Gefährlicher Sommer (Teil 15; 2. Hälfte) - Page 2

Bild von Annelie Kelch
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ich mich erst recht nicht gewöhnen konnte, geschweige denn wollte.
Am hinteren Fenster zum Park saß jemand auf der Fensterbank und qualmte. Ich erahnte die Gestalt am Ende des Flurs mehr, als dass ich sie sah. Als sich meine Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten, erkannte ich Helge. Ich lief auf ihn zu und rief so unbe­fangen wie möglich: „Grad habe ich meinen besten Rock zer­rissen. An Shorts und Nietenhosen Gewöhnte sollten keine engen Röcke tragen. Sie ver­gessen die Dinger beim Treppensteigen.“
Mein Herz hämmerte, als hätte ich einen hohen Berg erklommen, und ich hoffte inständig, dass Helge meine Panik nicht sah. Er starrte mich feindselig an. Regelrechter Hass quoll aus seinen stark geröteten Augenschlitzen. Er stank wie ein offenes Bierfass.
„Helge, was ist los mit dir?“, rief ich auf­geregt und legte mit einem unermesslich schlechten Gewissen für drei Sekunden meine Hand auf seine Schulter. Einen Moment lang empfand ich echtes Mitleid mit ihm.
Der Hoferbe schüttelte ungestüm meine Hand ab, warf die Zigarette auf die Holzdielen, direkt vor meine Füße, und trat sie aus, indem er mit seinen schweren Gummistiefeln darauf herumtrampelte, als wollte er sie zermalmen und in den Boden stampfen.
Gleich bin ich an der Reihe, schoss es mir durch den Kopf, und ich trat rasch einen Schritt zurück.
„Kümmert euch um euren eigenen Mist. Ich warne dich, Katja Kleve,“ zischte er und spie seinen üblen Speichel vor mir auf die Dielen aus. Dann drehte er sich um und stapfte nach unten. Mir war vor lauter Angst speiübel geworden, aber ich hob vorsichtig die zerdrückte Kippe auf und nahm sie mit in mein Zimmer. Ich dachte dabei an die Gnädigste, die mit Recht ziemlich ungehalten gewesen wäre, wenn sie den Stummel dort entdeckt hätte. Mit einem Tempotaschentuch säuberte ich die Holzdielen im Flur. Dann fiel mir plötzlich ein, dass ich heute Morgen, bevor ich nach unten zum Frühstück ging, meine Zimmertür abgeschlossen hatte und wenn mich nicht alles täuschte, hätte ich eben gar keinen Schlüssel zum Öffnen ge­braucht. Aber ich war dermaßen durcheinander, liebe Christine, dass ich einen Irrtum meinerseits nicht ausschließen konnte. Hastig öffnete ich den Kleiderschrank und prüfte die Riegel am Koffer. Sie waren verschlossen und unbeschädigt. Gott sei Dank.
Ich beförderte die Zigarettenkippe in einen kleinen Plastik­beutel, nachdem ich ein paar Wattebäuschchen daraus entfernt hatte. Wer weiß, wozu das arme, gequälte Ding noch gut war. Vielleicht fand man im Wald, in der Nähe des Tatortes, Exemplare derselben Marke, falls der Regen sie nicht völlig aufgeweicht hatte. Ich schloss den Plastikbeutel zu den Mode­heften im Koffer ein, streifte den zerrissenen Rock ab, zog Nietenhosen und einen unauffälligen Pulli an.
Konny, der Gute, hatte bereits Lenis Fahrrad aus dem Schuppen geholt. Er war mit einer dun­kelgrünen, kurzen Lederhose und einem karierten Hemd bekleidet. Kora saß auf ihrem Fahr­rad, das an der Verandamauer gelehnt war, und strahlte mich aus ihren him­melblauen Augen fröhlich an.
„Hallo, Katja“, rief sie. „Auf zur Fischjagd.“ Ich be­grüßte die Geschwister, die gestiefelt und gespornt auf Hannes' Kommando zur Abfahrt harrten, und warf einen vorsichtigen Blick in die Eimer, die an der Lenkstange von Lenis Fahrrad hingen. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn Hannes mir den Transport der Köder zugedacht hätte: Maden in Semmelknete. Igittigitt! – Aber zum Glück waren die Eimer leer.
„Da kommen die Karpfen für deinen Großvater hinein“, sagte Konny. Seine Augen funkel­ten abenteuerlustig hinter den dicken Brillengläsern.
„Erst fangen, dann prahlen“, lachte Kora. „Aber wie – mit dem Gammelzeug, das ihr gesammelt habt!? Elritzen wären bessere Köder.“
Ich machte Hannes, der mit der Tagespost für Hof Lachau in der Hand an der Verandatür lehnte, und stirnrunzelnd die Briefe und Karten betrachtete, ein Zeichen, dass ich ihn unbedingt sprechen müsse.
„Fahrt schon mal vor“, rief er Konny und Kora zu. „Du kennst ja den Weg, Konny.“
„Ach ja! Geheimnisse! Wie immer!“, fauchte Konny ihn an.
„Leg sofort die Post wieder zurück auf den Tisch, Hannes. Sei nicht so neugierig wie ein altes Weib“, sagte ich, aber da stand Leni schon hinter ihm und riss ihm den Stapel mit Briefen aus der Hand.
„Wer hat dich denn damit beauftragt, die Post zu sortieren, Hannes?“, schimpfte sie. „Äh, ich wollte sie überhaupt nicht sortieren“, stotterte Hannes.
„Das ist ja noch schlimmer!“, empörte sich Leni.
„Wieso denn? Ich wollte nur mal nachschauen, ob Post für meinen Vater dabei ist. Das wird ja wohl noch erlaubt sein. Weshalb regst du dich denn so auf, Leni, Schönste?“ Hannes lächelte versöhnlich.
„Komm mir bloß nicht wieder auf diese Tour“, keifte Leni schlechtgelaunt (wahrscheinlich wegen Helge, liebe Christine, der heute reichlich arbeitsunfähig wirkte). „Das macht der Axel schon selber. Darum brauchst du dich überhaupt nicht zu kümmern. Und heute Abend könnt ihr euch mal nützlich machen. Die Hühner haben Appetit auf Brennnesseln. Am Graben neben der Pferdekoppel wächst genug von dem Zeug. Davon könnt ihr ein paar Körbe voll rupfen. Verstanden?“
„Ja-haaa, Leni, ist ja schon gut“, sagte Hannes.
„Und überhaupt! Wer ist hier ein altes Weib?“, rief Leni uns nach, als wir auf den Rädern saßen und im Begriff waren, den Hof zu ver­lassen. Das galt mir. Ich duckte mich ein wenig, als würde Leni mir vor lauter Wut eine alte Steckrübe hinterherwerfen. Zuzutrauen war es ihr, in dem Zustand, in dem sie sich zu jener Stunde befand, Christine.
Wir bogen in die herrlich kühle Allee mit ihren gewaltigen Baumriesen, den herrlichen Kastanienbäumen, deren dicke, weitausladende Äste und Zweige ineinandergriffen und ein schattiges Laubdach formten.
Herr Kröger bog mit dem Traktor in die Baumreihe.
„Wo wollt ihr hin, Hannes?“, fragte er und brachte das Fahrzeug zum Stehen. Wir stiegen von den Rädern.
„Zum Angeln, Papa“, sagte Hannes. „Katjas Opa hat auch Fisch bestellt.“
„Angelst du mir auch einen Fisch, Katja“, fragte Kröger und lachte mich freundlich an.
Herrgottnochmal, Christine, weshalb lässt mich dieser Mensch nicht endlich in Ruhe.
„Ich werde sehen, was ich tun kann, Herr Kröger“, gab ich mit ernster Miene zur Antwort.
„Ich freue mich auf deinen Fisch, Katja“, sagte Kröger, griente und ließ den Traktor an.
„Was ist denn mit deinem Vater los, Hannes?“, fragte Kora. „So fröhlich habe ich den

