Liebe auf den ersten Blick

von Annelie Kelch
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„Ich wünsche dir alles Gute, Ulla“, sagte Erik und hielt Ulla seine Hand hin.
Er wusste in diesem Augenblick nicht, welches Gefühl in ihm überwog: Trauer, weil sie zurück nach Schweden ging oder die Erleichterung darüber, dass er nun eine Sorge weniger hatte, die Sorge um Ulla, die sich längst nicht mehr wohlfühlte bei ihm und in seinem Land. - Zwei Selbstmordversuche lagen hinter ihr.

„Komm jetzt, Ulla! Wir verpassen sonst die Fähre“, mahnte ihre Mutter und schaute mit undefinierbarer Miene, ihr Gesicht war leicht verzogen, zu ihm hinüber, bevor sie Ulla aus der Wohnungstür drängte. Ein letzter Blick aus Ullas großen dunkelblauen Augen – dann war er allein. Allein mit vier Kätzchen und zwei kleinen Katern, die munter in seiner spärlich möblierten Wohnung umhertollten. Eines der Tiere hatte Ulla mitgenommen: Lizzy, ihr Lieblingskätzchen, das ihnen im letzten Urlaub, den sie in Schweden verbracht hatten, zugelaufen war.

Erik, der am Fenster stand und zusah, wie Ulla und ihre Mutter ins Taxi stiegen und wegfuhren, seufzte tief auf und setzte sich schließlich, nachdem er rastlos in der Wohnung auf- und abgewandert war, in den alten Sessel, der neben dem Kratzbaum stand. Er beobachtete die lebhaften Tiere bei ihrem Spiel. Noch vermissten sie Ulla nicht. - Ulla, die die er vor sieben Jahren durch eine Partnerschaftsanzeige kennengelernt hatte. Damals, nach einer großen Enttäuschung, hatte er sich wieder einmal auf die Suche nach einer Frau gemacht. Aus Schweden sollte sie sein; aus dem Land, das ihm so gut gefiel. Lange Zeit tauschten Ulla und er regelmäßig Briefe. Als sein nächster Urlaub anbrach, war er dann endlich nach Schweden gefahren, um sie zu besuchen. Es hatte sofort gefunkt zwischen ihnen: Liebe auf den ersten Blick war es gewesen. - Ulla kam mit ihm nach Deutschland. Freute sich so sehr auf sein Land. Kurze Zeit später hatten sie geheiratet – wegen der Aufenthaltsgenehmigung, damit sie bei ihm bleiben durfte.

Am Anfang lief alles wunderbar. Sie waren sehr verliebt ineinander und verstanden sich prächtig. Dass Ulla starke Raucherin war, hatte ihn, den konsequenten Nichtraucher, der er damals gewesen war, nicht gestört; jedoch nach wenigen Wochen schon begann das Drama ihrer Ehe: Ullas Eifersucht!
Ulla hatte, was für Schwedinnen untypisch war, dunkelbraune Haare. Schönes, glänzendes Haar, das glatt über ihre Schultern fiel.

Ullas Eifersucht erstreckte sich auf alle Frauen, die blond waren. Sie begann an jenem Tag, nachdem er ihr erzählt hatte, dass seine ehemalige Verlobte langes blondes Haar gehabt habe, das er sehr schön fand. Auch seine erste Frau sei eine Blondine gewesen. Ja, damit fing alles an. Erik erinnerte sich, dass Ulla ihn förmlich ausgequetscht hatte; sie wollte alles, aber auch alles über ihre Vorgängerinnen wissen, und Erik hatte arglos sein Vorleben vor ihr ausgebreitet.
Ulla dehnte ihre Eifersucht sogar auf seine zehn Jahre ältere Cousine Thea aus, die ihn überhaupt nicht weiter interessierte. Einzig und allein, weil Thea blond war. Blondinen, die im Fernsehen auftraten, gerieten zum roten Tuch für Ulla und selbst Zeitschriften, in denen blondhaarige Frauen abgebildet waren, versuchte sie fieberhaft vor ihm zu verbergen. Ja, es war wie ein Fieber, das sie gepackt hatte, dachte Erik, eine fieberhafte Eifersucht, die sich zur Manie entwickelt hatte.
Spaziergänge und Theater- oder Kinobesuche gerieten ihm zur Qual. Er wagte kaum aufzuschauen, aus lauter Angst, sein Blick könne zufällig auf eine blonde Frau fallen. Ulla hätte es sofort bemerkt und ihm zu Hause eine heftige Szene gemacht. Was konnte er bloß dagegen tun? -
Er versuchte fortan alle Fernsehsendungen zu vermeiden, in denen Blondinen auftauchten und zog sich statt dessen mit einem Buch in sein Arbeitszimmer zurück. Er erfand Ausreden, wenn sie mit ihm eine Veranstaltung besuchen oder spazierengehen wollte.

