Orientexpress

von Angelika Wessbecher
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Annes Verhältnis zu ihrem Cousin war etwas prekär. Harald konnte manchmal so fies sein. Sie waren etwa gleich alt und sein Vater pflegte Anne ihm gegenüber des Öfteren als Vorbild für schulischen Fleiß vorzuhalten. Harald zahlte ihr das gerne mit kleinen fiesen Attacken heim. Einmal hatte er ihr bei einem gemeinsamen Landaufenthalt hinterrücks die Waden mit Kuhmist beschmiert. Und dass er beim Knödelwettessen gewonnen hatte, war eh klar.

Harald und seine Eltern lebten in Wien. Annes Eltern hatte der Krieg in eine württembergische Stadt verschlagen, wo sie auch aufwuchs. Der Kontrast zwischen ihren Lebenswelten hätte größer nicht sein können: Hier die märchenhafte Metropole der versunkenen Donaumonarchie, dort die trostlose schwäbische Stadt, in der Annes Eltern als Flüchtlinge diskriminiert wurden. Und auch sie fühlte sich dort nicht heimisch, obwohl sie dort geboren war.

Aber jedes Jahr an Ostern kam Farbe in das triste Familiengrau. Harald und seine Eltern kamen zu Besuch. Während die Familienfeste sonst eher trist verliefen, erfüllte nun das heitere wienerische Geplänkel von Onkel und Tante die Atmosphäre. Der Onkel ließ Anne lateinisch deklinieren, lobte sie und prophezeite Harald, der meistens finster schwieg, im Gegenzug eine Zukunft als Massenmörder. Offenbar wies Annes Physiognomie trotz schulischer Erfolge eine so frappierende Ähnlichkeit mit der des verdrossenen Cousins auf, dass die Tante deswegen gerne vergnügt aufkreischte.

Als Anne und Harald etwa elf Jahre alt waren, war Harald anlässlich des rituellen Osterbesuchs in Württemberg auf die Idee verfallen, Orientexpress zu spielen. Die Beiden öffneten die Flügeltüren, die vom Schlafzimmer ihrer Großmutter ins Wohnzimmer führten, ebenso die Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers und schoben den Tisch beiseite. Dann begann Harald Papierbögen zu beschriften, die sämtliche Bahnhöfe des Orientexpress bezeichneten, von Paris bis Istanbul. Harald legte diese in der ganzen Länge über die drei Zimmer verteilt aus, nahm ein Kursbuch zur Hand und begann die Abfahrt des Zuges am betreffenden Bahnhof anzusagen. Bevor der Zug einfuhr, musste Anne die Signale und Weichen stellen. Nach dem Aufenthalt pfiff Harald zur Weiterfahrt und dirigierte sie zum nächsten Bahnhof. Anne lernte beiläufig von ihm, dass Stuttgart und München Kopfbahnhöfe waren und dass dort eine Lok ans Ende des Zuges gespannt wurde, bevor er in Gegenrichtung wieder ausfuhr. Harald duldete keinen Widerspruch und Anne unterwarf sich gerne, denn sie war insgeheim ein bisschen in den weltläufigen Harald verschossen, obwohl sie sich das selbstverständlich nie hätte anmerken lassen.

Harald und Anne verloren sich mit Anfang dreißig aus den Augen. Aus dem Schulversager von einst war dem Vernehmen nach ein Frauenheld und Oberarzt an einem Wiener Krankenhaus geworden. Annes Karriere war nach viel versprechenden Anfängen in ihren Dreißigern peu à peu den Bach runter gegangen. Der Tiefpunkt war erreicht, als Annes Vater ihr an einem Weihnachtsabend vorhielt, dass Harald offenbar das große Los gezogen hätte, und mit seiner zweiten Frau, einer Chefstewardess, nun auf ausgedehnte Weltreisen ginge. Da begehrte Anne zum ersten Mal gegen ihren Vater und forderte den gleichen Wert wie den des erfolgreichen Cousins ein. Wenig später verließ sie die spießige Kleinstadt und überließ sich einer Sinnkrise, die nahezu zehn Jahre andauern sollte. Sie machte zwei Psychoanalysen, experimentierte mit Magie und Astrologie, I-Ging und Tarot, probierte verschiedene Weltreligionen durch und landete schließlich in einem dubiosen Sufiorden.

