Fortsetzung vom 15.11.2016; Im Dickicht der Zeichen; Nora Meranes erster Fall; ein Krimi

von Annelie Kelch
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Nachdem Brendas Leichnam endlich auf dem Weg zum Gerichtsmedizinischen Institut in Grenzheim war - man hatte sie in einen Zinksarg gelegt und vor meinen Augen abtransportiert -, zog ich mein Handy aus der Jackentasche und rief Stefan an.

Ich erklärte ihm, dass das Mordopfer eine ehemalige Schulkameradin von mir sei, eine sehr spezielle dazu, mit der ich locker Kontakt hatte, die mir vor wenigen Monaten noch eine Geburtstagskarte geschickt habe und während der Schulzeit himmelschreiende Gemeinheiten erdulden musste. - Ja, Marc Keppler sei mir ebenfalls bekannt; auch er sei ein Mitschüler gewesen und habe mit mir dieselbe Klasse besucht.

„Bitte, lass mich den Fall bearbeiten, Stefan“, bat ich. „Keppler wird mich dabei unterstützen; er kennt die hiesigen Verhältnisse, lebt nach wie vor in Weidenbach und kannte Brenda Bohlau persönlich.“

„Das war von Anfang an meine Intention“, sagte Stefan.
Selbstverständlich solle ich den Mord aufklären, ich müsse es sogar, er verlasse sich darauf. Wo sollte er sonst auf die Schnelle Personal herbekommen? Alles gehe den Bach runter, Marzok säße ihm wegen der gefährlichen Autoschieberbande aus Osteuropa im Nacken, ein Fall, den man ihm schnöderweise noch zusätzlich aufgehalst habe.

„Mmmh, Moment, Nora“, sagte er plötzlich, und ich hörte, wie er sich eine Zigarette anzündete, diesmal offenbar nicht an der Kippe der vorangegangenen, die meistens wie Wachs zwischen seinen Lippen klebte; vielmehr schnippte sein Feuerzeug deutlich vernehmbar durch die Leitung.

„Wir haben einen Teilerfolg“, fuhr 'Lassie' entspannter fort, nachdem er sich den ersten Lungenzug einverleibt hatte.
"Viktor und Lars haben gestern drei Personen festgenommen, zwei Männer aus Polen und einen noch minderjährigen Burschen aus Jugoslawien, die sämtlich der Schieberbande angehören. Ihre Fingerabdrücke sind in unserer Datenbank gespeichert. Schweigen allerdings, die 'Brüder' - wie Gräber, in denen Tote liegen, die friedlich gestorben sind, frisieren recht oberflächlich Schrottwagen von Müllkippen und verkaufen sie für teures Geld. Autos, denen man rein äußerlich nicht unbedingt ansieht, dass sie nur bedingt verkehrstauglich sind und Unfälle verursachen. Skrupellose Bande.“

„Gratuliere“, sagte ich. „Das ist doch schon mal ein Anfang. Und falls Marc Keppler dich gleich anruft, beruhige ihn bitte. Er wäre vorhin beinahe ausgeflippt, als ich ihm erklärte, dass du mich vom „Brenda-Fall“ abziehen und Frank schicken könntest.“

„Kann ich mir gut vorstellen“, sagte Lassie. „Die hatten mal einen heftigen Streit. Ich glaube, es ging um die ehemalige Freundin von Marc Keppler, die sich auf einer Bullenparty mit Frank eingelassen hat. Seitdem herrscht Funkstille zwischen den beiden.“
„Ach deshalb“, sagte ich enttäuscht, „ich hatte mir schon eingebildet, dass Keppler lieber mit mir zusamenarbeiten wolle.“

„Das kommt noch hinzu, Nora“, sagte 'Lassie' charmant, „wer arbeitet nicht gerne mit dir zusammen – solange du nicht stundenlang einen auf 'Pokerface' machst.“

„Danke, Stefan, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Genau das sage ich mir auch immer, wenn ihr mal wieder mein Privatleben durchleuchten wollt: Pokerface aufsetzen und durch.“
Stefan lachte.
„Dein berühmt berüchtigtes Pokerface kennt mittlerweile das ganze Revier. Ist übrigens oft Gesprächsthema - sobald du außer Reichweite bist. - 'Hat Nora wieder ihr Pokerface aufgesetzt?', fragt dann irgendeiner und falls gerade mal niemand etwas darüber berichten kann, lachen wir uns dumm und dämlich.“

„'Dämlich' ist das richtige Wort“, gab ich zur Antwort.
Mir kam zum ersten Mal der Gedanke, Stefan über seinen Spitznamen aufzuklären, nur um zu sehen, ob ihm danach auch noch zum Lachen zumute sei.

