Fangen

von Monika Jarju
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Da sah ich ihn kommen. Er preschte durch das weit geöffnete Tor. Ich saß auf der schattigen Veranda, den verlassenen Vorhof im Blick. Es ging auf Mittag zu, die Sonne brannte sengend herunter. Der staubige Hof lag im hellen Sonnenlicht. Der Himmel strahlte in einem dunstigen Glanz. Seit Monaten hatte es nicht mehr geregnet. Draußen wirbelten Staubwolken über den roten Lateritweg. Jeden Tag kam er angerannt. Er lief stracks zum Wasserhahn neben der porösen Mauer, schnupperte am harten Boden, schnüffelte an einem feuchten Sandfleck. Vom hinteren Hof hörte ich das dumpfe rhythmische Aufschlagen des Stößels im Mörser. Er hob die Schnauze, seine Nase glänzte, und sprang auf die Hinterpfoten, seine Zunge schnellte heraus. Der Hund war jung, noch klein. Er reichte nicht an den Hahn. Er trippelte ein paar Schritte und sprang noch einmal. Von der Straße drang Kindergeschrei und lautes Gegacker, dann heftiges Flattern, Flügelschlagen, Gejohle. Staubfahnen zogen über die Hofmauer. Eine Kinderhorde stürmte vorbei, voran das Huhn, wild mit den Flügeln um sich schlagend. Die Jungen jagten das Huhn über die Straße, es entkam in den Nebenhof. Nun waren auch die schrillen Rufe der Frauen zu hören und Hundegebell, der gedämpfte trockene Aufschlag von Steinen, heiseres Gejaule, Gewinsel. Wieder stob Sand auf, kleine Steine spritzten umher, ich vernahm kreischendes Lachen. Ein magerer beigefarbener Hund mit blutendem Ohr hetzte vorbei, die Jungen hinterher, nun aus der anderen Richtung. Einen winzigen Moment lang sah ich in die feuchten dunklen Augen des Hundes. Ein Stein knallte gegen das Eisentor, prallte zurück, schlug dumpf auf dem sandigen Boden auf. Dann entfernte sich der Lärm. Im Hof hüpfte der kleine Hund wie ein Ball unter dem Wasserhahn, federte hoch und leckte am Hahn. Der Hahn war trocken, keinen Tropfen gab er her. Das rostige Schloss an der dicken Eisenkette klirrte, die fest um die Wasserleitung gewickelt war. Der Hund blickte sich um und trabte in den Hof. Unter der Wäscheleine stellte er sich auf die Hinterpfoten. Die Wäsche flatterte im Wind. Er hob seine Schnauze und fing die klaren Wassertropfen auf.

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Kommentare

16. Apr 2018

Der Leser taucht spontan hier ein -
Um selbst sofort im Bild zu sein ...

LG Axel

16. Apr 2018

Ein sehr guter poetischer Prosatext, liebe Monika,
der darüber hinaus Spannung erzeugt und eine Pointe
bereithält.

Liebe Grüße,
Annelie

17. Apr 2018

Liebe Annelie, lieber Axel, vielen Dank fürs Lesen und Eintauchen!
Seid gegrüßt, Monika

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