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Kommentare

31. Aug 2017

Starke Bilder, geschickt komponiert -
Die Story weiter fasziniert!

LG Axel

31. Aug 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar.
Die Handlung zu entwickeln Arbeit und Vergnügen war.

LG Annelie

31. Aug 2017

Hallo Annelie,
verfolge gespannt Deinen Text.
Die Geschichte gefällt mir sehr gut,
jede Zeile ein Erlebnis und so nah
am Leben !!! Natürlich ist Dir die Collage
exzellent gelungen.
Mal schauen wie es weiter geht .....?!
Gruß, Volker

31. Aug 2017

Danke, Volker, für deinen freundlichen Kommentar.
Ich freue mich sehr, dass auch du die Story liest
und mit der Handlung offenbar zufrieden bist.
Wie 's weitergeht?, ich hoffe spannender und besser doch;
der wahre Mörder wird gefasst - das weiß ich noch.
Ist schon so lange her, dass ich das Manuskript verfasst,
bin froh, dass es auch in die Zeit heut' passt.

Liebe Grüße,
Annelie

31. Aug 2017

Kompliment, Annelie, wieder spannend; auch die Collage beeindruckend, besonders das Kennedy-Zitat gefällt mir, es passt in unsere Zeit.

Liebe Grüße - Marie

31. Aug 2017

Mariechen, danke herzlich für die Blumen.
Die Story hat wahrhaftig ein beträchliches Volumen.
Dass du mich liest, das macht mich mächtig stolz;
auch John Fitzgerald war geschnitzt aus "unserem Holz".

Liebe Grüße,
Annelie

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