den überirdischen Quatsch, an welchen man auch immer glauben mag. Ebenso ist es egal ob du aus Fleisch und Blut oder aus Schokolade bist. Denn es ist immer das System. Und dieses setzt konstant auf zwei Faktoren: auf die Leere von Jahresendfiguren. Und die Leere in unseren Köpfen. Zweites gilt es zu füllen. Doch dies ist Zukunftsmusik. Und die kann heute ja noch Niemand hören. Auch nicht die Weihnachtsmänner aus Schokolade. Sonst säßen sie ja mit uns beim Psychotherapeuten.

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