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Gefährlicher Sommer (Teil 18) - Page 3

Bild von Annelie Kelch
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hinter einem Dunstschleier verkrochen, und über dem Park schwebte eine Nebelbank, die gegen das Licht kämpfte, als wolle sie ihm den Weg versperren; aber man ahnte die Sonne bereits: Nach und nach würde sie die grauen Schwaden zerfetzen. Bis auf wenige weiße Wölkchen erstrahlte der weite Himmel in einem optimistischen Azur, ausnahmsweise mal so, wie der Wetterbericht der gestrigen Tagesschau es prophezeit hatte.
Auf dem Dach lag noch Tau, und die aufgeregten Spatzen, die sich auf den Ziegeln niedergelassen hatten, tschilpten unverdrossen das Blaue vom Himmel herunter, die reinsten Schimpftiraden, Christine. Ich musste unwillkürlich an Omi denken. Aber gegen die Spatzen hatte noch nicht mal sie eine Chance.
Durch das geöffnete Fenster strömte der süße Duft der Hoflinden, und ich blinzelte so lange in das Zwielicht der Morgendämmerung, bis die kühle Luft zu meinen nackten Füßen hinunterkroch.
Ich trödelte müde in meinem Zimmer herum. Es war noch früh, erst kurz nach halb sieben, als "Macheath" unverwechselbarer Pfiff ertönte und sämtliche Lebensgeister in mir heraufbeschwor. Hannes stand reisefertig, mit einer schwarzen Umhängetasche bewaffnet, die über seiner rechten Schulter hing, auf dem Rasen deiner Tante, liebe Christine. Wie ich später von Leni erfuhr, war die gute Agnes zu jenem Zeitpunkt bereits zum Einkaufen nach Beckum unterwegs.
Ich schwang mich aus dem Fenster und hangelte mich am stabilen Efeu-Spalier Richtung Hinterhof, auf welchem die Spatzen vor lauter Schreck das Zetern vergaßen. Und nie im Leben werde ich den entgeisterten Blick vergessen, mit dem Hannes, morgenbleich wie eine zarte Lilie, meine Kletterkünste am Rankgitter verfolgte, das Knut gefertigt hatte, weshalb ich diesem Gerüst vorbehaltlos vertraute.
„Mensch, Katja“, staunte Hannes, als ich wohlbehalten und munter auf der mit Kies bestreuten und von Efeu überwucherten Terrasse gelandet war. „Das hätte ich dir nie und nimmer zugetraut.“
„Was?“, fragte ich übermütig, „dass ich so gut klettern kann oder dass ich mich traue, bei helllichtem Tag den Weg durchs Fenster zu nehmen?“
„Beides“, gab Hannes zur Anwort und raffte hastig ein paar Efeuranken zusammen, die bei meiner Klettertour herabgefallen waren.
„Diesen schnöden Frevel an der Lachauer Natur darf die Gnädigste auf gar keinen Fall entdecken“, nörgelte er und sah mich vorwurfsvoll an.
„Ach, Hannes“, sagte ich. „Sei bloß nicht so kleinlich. Das ist doch jetzt zweitrangig, um nicht zu sagen schnurzpiepegal. Wichtig ist, dass du vorsichtig bist und wachsam und besonnen an die Sache herangehst. Solltest du bis Mittwochabend gegen acht Uhr noch immer nicht zurück sein, verständige ich die Polizei.“
„Nein, bloß das nicht, Katja“, regte sich Hannes auf. „Vertraue bitte vorher meinem Vater an, dass Helge das Maskenungeheuer ist. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Wort von unserem Verdacht in Sachen Knut. Versprochen? Falls ich aus irgendwelchen Gründen später auf Lachau eintreffen sollte, informiere ich Tante Selma telefonisch, okay?“
„Ja, Hannes“, lenkte ich ein.
Wir betraten den Hof und begrüßten Luchs, der unter dem vorspringenden Dach des Pferdestalls genächtigt hatte, und schwanzwedelnd an uns hochsprang. Ich bat Hannes, ihn bis nach Müggenbusch begleiten zu dürfen. Er war von meinem Wunsch begeistert, und ich beförderte eifrig und hocherfreut Lenis müden Gaul aus dem Schuppen.
Wir rollten auf unseren Rädern in den herrlichen Sommermorgen hinaus. Hannes' Augen glimmten mattgrau im Morgenlicht. Das Dorf lag noch im Schlummer. Die Wiesen und Kornblumenfelder zu beiden Seiten der Dorfstraße glitzerten im Tau, und ich sah unser beider Atem in der kühlen Morgenluft vorausschweben; aber die Silhouette der Mondsichel suchte ich am Himmel vergeblich.
Durch ein weißes Wolkenband blinzelte die müde Sonne gedämpft durch die hartnäckige Nebelbank der Morgenfrühe. Jedenfalls sah es so aus, als machte sie sich endlich daran, die Tauperlen aus den grünen Wiesen zu schlürfen.
Die kleinen Bauernhöfe schlummerten zerstreut zwischen den Feldern, rot-weiß geklinkert unter tief gezogenen Strohdächern, als hätte man ihnen riesige Hüte übergestülpt. Die sauberen Hofplätze davor waren noch menschenleer: Nirgendwo tollten Kinder zwischen den hohen Bäumen, die die Wohnhäuser beschatteten, umher; nirgendwo ruhten Altenteiler auf den Bänken unter den sommerlichen Eichen und Linden oder unter dem Ahornlaub. Aus der Ferne blökten ein paar Schafe, Hühner gackerten in ihren Gehegen, das Schnauben der Hofgäule drang wie ein leises Prusten auf die Dorfstraße hinaus, und die rotbunten Kühe grasten bereits friedlich auf den Wiesen und Weiden. An einem der vielen Zäune stand ein alter Schimmel und knabberte gedankenverloren an einem Holzpfahl, und am fernen Horizont ruhte der Lachauer Forst: ein geheimnisvoller dunkler Streifen, der das Dorf wie ein riesiges Band umgab. Die Welt war wunderschön, obgleich Hannes gerade im Begriff war, mich vorübergehend zu verlassen.