Nach ihrem zweiten Ehejahr fing Ulla mit dem Trinken an, und nahm zudem, weil sie unter Schlaflosigkeit litt, regelmäßig Beruhigungstabletten ein. Damals hoffte er noch, dass alles wieder gut werden würde, aber Ulla baute immer mehr ab. Eines Tages, er war von der Arbeit zurückgekehrt, fand er sie auf den Fliesen im Badezimmer. Sie hatte eine Überdosis Schlafttabletten genommen und war zusammengebrochen. -

„Das ist nicht die richtige Frau für dich“, nahm ihn seine Mutter jedesmal beiseite, wenn sie sie besuchten. Sie war Ulla von Anfang an nicht gut gesonnen, hatte Angst, dass Ulla ihn, ihren einzigen Sohn, eines Tages mit in ihr Land nehmen würde. Für immer.

Nachdem Ulla einen weiteren Selbstmordversuch unternommen hatte, kündigte er seine Arbeitsstelle als fester Mitarbeiter bei einer Zeitung. Er fühlte sich nicht mehr in der Lage, die Aufgaben dort zu bewältigen. Immer wieder schweiften seine Gedanken zu Ulla, die daheim auf ihn wartete und sich Gedanken darüber machte, wie viele Blondinen wohl im Verlagsgebäude beschäftigt waren.
Bald stellten sich bei ihm derart heftige Herzrhythmusstörungen ein, dass er einen Arzt aufsuchen und regelmäßig Tabletten nehmen musste.
Kurze Zeit später begann er zu schreiben: Kolumnen, Essays, Kurzgeschichten und wurde freier Mitarbeiter bei mehreren Zeitungen. Diese Tätigkeit erlaubte ihm, zu Hause zu arbeiten und Ulla im Auge zu behalten. Kinder wollte sie nicht, und er verdiente jetzt viel weniger, gerade so viel, dass beide mehr schlecht als recht davon leben konnten.

Obwohl er jetzt die meiste Zeit mit Ulla verbrachte, änderte sich wenig an ihrem Verhalten. Sie rauchte nach wie vor sehr stark und trank meist schon am frühen Nachmittag mehrere Gläser Alkohol. Und sie bekam Heimweh – Heimweh nach Schweden.

„Ich gehe zurück nach Schweden und fange dort ein neues Leben an“, sagte sie eines Abends nach einer zermürbenden Debatte, an deren Anfang er sie gebeten hatte, doch wenigstens mit dem Trinken aufzuhören. Sie hatten ihren Geburtstag gefeiert; Ulla war dreißig geworden.

Erik strich mechanisch über „Tigers“ Fell, der auf seinen Schoß gesprungen war und seinen Kopf liebevoll an seine Nase stupste, als wolle er ihm Mut machen.
„Das Leben muss weitergehen“, murmelte Erik schließlich, gab sich einen Ruck und setzte sich an seinen Computer.

An einem Tag Ende August, es waren mehr als zwei Jahr vergangen, dass Ulla ihn verlassen hatte, fand Erik in seinem Briefkasten eine umfangreiche Sendung aus Schweden. Sie enthielt das Scheidungsurteil – in schwedischer Sprache. - Ulla hatte sich von ihm scheiden lassen, nachdem er ihr einige

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