Gefährlicher Sommer (Teil 15; 2. Hälfte)

von Annelie Kelch
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All das,
was wir uns vornehmen (müssen),
wird nicht in den ersten Tagen vollendet werden,
ja vielleicht nicht einmal zu unseren Lebenszeiten;
doch lasst uns beginnen.
(John F. Kennedy)

Der eigentliche Sinn des Lebens ist die Empfindung – zu spüren,
dass wir sind – und sei es auch unter Schmerzen.
(Lord Byron)

Pilze, Mannequins und Fische
(2. Hälfte)

„Endlich sieht das Kind mal manierlich aus“, ließ Oma verlauten, kaum dass ich die Schwelle zur Küche überschritten hatte. „Aber zum Frühstück kommt sie jeden Morgen zu spät.“
„Fast jeden Morgen, Omi“, korrigierte ich sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange, wodurch sie besänftigt schien.
Frühstück auf Lachau ist, wie Dir ja hinreichend bekannt sein dürfte, liebe Christine, stets mit irgendwelchen Störungen verbunden. Und die Störer hoffen inständig, dass die „Gestörten“ sie an den jeweiligen Tisch bitten, denn die Koch- und Backkünste der Weiber auf Lachau haben sich vermutlich bis nach Lübeck herumgesprochen.
Wir saßen keine fünf Minuten bei selbstgebackenem Brot, frischer Erdbeermarmelade, Schinken und Käse zu Tisch, als jemand an die Tür pochte.
„Herein, wenn es nicht gerade der Gerichtsvoll­zieher ist“, scherzte Opa gutgelaunt. Wir starrten auf die Tür. Ich hatte zu diesem Zweck gar meinen Kopf um 90 Grad gedreht.
Omas Küchentür wurde zaghaft und im Zeitlupentempo geöffnet (Leni konnte es schon mal nicht sein).
Ich verschluckte mich heftig, als ich Hannes erblickte, der zwar zögerlich, aber mit dem Kopf voran, ins Zimmer spazierte.
„Komm rein, junger Mann“, rief Opa fröhlich. „Du bist herzlich zum Frühstück eingeladen, nicht wahr, Anita?“ (… als ob Oma noch hätte „nein“ sagen können.)
„Selbstverständlich, Hannes“, sagte Oma und sprang sofort auf, um ihrem Liebling ein Gedeck zu holen. Ich bedachte Hannes mit einem neidischen Blick, den er wahrscheinlich nicht zu deuten wusste. Er sah mich fragend an. – Zu mir war Oma nie so nett. Wie stellte es dieser Kerl bloß an, dass ihn jeder mochte, allen voran die Frauen auf Lachau?
Hannes machte es sich zwischen Oma und Mutti bequem und grinste mich behaglich an. Er schien sich sauwohl zu fühlen.
„Denk dir nur, Mama“, begann Mutti plötzlich und ihre Augen funkelten verdächtig. „Hannes und Katja haben sich gestern Modezeitschriften ange­schaut. Herr Kröger will nächstes Jahr mit Hannes auf Safari nach Afrika.“
„Ich sehe da absolut keinen Zusammenhang, Martha“, sagte Oma und setzte wieder mal ihre rechte Augenbraue in Bewegung. Es kann aber auch die linke gewesen sein, liebe Christine. Mutti blickte einen Moment lang ziemlich bedeppert durch die Gegend.
„Na, der Hannes sucht passende Anzüge für sich und seinen Vater“, stotterte sie verlegen.
Hannes und ich grinsten uns an.
„Nach Afrika?“, mischte sich Opa erstaunt ins Gespräch. „Davon hat Axel mir noch gar nichts erzählt.“
Hannes lief rot an. Er ähnelte für wenige Sekunden den engelhaft flammenden Mohnblumen auf den Feldern, gleich hinterm Kuhstall. Ich war sehr gespannt, wie er sich aus der Affäre ziehen würde.
„Du brauchst ja auch nicht alles zu wissen, Edmund“, stand Oma ihrem darling Hannes bei.
„Eigentlich ist es ja auch noch ein Geheimnis, Herr Franzen“, fand Hannes seine Sprache wieder. Bitte erzählen Sie meinem Vater nichts davon, sonst bekomme ich großen Ärger. Er will es Ihnen gewiss viel lieber selber erzählen.“
Hannes blickte gespielt hilflos und mit unterwürfigem Dackelblick in die Runde.
„Keine Sorge, Hannes“, riss Oma das Gespräch an sich. „Wir verraten nichts. Wir können schweigen wie ein Grab.“
Opa sah Oma zweifelnd an, Mutti lächelte zustimmend, und ich setzte mein unverschämtestes Grinsen auf, das Hannes ganz hippelig machte. Er stieß prompt seinen Muckefuck um.
„Oh, dein schönes Hemd“, rief Oma und sprang auf. Sie ignorierte total den großen braunen Fleck auf der blütenweißen Tischdecke. Ich war sprachlos.
„Tschuldigung“, stammelte Hannes. „Das tut mir so leid, Frau Franzen.“
Verlegen nahm er Oma das Handtuch ab und begann wie ein Verückter an seinem Hemd rumzureiben.
„Die Tischdecke sollte ohnehin in die Wäsche. Jetzt lohnt es sich wenigstens“, sagte Oma.
Ich warf Mutti einen Blick zu und wusste, was sie in jener Sekunde dachte; wir hatten ausnahmsweise mal ein und denselben Gedanken: Wenn mir das passiert wäre, hätte sie ein entsetzliches Drama draus gemacht.
„Ach, weshalb ich überhaupt gekommen bin“, sagte Hannes plötzlich, und legte endlich das Handtuch aufs Büfett.
„Wir wollen zum Angeln, Katja.“
„Donnerwetter! Wo denn, mein Junge?“, fragte Opa.
„Auf der Landzunge an der Bucht vom Baggersee. Dort soll es nicht nur Brassen und Rotfedern, sondern auch jede Menge Karpfen und Hechte geben“, ereiferte sich Hannes.
„Wer sagt das?“, fragte Opa.
„Vater und Heiner haben dort schon etliche Fische gefangen.“ Hannes schien sich seiner Sache absolut sicher.
„Na dann ,Petri Heil'“, wünschte Opa. „Ein schöner Karpfen wäre mir einiges wert. Wir hatten schon lange keinen Fisch mehr. Was meinst du, Anita?“
„Den bekommen Sie von uns selbstverständlich gratis, Herr Franzen“, zeigte sich Hannes von seiner großzügigen Seite.
„Welche Köder benutzt ihr denn?“
„Einzig und allein Naturköder, Herr Franzen. Regenwürmer und Maden in gemanschten Semmeln und so“, sagte Hannes. Er griente Mutter Kleve an, die von einer Sekunde zur nächsten gelb im Gesicht geworden war und den Eindruck erweckte, als leide sie an plötzlicher Übelkeit.
„Ich ziehe mich schnell um. Wartet vor der Veranda auf mich“, rief ich Hannes zu und machte mich auf den Weg in mein Zimmer. Beim Hinausgehen fing ich seinen Blick auf. Er klebte an meinem Rock. Seine Augen waren geweitet und sein Mund stand leicht geöffnet. Das sah dermaßen unvorteilhaft aus, liebe Christine, dass ich beschloss, den Rock für den Rest der Ferien im Koffer zu lassen – damit Hannes sich nicht lächerlich macht.
Während ich die Treppen zum ersten Stock erklomm, nahm ich flüchtig wahr, dass es auffallend unerträglich nach Zigarettenqualm roch. Es ging mir nicht schnell genug, und ich wollte zwei Stufen auf einmal nehmen, anstatt die spiralförmige Treppe Stufe für Stufe langsam emporzusteigen. Den engen Rock hatte ich längst vergessen. Beinahe wäre ich vor Schreck über den unerwarteten Widerstand die Stiegen hinabgefallen, aber das Näh­garn gab im richtigen Moment nach; es machte „Raaatsch“, und die rechte Naht war bis zum Oberschenkel aufgerissen. Kleinlaut und mit schlechtem Ge­wissen erreichte ich den halbdunklen, leeren Korridor. Und ich hatte mir tatsächlich eingebildet, diese Art von Rock sei bequemer als sperrige Petticoats, an die

