Eine Begegnung (Miniatur)

von Annelie Kelch
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Ich traf sie damals zufällig im Park. Damals – das war Mitte/Ende der Sechziger. Ich durchquerte ihn, unseren schönen kleinen Stadtpark, um schneller zu Hause zu sein. Es war bereits spät, jedoch noch hell, anderenfalls hätte ich auf die Abkürzung verzichtet. Damals wurde gemunkelt, dass unsere Gastarbeiter ein immenses Liebesbedürfnis hätten und hinter „jedem Rockzipfel her wären“. Aber das war, wie vieles, das in der Kleinstadt von Mund zu Mund wanderte, ein Gerücht. Der Park wäre mir auch ohne 'unsere kleinen Italiener' im Dunkeln unheimlich gewesen.

Sie kam mir entgegen, klein, zierlich, schnelle Trippelschritte. Ich hatte nie viel mit ihr zu tun gehabt. Wir besuchten gemeinsam die Klassen der Grundschule. Das war schon alles. Ich hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen, erkannte sie jedoch auf den ersten Blick - an den hellbrauen, ewig zerzausten dünnen braunen Locken und den immerroten Wangen.
Ich wollte freundlich mit „Hallo“ grüßen und an ihr vorübergehen – wir hatten uns noch nie viel zu sagen. Sie jedoch stellte sich mir in den Weg und richtete derart herzliche Worte an mich, dass ich gar nicht wusste, wie mir geschah. Sie war mir nie besonders aufgefallen, ein gutes kleines Mädchen vom Lande, das auch an mir kein besonderes Interesse gezeigt hatte.
Wir plauderten eine Weile in einer Vertrautheit, als seien wir beste Freundinnen – immer gewesen und mir fiel auf, wie nett sie doch eigentlich war.
Ich war spät dran, meine Eltern warteten mit dem Abendbrot, und ich bedauerte sehr, dass ich mich von ihr trennen musste. Wir haben uns nie wiedergesehen. Möglich, dass sie mir zu meiner Hochzeit eine Glückwunschkarte geschrieben hat. Ich weiß es leider nicht mehr. Es kamen so viele. In einer Kleinstadt kennt jeder fast jeden.

Ich denke noch oft und gern an diese wundersame Begegnung mit meiner Ex- Klassenkameradin zurück.

Quelle: pixabay
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Kommentare

18. Mai 2017

Seltsam, dass man sich nach winer sympathischen Feundschaft nie wieder gesehen hat.Ich hätte alles daran gesetzt, um diese Verbindung weiter blühen zu lassen. Ich gehe jetzt von meiner Warte aus. Freundschaftten aus der Kindheit, Schulzeit haben bei mir jahrzehnte lang gehalten und wurden von mir sehr gepflegt, Leider sind alle vor mir gegangen. Ich habe noch einen Kameraden, aus der beruflichen Zeit, der mit mir im selben Jahr und am selben Tag Geburtstag hat , und noch wie ich für reichlichen Unsinn sorgt.
Gott möge ihn lange erhalten !

MFG ALFRED

18. Mai 2017

Ja, lieber Alfred, das ist seltsam, dass wir uns nicht mehr über den Weg gelaufen sind. Aber so klein war Glückstadt nebst Gemeinden nun auch wieder nicht. - Und ich hatte eine "feste Freundin", der ich unbedingt treu sein wollte und es auch war. Ich ließ mich nicht 'abwerben'. Von vielen, vielen Freundschaften habe ich noch nie viel gehalten. E i n e intensive Freundschaft ist immer am besten - und auf diese Art und Weise haben Uschi und ich die Schule gut überstanden. Ich halte ihr noch heute die Treue, obwohl sie schon seit ein paar Jahren nicht mehr lebt. Eine Freundin, die besser zu mir gepasst und die ich lieber gemocht hätte, habe ich nie gefunden. Ich danke dir für deinen Kommentar.

Liebe Grüße,
Annelie

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