Im Buddenbrookhaus

von Annelie Kelch
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Ostermontag, 13:30 Uhr; ich öffne die hohe, schwere, grau getünchte Tür des Buddenbrookhauses - dem Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum in der Altstadt Lübecks. - „Buddenbrook“: so heißt der Roman, für den Thomas Mann 1929 den Nobelpreis für Literatur bekam.

Auf dem Flur, einem kleinen Vorraum, fällt mir sofort eine mannshohe Statue ins Auge – nein, sie ist nicht aus Marzipan, aber durchweg ungemein (dunkel)rosa. "Pink" nennt man diese Farbe wohl, ein aus dem Englischen übernommenes Wort. Das Material weist eine frappierende Ähnlichkeit mit Pappmaché auf.

Jene auffällige Figur, bekleidet mit Anzug, Hemd und Krawatte, stellt zweifelsfrei Thomas Mann dar; „ER“ steht auf einem kleinen Treppenabsatz, wohinauf drei, vier Stufen geleiten, und hält ein Buch in der Hand. - Gelesen haben er und sein Bruder Heinrich ja schon immer sehr viel.
Ich habe 'diesen Thomas' für euch fotografiert; die Aufnahme werde ich am Ende des zweiten Teils dieser Dokumentation einfügen.

Ich kaufe mir eine Eintrittskarte im Karten- und Buchshop nebenan. 11,00 Euro kostet die Führung, die zirka eine Stunde dauern soll. Später stelle ich fest, dass der Eintrittspreis durchaus angemessen ist: Bereits vorhandene Kenntnisse über „die Manns“ werden aufgefrischt, man erfährt darüber hinaus Neues und sieht am Ende der Führung durch die heiligen literarischen Hallen so manches, was einem im Laufe der Jahre über die "amazing family" Mann zu Ohren gekommen ist, in einem anderen Licht. Die vielen Fotos und Dokumente in den zahlreichen Vitrinen vertiefen diese Eindrücke.

Wir warten auf den Museumsführer - im Vorraum, dort, wo der pinkfarbene Thomas steht. Er schaut uns nicht an, blickt mit geistesabwesendem Ernst in die Ferne. Ich bin wahnsinnig gespannt, kann es kaum erwarten, mit Informationen über diese überaus interessante Familie konfrontiert zu werden – hoffentlich dauert es nicht mehr allzu lange. - Meine Uhr habe ich natürlich wieder zu Hause liegengelassen, meinen Wohnungstürschlüssel unbemerkt auf einem Tischchen verbummelt, darauf ein großes Gästebuch liegt, worin man sich eintragen kann, was ich unterlasse; Thomas, Heinrich, Erika und Klaus, die bekanntesten und berühmtesten Personen der Familie Mann, können es eh' nicht mehr lesen; sie sind längst gestorben – aber ein aufmerksamer Tourist, den offenbar die gleichen Motive wie mich hierhergeführt haben, überreicht mir mit einem freundlichen Lächeln mein Schlüsseletui. - Ich bin nicht nur entzückt, sondern auch über alle Maßen erleichtert.

Wir sind ungefähr fünf Männer und sechs Frauen; wenig später, die Führung ist bereits in vollem Gange, gesellen sich noch einige hinzu.
Nun geht es los, meine Lieben. - Wir folgen dem Museumsführer in die Ausstellungsräume, die sich im Erdgeschoss befinden. Dort, hinter schön beleuchteten Glasvitrinen, dürfen wir die Lebensläufe der Brüder Thomas (geb. am 06. Juni 1875) und Heinrich (geb. am 27. März 1871) chronologisch verfolgen. Zahlreiche Fotos und Dokumente unterstützen unseren 'Dozenten' während seiner Ausführungen.

Thomas sei ein Träumer, ein Fantast, nicht im mindesten dazu geeignet, die mehr als hunderjährige Getreidefirma weiterzuführen, vermerkt sein Vater, der Senator Thomas Johann Heinrich Mann, der anno 1891 an einer Blutvergiftung stirbt, in seinem Testament.
Die Mutter, Julia da Silva-Bruhns, eine Brasilianerin, zieht nun, nach dem Tod ihres Mannes, 1892 mit ihren drei jüngsten Kindern nach München, Heinrich, der älteste der Geschwister, beginnt eine Buchhändlerlehre in Dresden, derweil Thomas mutterseelenallein in Lübeck ausharren muss, um die Schule zu beenden, die er am 16. März 1894 mit dem Berechtigungsschein für den einjährig-freiwilligen Militärdienst und einem miserablen Abgangszeugnis verlässt (der Ärmste musste obendrein zwei Jahre wiederholen). Heinrichs Zensuren sind allerdings auch nicht besser.