„Hast du dort übrigens schon ein Zimmer gefunden? Du willst doch nicht ständig zwischen Weidenbach und Hellerburg hin- und herfahren?“

„Ja“, sagte ich, „das habe ich. Keppler besitzt eine Zweitwohnung ganz in der Nähe des Fundortes, neben unserer ehemaligen Schule.“

„Ach ja“, sagte 'Lassie'. „Keppler wohnt meistens bei seinem Bruder. Der leitet das Altersheim, nachdem die Eltern verstorben sind. Glaubst du, dass der Fall binnen drei, vier Wochen abgeschlossen ist? Gibt es DNA-Profile?“

„Laut Keppler sind welche vorhanden. Frage ist, ob sie etwas taugen; Brenda hat längere Zeit im Wasser gelegen.“

„Gut", sagte 'Lassie'. "Ich habe gleich eine Zeugenvernehmung. Man sieht sich. Bis dann!“

„Tschüss, Chef.“
Ich steckte mein Handy weg und verließ den Apfelgarten. Im Finstergang hielten sich noch zwei Männer von der Spurensicherung auf, die Wasserproben aus dem Graben nahmen und im Modder herumwühlten. Der lange schwarze Graben wurde von vorne bis hinten auf Spuren untersucht.
PM Jensen stand daneben und gab gute Ratschläge. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass niemand ihn beachtete.

„Tschüss, Herr Jensen“, sagte ich, „wir sehen uns sicher noch auf dem Revier.“

„Frau Merane“, verabschiedete mich Jensen förmlich und tippte an seine Dienstmütze. Es sah aus, als wolle er noch die Hacken zusammenschlagen und ich machte schleunigst, dass ich fortkam, um nicht in lautes Gelächter ausbrechen zu müssen. Keppler hatte ihm wahrscheinlich deutlich zu verstehen gegeben, dass er mich zu Unrecht mit dem Mord an Brenda in Zusammenhang gebracht hatte. Möglicherweise hatte Marc ihn sogar zusammengestaucht. Das konnte ich mir lebhaft vorstellen. In dieser Hinsicht war er Stefan ähnlich wie kein zweiter. 'Lassie' musste auch von Zeit zu Zeit Dampf ablassen.

Ich ertastete Marcs Wohnungsschlüssel in meiner Jackentasche, als ich meine Hände wärmen wollte. Es war taufrisch an jenem Frühlingsmorgen, und wenn ich an Brenda dachte, was ich zwar unterschwellig ständig tat, obgleich ich hin und wieder anderen Dingen den Vorrang geben musste, wurde mir eh kalt ums Herz.

Das Hochhaus verfügte über zwei Fahrstühle, aber ich ging zu Fuß in den zehnten Stock hinauf, hatte lange keinen Sport mehr getrieben; mein letzter Jogginglauf durch den Hellerburger Stadtpark lag bereits eine Woche zurück, und das letzte Training hatte ich geschwänzt, weil ich der Vernehmung eines Verdächtigen, den ich für unschuldig hielt, beiwohnen wollte.

Marcs Zweitwohnung stand nicht leer im Sinne von 'unmöbliert': Sie war ganz passabel eingerichtet. Vermutlich hatte er gemeint, dass sie zur Zeit nicht vermietet sei, denn sie machte einen eher sterilen Eindruck – so ganz ohne persönliche Gegenstände. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er jemals darin gelebt hatte.

Ich ging sofort in die Küche, um aus dem Fenster zu schauen.

Marc hatte recht: Man konnte den Fundort von hier sichten - in seiner ganzen gruseligen Länge und Breite; man konnte auf die Stelle im Graben blicken, darin Brenda gelegen hatte, als besagter Zeuge Kollberg sie fand – und ich erspähte Jensen, der just in dem Moment den Kopf emporhob, um Marcs Küchenfenster in Augenschein zu nehmen, als ich im Begriff war, einen Schritt zurückzutreten, damit er mich nicht entdeckte.

Fortsetzung erfolgt am kommenden Sonntag, den 20. November 2016 (Weltkindertag)

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Kommentare

18. Nov 2016

Danke dir und Krause,
schreib' im Kopf und auf Papier -
beinah' ohne Pause.

LG Annelie