„Sieh nach vorn, Katja“ meckerte Hannes. „Oder bist du etwa die Schwester von ,Robert-Guck-in-die-Luft'? So heißt doch dieser Dämlack aus der Struwelpeter-Schwarte, der voll auf die Schnauze fliegt?“
„Ins Wasser, Hannes“, berichtigte ich sanft, „nur ins Wasser.“
„Egal, trotzdem extrem blöd“, griente Hannes und scheuchte ein surrendes kleines Untier fort, das es sich auf seinem Arm gemütlich gemacht hatte. Ich riskierte heimlich einen letzten Blick auf den schmalen Grasstreifen neben dem Straßenrand, der nahezu überquoll von Butterblumen und Klee, bevor ich mich auf die enge Fahrbahn konzentrierte. Was Hannes nur wieder hatte! Um diese Zeit war kaum mit Verkehr zu rechnen. Brenzlig wurde es höchstens, wenn plötzlich der Bus hinter einer der Kurven anrollte, oder wenn, wie aus der Erde gestampft, ein Trecker aus einer Auffahrt auf die Landstraße bog.
Es ist wirklich ein Jammer, liebe Christine, dass du in diesen Ferien nicht hier sein kannst. Jeder Tag hatte uns bisher das lieblichste, wenn auch etwas zu heiße Wetter beschert. Hannes war sehr schweigsam (was äußerst selten bei ihm vorkommt), aber auch mir stand nicht der Sinn nach großen Reden, mal ganz davon abgesehen, dass die Turmuhr der Dorfkirche Viertelstundenschläge über die aus dem Schlaf erwachten und leise knisternden Getreidefelder entsandte. Es war mittlerweile viertel nach acht. Oma Anita wartete gewiss schon mit dem Frühstück auf mich und schaute bereits mit strenger Miene auf ihre feudale Armbanduhr, um die Zeit zu stoppen.
„Pass bitte auf dich auf“, bat ich Hannes zum hundertsten Mal. „Hast du auch Block und Bleistift mitgenommen, um eventuelle Aussagen von Helge aus der Akte abschreiben zu können?“
„Daran habe ich zuerst gedacht, Katja. Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen. Ob du es glaubst oder nicht: Die Sache beginnt langsam, mir Spaß zu machen.“
Ich sah ihn erschrocken an.
„Na, ja, ich meine selbstverständlich die Sache mit der Registratur. – Und du gib bitte gut auf Kora und Konny acht. Ach ja, und vergiss nicht, dass sich Helge in eurer Nähe befindet. Mann, ich hab vielleicht eine Angst um euch. Jetzt schon. Kaum, dass ich vom Hof weg bin. Und nun fahr zurück, Katja, bevor sich deine Oma wieder wegen des Frühstücks aufregt.“
Wir bremsten unsere Räder, und Hannes, dessen Haare vom Fahrtwind total durcheinandergewirbelt waren, pfefferte seines achtlos ins Gras. Er nahm mir Lenis Vehikel aus der Hand und warf es daneben, und ehe ich etwas sagen konnte, schlang er seine Arm um meinen Hals und küsste mich. Für einen Augenblick versank die krumme Dorfstraße, versanken auch die durstigen Felder und blühenden Wiesen ins Nirwana. Es gab nur noch Hannes und mich auf der Welt. Ich hatte ein wahnsinniges schlechtes Gewissen wegen Harry, liebe Christine, weshalb ich dieses große Ereignis nicht in jenem Maße genießen konnte, wie zu genießen es Anspruch gehabt hätte. Unser Kuss dauerte höchstens zehn Sekunden, aber er war mit das Beste, was mir bisher passiert war. Harry hat es leider noch nicht für nötig gehalten, mich auch nur annähernd zu küssen.
Hannes benahm sich danach verlegen wie ein kleines Mädchen, was ich niemals für möglich gehalten hätte. Er schwang sich sofort auf sein Stahlross und brauste davon. Da ich kein bisschen unter Mundgeruch leide, liebe Christine, muss diese unfassbare Handlung als pure Verlegenheit aufgefasst werden. Jedenfalls werde ich fortan wesentlich mehr Skepsis an den Tag legen, wenn er mir wieder mal eine seiner Casanova-Geschichten auftischen will. Trotzdem war ich ziemlich verwirrt und stand einen Moment lang wie betäubt am Straßenrand. Dann hob ich Lenis Fahrrad auf und umklammerte mit beiden Händen den Lenker, während ich Hannes weiterhin unverwandt nachblickte. Plötzlich drehte er sich um und winkte. Er strahlte übers ganze Gesicht – fast wie die Sonne an diesem Tag, die sich mittlerweile in voller Größe und Klarheit hoch oben am wolkenlosen Himmel zeigte. Am liebsten wäre ich Hannes auf der Stelle gefolgt.
Aber dann, auf dem Rückweg, dachte ich an nichts anderes mehr als an die Predigt, die Oma und Mutti mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit für mich vorbereitet hatten. Ich malte mir aus, was sich an Bösartigkeit über mich ergießen würde, und als mir dann auch noch Helge auf Herkules entgegenritt, packte mich das kalte Grauen. Helge warf demonstrativ einen Blick auf seine protzige, vergoldete Armbanduhr und verzog seine Lippen zu einem hämischen Grinsen.
Blödmann, dachte ich. Aber dieser Ausdruck ist noch viel zu harmlos für diesen Mistkerl. – Bald geht es weiter im Text, liebe Christine. Und halte uns bitte die Daumen, damit Hannes die Akte findet und unversehrt zu uns zurückkehrt; anderenfalls bin ich geliefert.

