Der alte Mann in der U-Bahn, der alte Mann im Zug

Bild von edmundmorel
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Vor Jahren traf ich einen alten blinden Mann mit Doktortitel in der U-Bahn, ein Osteuropäer vermutlich, seinen Namen schreibe ich aus Datenschutzgründen hier nicht. Er hat mir von seiner (wie ich finde, guten) Idee erzählt: Ein Alphabet für die deutsche Sprache, die jedem Laut genau einen Buchstaben zuordnet, also nur ein Zeichen für "sch" statt drei und eines für "ch" und so weiter. Er erzählte mir, dass er diese Idee an Germanistik-Professorinnen und Professoren geschickt habe, und viele hätten ganz positiv reagiert. Seine Tragik liegt meiner Meinung nach darin, dass solche "Kurz-Ideen" nicht für wissenschaftliche Veröffentlichungen geeignet sind, leider. Ich musste leider aussteigen, er hat mir noch erzählt, dass er keinen Internet-Zugang hat, wie gesagt, er war blind und sehr alt. Ich habe seinen Namen weder im Telefonbuch gefunden noch googeln können, ich hätte ihm sehr gerne geholfen, indem ich eine Internetseite oder einen Blog für ihn angelegt hätte. Das beste wäre gewesen, wenn ich meinen Termin sausen hätte lassen, wenn ich in der U-Bahn geblieben wäre und ich ihm meine Telefonnummer oder Wohnadresse gesagt hätte, bzw. für seine sehenden Angehörigen aufgeschrieben hätte. Wenigstens habe ich mir seinen Namen gemerkt, so dass ich für ihn und seine Idee irgendwann "Werbung" machen kann (ich weiß nicht, ob er noch lebt).

Ein anderes Mal traf ich im Zug einen alten Mann, der in Teilen Afrikas ein kleiner Prominenter gewesen ist (er war ein Weißer, ein Überlebender des Zweiten Weltkriegs), da er dort Schwimmtrainer gewesen war, die Einheimischen nannten ihn den "Water-Man". Er meinte, manche Menschen stächen aus der Masse hervor, durch bestimmte Leistungen oder durch Talent, aber manche auch durch Grausamkeit oder wieder andere durch Humanität/Menschlichkeit. So vermischte er in seiner Erzählung seine Lebensphilosophie mit seinen Erinnerungen, über den Krieg berichtete er z.B. dass sowjetische Soldaten sinnloserweise gezwungen wurden, gegen deutsches Maschinengewehrfeuer anzurennen. (Anmerkung von mir: Krieg an sich ist niemals sinnvoll, dennoch hat natürlich Kriegs- bzw. Kampfstrategie eine "innere Logik", und rein suizidales Verhalten, das "nichts bringt", ist definitiv "unlogisch", in dem Sinn, dass der Angreifer davon nicht profitiert, im Gegenteil). Ich musste dann aussteigen aus dem Zug, der alte Mann schien zufrieden mit seinem Leben, seinen Kindern und Enkeln und mit seiner Lebensleistung als "Water-Man" in Afrika.

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