Kühlschrankkalte Wassermelone

von * noé *
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An einem regennassen Tag eine kühlschrankkalte Wassermelone essen, saftig zwar und süß obendrein, aber eben kalt, genau, wie der graue nasse Tag vor dem Fenster - das ist der gefühlte Abschied vom Sommer.

Vorbei scheinen die unbeschwerten Sommerfreuden, nicht das "Was zieh ich bloß an ...", sondern das tägliche "Was kann ich NOCH weglassen!", die Wasserflasche im Rucksack und alle die lecker lockenden Eisdielen mit ihren verführerischen Kreationen - so groß kann keine Waffel sein (und ein Magen auch nicht), dass man sie alle, alle durchprobieren könnte, so farbenfroh und einladend!

Und das Übermaß an Sommerfrüchten: Kirschen, Kirschen überall, kaum dass die Erdbeeren schlapp geworden sind und ihren Frühlingsreiz verloren haben. Und dann kommen sie, die Himbeeren, die Johannisbeeren, die Blau-, die Stachel- und die Brombeeren. Und sind sie nicht einfach lecker, die Mode gewordenen Plattpfirsiche und - jetzt entdeckt - Plattnektarinen!? Weinbergpfirsiche, so nannte man die flachen weißfleischigen, aromatischen, scheibenartigen Früchte noch vor ein paar Jahren und konnte sich glücklich schätzen, sie bei einem Obsthändler auf dem Ladentisch zu sehen. Heute werden sie in länglichen Plastikschalen hintereinandergereiht abgepackt und schmecken (mir) immer noch aromatischer als die normalen, runden gelbfleischigen Samthäutigen.

Honigmelonen, Galiamelonen, Khaki, zwischendurch mal saftigsüße Ananas - Sommer ist mein Wonneland. Aber eigentlich hätte ich aufmerksam werden sollen, als sich die ersten Birnen und Weintrauben ins Angebot mischten, die ersten Pflaumen und lila Zwetschgen die Aprikosen und Nektarinen abzulösen begannen. Sogar Orangen habe ich neulich im Vorbeigehen schon entdeckt.

Trotzdem, dieser zweite von jetzt zwei dunkelgrau verhangenen, kühlen, dauerregennassen Tagen hat es mir ins Bewusstsein gerückt, dass der Sommer ein Ende haben wird, wie immer viel zu schnell, viel zu früh.

Zum Glück gibt es den Herbst, damit die Seele Zeit hat nachzukommen, sich vorzubereiten auf die dunkelfrostkalte Winterzeit. Langsam, behutsam werden wir umgewöhnt. Zwischendurch ist mal wieder ein Leckerli drin, eine kleine Spielplan-Verlängerung des Sommers, nochmal ein Tag oder mehrere, an denen wir sonnenverwöhnt werden und Weihnachts-vor-freude wachsen lassen können. Dann kommen auch die paar limitierten Äpfelsorten, die wir noch im Handel finden, zu ihrem Recht und Mandarinen, Walnüsse, Haselnüsse, getrocknete Datteln, Feigen und Maronen.

Aber noch habe ich eine halbe Wassermelone im Kühlschrank. Ich habe sie von oben angeschnitten, so dass sie jetzt Tag um Tag um jeweils eine Scheibe kürzer gemacht wird.
Und ab morgen soll ja auch die Sonne wieder scheinen.

© noé/2015 Alle Rechte bei der Autorin

200 S., ISBN-13: 978-1511612166

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Kommentare

17. Aug 2015

Das ist ein wirklich schöner Text!
Ob - wohl des Lesers Hunger wächst...

LG Axel

18. Aug 2015

Diesen beschaulichen Text habe ich aufmerksam und mit Genuss bis zum versöhnlichen Ende gelesen. Das ist nicht immer so. Danke noe. Das ist erlebte Stimmung in guter Sprache.

18. Aug 2015

Danke für diese netten Kommentare!
Was
ist "nicht immer so"?
Dass von dir/Ihnen ein Text bis zum Ende gelesen wird?
Dass er mit Genuss gelesen wird?
Oder dass das Ende ein versöhnliches ist?
;o))

18. Aug 2015

Was für ein opulentes Szenario üppiger Früchte , kredenzt in der Schale der Vergänglichkeit....

18. Aug 2015

Was ein Vitamingewitter !
Frisch & gelungen . . . wie dein ganzes Buch ;-).

LG Ralf