Gleichwohl waren Thomas und Heinrich Mann zweifellos gebildeter als ihre Altersgenossen – einerseits vom Elternhaus her (die Mutter spielte Klavier – Schubert, Brahms, Liszt, Chopin etc., sang und las den Kindern Andersens Märchen und aus den Erzählungen Fritz Reuters vor, wobei sie das Mecklenburger Platt erstaunlicherweise besser beherrschte als irgendjemand sonst im Hause), andererseits haben beide, sowohl Heinrich als auch Thomas, sehr früh zu schmökern begonnen – und ihr könnt hundertpro davon ausgehen, dass es sich bei dieser Lektüre nicht um schnöde Tarzan-Heftchen (die gab es damals eh noch nicht) handelte, sondern durchweg um Bücher von angesehenen Autoren, als da waren und immer noch sind: Goethe, Rilke, Heine, Hesse, Zola etc.

„Ich verabscheute die Schule und tat ihren Anforderungen bis ans Ende nicht Genüge. Ich verachtete sie als Milieu, kritisierte die Manieren ihrer Machthaber und befand mich früh in einer Art literarischer Opposition gegen ihren Geist, ihre Disziplin, ihre Abrichtungsmethoden“, schreibt Thomas in seinem 'Lebensabriss' (1930).

Nach Beendigung der ihm verhassten Schule zieht Thomas zu seiner Mutter nach München und tritt dort im April 1894 als Volontär in die Süddeutsche Feuerversicherungsbank ein. Nebenbei schreibt er Lyrik und Novellen. Im Herbst 1894 hat er offenbar die Nase gestrichen voll vom Versicherungskram und wird Gasthörer an der Technischen Hochschule zu München; er will Journalist werden. Bruder Heinrich, vier Jahre älter als Thomas, übernimmt derweil die Redaktion der Zeitschrift „Das zwanzigste Jahrhundert, Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt“.

Von 1896-1898 leben Thomas und Heinrich, die sich zu diesem Zeitpunkt offenbar noch prächtig verstehen, in Italien. Sie reisen nach Venedig und von dort über Ancona und Rom nach Neapel. Am 23. Juli 1897 beziehen sie eine Wohnung im Albergo Casa Bernardini in Palestrina. Thomas schreibt mehrere Novellen und verfasst mit Heinrich zusammen ein 'Bilderbuch für artige Kinder'. Dabei handelt es sich allerdings um satirische Gedichte, Karikaturen und Phantasien, die als Geschenk zur Konfirmation von Schwester Carla gedacht sind. Heinrich, der ursprünglich Maler werden wollte, zeichnet sehr viel und sein vier Jahre jüngerer Bruder liest, was das Zeug hält („Ich verschlang, im Qualm unzähliger 3-Centesimi-Zigaretten, skandinavische und russische Literatur“, schreibt Thomas Mann über diese Zeit in seinem 'Lebensabriss').

Der Plan für „Buddenbrooks“ entsteht - zuerst als gemeinsames Projekt der Brüder Thomas und Heinrich geplant, nachdem Thomas' Novellen-Verleger S. Fischer ihn brieflich dazu aufgefordert hat, ein größeres Prosawerk in Angriff zu nehmen.

Im Herbst 1897 kehren die Brüder nach Rom zurück - in die Via Torre Argentina 34. Dort beginnt Thomas mit der Niederschrift des Romans „Buddenbrooks“ (Thomas in 'Bilse und ich': „Drei Jahre schrieb ich an dem Buche, mit Müh' und Treue“).

Er ist gerade mal fünfundzwanzig Jahre alt, als er seinen (ersten) Roman, der als erster Gesellschaftsroman in deutscher Sprache Weltgeltung erlangt, abschließt.

Teil II folgt am 20.04.2017, also übermorgen, ihr Lieben – und danke fürs Lesen ...

Das Buddenbrookhaus und ein Fenster darin, das ich - vergrößert - eingefügt habe
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heute, am 18.04.2017 geschrieben
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Kommentare

18. Apr 2017

Spannend beschrieben, mit dir habe ich das Buddenbrookhaus jetzt doch noch besichtigt ...
LG Marie

18. Apr 2017

Das freut mich sehr, Marie; solange ich hier noch wohne, darfst du gerne kommen (und natürlich auch sonst) - und wir gehen beide noch einmal hinein.

Liebe Grüße
Annelie

18. Apr 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar.
Ach, krause Bertha; es war ja noch nicht mal Halbzeit,
wärst total dun gewesen bei dem Führungsende gar.
Hättest das 'Landschaftszimmer' doppelt gar geschaut,
dich im Gesellschaftszimmer dann aufs chice Biedermeiersofa 'hingehaut'.

LG Annelie

18. Apr 2017

Gut und kurzweilig beschrieben!
(Sonst wär's bei FÜNFEN kaum geblieben ...)

LG Axel

19. Apr 2017

Herrlich beschrieben! Voller Humor und Elan! Liebe Annelie, vielen Dank dafür. Auch für die Informationen über die Familie Mann!
Freu mich auf die Fortsetzung!

Liebe Grüße Lisi

19. Apr 2017

Danke, dir sehr, Lisi, zum einen, dass du dir die Zeit genommen hast, den Text zu lesen, zum anderen für deinen lieben Kommentar.

Liebe Grüße,
Annelie