Da hatte Anne nun ihr letztes Geld für einen Tanzworkshop in Zentralanatolien verwendet. Die Hitze war mörderisch, Konya eine trostlose Großstadt, das Grab von Rumi von aufdringlichen Andenkenverkäufern und Sufitouristen belagert. Anne wirbelte eine Woche lang nach Art der Derwische im Kreis herum. Sie konnte nachts in der Gruppenunterkunft nicht schlafen und stellte fest, dass „Effendi“, der Vorsitzende des Ordens, ein törichter alter Mann war, der sich aufrichtig darüber wunderte, dass er nach jahrzehntelangem Kettenrauchen ein Lungenemphysem entwickelt hatte und nun auf ein Sauerstoffgerät angewiesen war.

Auf der Rückreise saß Anne wegen eines Streiks auf dem Flughafen von Istanbul fest. Ihr war schwindelig von den tagelangen Tänzen um die eigene Achse herum, vom Schlafmangel und der grauenvollen Erkenntnis, dass sie einem Selbstbetrug und das nicht zum ersten Mal, aufgesessen war. Sie hatte genug und wollte nach Hause, wo immer das auch war. Nachdem zum wiederholten Mal der Rückflug nach Deutschland verschoben worden war, nahm Anne ein Taxi und fuhr nach Istanbul hinein. Sie kam zu den 5-Uhr-Rufen der Muezzine an, verbrachte ein paar Stunden in einem billigen Hotelzimmer und dachte beim Aufwachen: “Wenn ich schon hier bin, kann ich mir ja gleich diesen dämlichen Bahnhof anschauen.“

Sie betrat das prächtige Gründerzeitgebäude, seinerzeit Endstation des Orientexpress, und stieg in den bereitgestellten Zug Richtung Bukarest. Eine Fahrkarte hatte sie nicht gelöst. Sie ließ sie sich in das Polster sinken und wurde von einem Weinkrampf geschüttelt. Der Zug fuhr an. Sie weinte und weinte. Als ihre Tränen nach sehr langer Zeit versiegten, verfiel sie in eine angenehme Gleichgültigkeit.

„Mach Dir nichts draus. Unsere Eltern waren blöd“, hörte sie eine vage vertraute Männerstimme sagen. „Harald?“ Anne schaute auf und wendete ihren Blick aus dem Zugfenster, vor dem das Schwarze Meer in der Sonne glitzerte. Dann lächelte sie breit über das ganze Gesicht.

2015

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Kommentare

16. Nov 2018

Eine sehr schöne Geschichte, liebe Angelika.
Es war ein Vergnügen sie zu lesen! :)
Dein Schreibstil spricht mich sehr an.

Ist das doppelte "nun" im sechsten Abschnitt, erste Zeile, beabsichtigt?

Liebe Grüße,
Ella

16. Nov 2018

Danke Ella für deine lobenden Worte. An und für sich habe ich alles x-mal durchgelesen, aber die Wortdoppelung war mir nicht bewusst. Jetzt werde ich mich gleich auf die Suche nach deinen Beiträgen machen.

LG Angelika

16. Nov 2018

Ach, mach Dir nichts draus, liebe Angelika.
Was die eigenen Texte angeht, ist man manchmal "Leseblind". Da man weiß, was da stehen soll, überliest man etwaige Fehler.
Das ist mir nicht nur einmal passiert, sogar in meinen heutigen Gedicht passierte es. Ich hatte statt "Glockenklang" "Klockenklang" geschrieben und es nicht bemerkt.
Annelie war so freundlich mich darauf hinzuweisen.
Alles ist gut.
Danke nochmal für die schöne Geschicht :)

Ganz liebe Grüße,
Ella

16. Nov 2018

Bin auch ein Stückchen mitgefahren -
Und möchte mit dem Lob nicht sparen!

LG Axel

16. Nov 2018

Hallo Frau Wessbecher, ich hab die in ihrem Profil hinterlegte ISBN mal richtig hinterlegt (ISBN 10 oder ASIN ... Sie hatten die ISBN-13 hinterlegt) - das zur ISBN-13 gefundene Buch führt Sie nicht als Autorin. Soll doch ein anderes Buch hinterlegt werden, kontaktieren Sie mich ruhig. viele Grüße

17. Nov 2018

Tolle Erzählung!
Und aus der Ironie nur geht hervor, dass geistige Entwicklung stattfand - trotz der "hervorragenden" und weit in den Schlund gestopften esoterischen Angebote ein Blick und Wort Richtung Vernunft gelang. Das hat mir am besten gefallen, das Eigentliche steht zwischen den Zeilen!
LG Uwe

17. Nov 2018

Danke Uwe, das Kompliment geht natürlich runter wie Öl. LG von einer Frühaufsteherin an einen Frühaufsteher