Wenn es an der Spülung hängt

von Lothar Peppel
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Das Blöde an Hinterbliebenenrente ist, dass sich ganz oft die Falschen daran laben dürfen. Nehmen wir meinen Kollegen. Das ist ein ganz feiner Kerl. Aber tot. Nun kriegt seine Frau Witwenrente. Also vom Charakter her hätte er die Rente verdient. Er saß aber auf der falschen Seite. Im Auto. Bei dem Auffahrunfall. Nun kriegt seine Gattin Geld dafür, nur weil sie damals zu ihm sagte: So besoffen wie Du bist, fährst Du aber nicht! Und dann fuhr sie selbst. Auf. Man denkt gar nicht, wie gefährlich es sein kann, wenn Dinge über die Ladefläche heraus ragen. Werkzeuge für Erdölbohrungen zum Beispiel. Nicht nachwachsende Rohstoffe sind nun einmal problematisch. Hatte der Polizist bei der Unfallaufnahme gesagt. Und: Streng besehen ist das ganze Leben nur eine Frage des richtigen Sitzplatzes. Sitzt du in der Oper neben einem von chronischem Katarrh befallenen Kautabakkonsumenten, solltest du sehr textsicher sein, denn nicht immer entschädigen surreal gesprenkelte Hinterköpfe für entgangene Arien! So muss es wohl sein, wenn verkrachte Philosophiestudenten eine Beamtenlaufbahn als Polizist einschlagen. Auch bei der Beerdigung hatte ich ein ungutes Gefühl. Sie in der weiten Bluse. Er in der engen Kiste. Und dazu kam, er war ja Atheist. Und nun stand da ein Pfarrer am Grab. Das ist, als ob du Raubkunst auf dem Klo hängen hast und fürs Scheißen Eintritt nimmst. Also irgendwie nicht richtig. Man nimmt kein Geld von Menschen in Not. Und nun stand also sie in der weiten Bluse am Grab. Und der Pfarrer ebenso. Also nicht in ihrer. Er hatte ja ein eigenes Gewand. Andererseits: Jens, also mein Kollege, hatte ja bei ihr noch nie seinen Willen durchsetzen können. So disharmonisch wie das Ende, hatte es bei den Beiden ja auch schon begonnen. “Wollen Sie, Herr Jens Wolkrott …” Da hat sie mit tiefer Stimme "Ja!" gesagt. Da kam es nun auf seinen letzten Willen wohl auch nicht mehr so genau an. Es sagt eben nur sehr viel über ihre Beziehung aus. Ich kenne da ja nun auch gar keine Statistiken, kann somit also überhaupt keine Aussage darüber tätigen, wie viele Atheisten auf Grund missachteten Letzten Willens sich momentan vorm Himmelstor die Beine in den Bauch stehen. Warum sollte Petrus auch Ungläubige akzeptieren? Der Club ist der Club ist der Club. ADAC-Ausweis hin - ADAC-Ausweis her: damit kommst du bei den Bandidos auch nicht zwangsläufig aufs Gelände. Und das Problem für uns Atheisten ist ja nun einmal, dass die Dinge, an die wir nicht glauben, unglaublich diskutabel sind. Mit dem Überirdischen ist es nämlich wie mit Rumpelstilzchen oder Frau Holle: der Beweis ihrer Nichtexistenz kostet dich mindesten genau so viele Nerven wie ein auch nur halbwegs akzeptabler gegenläufiger Beweis. Rufen Sie mal an einem Verkaufsoffenen Sonntag vorm McDonald's: “Ich habe Frau Holle gefickt! Und das Rumpelstilzchen auch!” Betretenes Schweigen. Gespräche hinter vorgehaltener Hand. Kinder werden von ihren Eltern sanft aber bestimmt Richtung Rossmann gedrängt. Rufen sie stattdessen:: “Ich habe Frau Holle nicht gefickt! Und das Rumpelstilzchen auch nicht! Aus Gründen!” Betretenes Schweigen. Gespräche hinter vorgehaltener Hand. Kinder werden von ihren Eltern sanft aber bestimmt Richtung Rossmann gedrängt. Der Allgemeinheit ist es nämlich vollkommen egal, ob nun das Eine oder das Andere stimmt. Und so suchen besorgte Bürger so ist so nach einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes. Wenn man Glück hat. Und Niemand in der Nähe ist, der die Nummer des Psychiatrischen Notdienstes auswendig rezitieren kann. Und dann gibt es ein Verwarn- und Bußgeld. Und deswegen denke ich auch oft über die Dinge nach, an die ich gar nicht glaube. Über Jens. Wir er nun für alle Ewigkeit da oben steht. Dabei ist er zu Lebzeiten nicht mal auf eine Leiter. Und wie es ihm da oben nun durch das Loch im Kopf zieht. Auch deshalb ist ein Letzter Wille unbedingt einzuhalten. In meiner Patientenverfügung habe ich jedenfalls festgehalten, keine lebensverlängernden Maßnahmen durchführen zu lassen. An meiner Frau. Heißt es denn schließlich nicht auch: Wenn's am Schönsten ist soll man aufhör'n! Der Steinmetz im Ort will 30 Euro pro Buchstabe. Ich denke, ein Adé tut's dann auch.

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