Schizophrene Erscheinungen

von Alf Glocker
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Der Morgen dämmert dunkelgrau. Ich kann noch nichts genau erkennen, aber ich weiß, daß da was ist. Nun gut – um mich ist die Welt, jedenfalls das Bild, das ich von ihr habe. Ihre unscharfen Umrisse kommen mir bekannt vor. Doch heute, an diesem dunkelgrauen Morgen, ist da noch etwas. Es steht als Gestalt im Zimmer und ich habe das Gefühl, daß es gar keine Gestalt ist, sondern eher ein Zustand ... der Zustand der Veränderung – die Zeit! Ist es Gott? Ist es der Teufel? Bin ich es selbst?

Da sind also 3 Gestalten, die im Zimmer stehen. Ihre schwarzen Mäntel bewegen sich nicht. Gerne würde ich mit ihnen sprechen, aber wenn ich jetzt aufstehe – das weiß ich instinktiv – dann sind sie fort. Was soll ich tun? Meine Ahnungen gehen dahin, daß es sich vielleicht nur – metaphorisch gesprochen – um die „Rücken“ der betreffenden Besucher, Gott und Teufel handelt, die, wenn sie sich in der Realität vereinen, das Schicksal bilden. Dann wären sie leider nicht mehr ansprechbar!

Also nütze ich die Gelegenheit und begreife, was die dritte Person derer, die sich um mein Bett versammelt haben, also ich, tun muss. Eine innere Stimme rät mir, in die düstere Verkleidung zu schlüpfen, die da symbolhaft noch steht, um mich, diesen einsamen Menschen, der von fragwürdigen Einflüssen umgeben ist, zu verkörpern – körperlos versteht sich. Deshalb drehe ich mich um: ich verberge mein Gesicht vor Gott und dem Teufel, damit ich dem Schicksal gleichwertig, auf Augenhöhe, gegenübertreten kann. Dann kann es losgehen. Ich schwebe!

Der Morgen ist stehengeblieben, in einem Zustand der Starre und er besteht nur noch aus unzähligen Blasen ... größeren und kleineren. Jetzt wird die Verschwörung erkennbar. Die Eindrücke spalten sich in Gewissheiten auf, in feststehende Beschlüsse, die zwischen den beiden anderen Gestalten besprochen werden. Mich in das Gespräch einzumischen ist nun leicht und ich beginne zu fragen. Mein Schweigen durchdringt den unendlichen Raum! Die beiden anderen antworten mir, indem sie weitere Beschlüsse fassen. Währenddessen verraten sie mir ihr Prinzip!

Ich verstehe, daß alles ganz einfach ist: In den Blasen ist das Diesseits enthalten. Sie leuchten abwechselnd auf, tun es aber auch nicht. Sie verharren und sie bewegen sich, sie wechseln Temperatur und Farbe, aber sie tun das nur virtuell. In Wirklichkeit bleiben sie immer gleich – nur wenn sie von den beiden Gestalten außer mir, in Personalunion berührt werden, dann „sprechen“ die Blasen laut ... sie „lesen“ in vorgezeichneten, imaginären Schriftstücken, die da sind, obwohl sie doch niemand in Händen hält. Und ich ergründe, was sich dahinter befindet. Noch kann ich mich selbst, bei den Gestalten wahrnehmen.

Ein ohrenbetäubender Schlag erschüttert jedoch auf einmal die Szene. Habe ich die Schallmauer durchbrochen? Habe ich die Lichtgeschwindigkeit unterschritten? Bin ich gestorben, oder hat irgendwer gegen meine Spionage protestiert? Offensichtlich konnte das parallele Gesamtgefüge meine aufmerksame Präsenz nicht länger ertragen. Die Zeit-Bewegung hat wieder eingesetzt. Mir fällt auf, daß ich während des Ereignisses nicht geatmet habe. Hat es in „Wirklichkeit“ gar nicht stattgefunden? Die Blasen lösen sich flimmernd auf. Sie werden kleiner und kleiner. Schließlich haben sie sich zu meinem Schlafzimmer verdichtet.

In meinen tatsächlichen Zustand zurückgedreht, erkenne ich, wo ich bin: mitten im Leben! Vor mir löst sich ein Schemen auf. Sein Schatten ebenfalls und ich frage mich, wie etwas in einem lichtarmen Raum auch noch einen Schatten werfen kann. Noch einmal „höre“ ich, nein fühle ich, die Stimmen jenseitiger Sphären, doch sofort fühle ich, wovon sie verdrängt werden. Ein reichlich primitiver Drang befällt mich. Ich bekomme Hunger und „denke“ an ein schönes Frühstück. Ich weiß zwar nicht, ob man dieses „Denken“ auch als solches bezeichnen kann, oder ob das vorhin das richtige Denken war, aber ich lass es dabei bewenden und versuche herauszufinden, was auf mich zukommt.

*

Das Achsendrehen

Schwindel regen Schwindel er,
Achtung: kleiner Gernzverkehr!
Dreh dich um und bleib nicht hier -
Täuschung zwischen mir und mir!

In einer Welt der Potentaten
bleibt die Wirklichkeit zu raten,
denn bei Dunkelheit und Licht
sieht man die Hintergründe nicht!

Meine nicht, du seist ein Wesen,
sondern müh dich ab zu lesen,
wo und wann und warum eben
dieses ist und nicht ist – Leben!

Würgeschlangen, Kreisquadrate,
die Lügenspur zur Kemenate
ist dir vorgezeichnet – wachse!
Dreh dich nie um deine Achse!

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Kommentare

15. Feb 2017

Wie der wirklich starke Text -
Er bis zum Ende stetig wächst!

LG Axel