Collage für Teil 15, zweite Hälfte, wie immer - von mir

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Kommentare

31. Aug 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar.
Die Handlung zu entwickeln Arbeit und Vergnügen war.

LG Annelie

31. Aug 2017

Hallo Annelie,
verfolge gespannt Deinen Text.
Die Geschichte gefällt mir sehr gut,
jede Zeile ein Erlebnis und so nah
am Leben !!! Natürlich ist Dir die Collage
exzellent gelungen.
Mal schauen wie es weiter geht .....?!
Gruß, Volker

31. Aug 2017

Kompliment, Annelie, wieder spannend; auch die Collage beeindruckend, besonders das Kennedy-Zitat gefällt mir, es passt in unsere Zeit.

Liebe Grüße - Marie

31. Aug 2017

Danke, Volker, für deinen freundlichen Kommentar.
Ich freue mich sehr, dass auch du die Story liest
und mit der Handlung offenbar zufrieden bist.
Wie 's weitergeht?, ich hoffe spannender und besser doch;
der wahre Mörder wird gefasst - das weiß ich noch.
Ist schon so lange her, dass ich das Manuskript verfasst,
bin froh, dass es auch in die Zeit heut' passt.

Liebe Grüße,
Annelie

31. Aug 2017

Mariechen, danke herzlich für die Blumen.
Die Story hat wahrhaftig ein beträchliches Volumen.
Dass du mich liest, das macht mich mächtig stolz;
auch John Fitzgerald war geschnitzt aus "unserem Holz".

Liebe Grüße,
Annelie

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