Collage zu Teil 18; Abschied von Hannes

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Interne Verweise

Kommentare

19. Sep 2017

Auch ohne wilde Action bleibt
Es lesenswert - wenn man so schreibt!

LG Axel

19. Sep 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar.
Wild action - lediglich das Klettern dort von ganz weit oben.
Bei Bertha wär 's Spalier gebrochen, weil sie schwerer war;
die schmalen Bretter hätten sich total verbogen.

LG Annelie

19. Sep 2017

Bin begesitert von der neuen Collage,
besonders von der kleinen Annelie rechts oben im Bild.

Liebe Grüße - Marie

19. Sep 2017

Liebe Marie, auf dem Foto war ich bereits 15 oder 16 Jahre alt. Ich war doch meistens ein braves Kind, das artig gegessen hat, was auf den Tisch kam und selbst mit 16 Jahren immer noch ihren Kakao ausgetrunken hat. Um 20:00 Uhr war ich oft bereits mit drei, vier Büchern in der Falle, hab noch zwei, drei Stunden gelesen und war morgens immer fit in der Schule, wenn auch nicht gerade sehr aufmerksam im Matheunterricht. Danke für deinen lieben Kommentar.

Liebe Grüße zu dir,
Annelie

20. Sep 2017

Liebe Annelie, auch ich war eine Leseratte, in Ermanglung spannender Jugendliteratur habe ich mich durch den ganzen häuslichen Bücherschrank geschmökert - ohne alles zu verstehen. Und im Mathe-Unterricht habe ich oft geträumt und dann nicht mitbekommen, wie die eine oder andere Formel entwickelt wurde. Wir haben wohl einiges gemeinsam ...

Liebe Grüße - Marie

20. Sep 2017

Ja, liebe Marie, das ist mir im Laufe der Zeit auch bereits aufgefallen, und ich freue mich sehr darüber, mit dir etwas gemeinsam zu haben. Ich habe mir in der Vergangenheit aus den Hamburger Bücherhallen des Öfteren Mathematikbücher ausgeliehen und daraus sogar noch gelernt, um nicht allzu dumm dazustehen - so sehr bereute und bereue ich immer noch meine Unachtsamkeit im Mathematikunterricht. Ein ganz klein wenig lag es auch am Mathelehrer; denn wenn wir mal Vertretung hatten, war ich viel aufmerksamer.

Liebe Grüße,
Annelie

19. Sep 2017

Hallo Annelie,
ein klarer Text, geistreich, brillant und amüsant.
Wenn man also etwas Gutes lesen will, muss man
die ganze Geschichte aufnehmen !
Sehr unterhaltsam und total lesenswert.
Bravo.
LG Volker

20. Sep 2017

Danke, lieber Volker, für deinen dem Text freundlich gesinnten Kommentar. Es wird noch sehr, sehr heftig, insbesondere für Katja - und ich sinniere bereits über die letzten beiden Kapitel, die noch nicht geschrieben sind. Danke sehr für dein Lob, das mich - wie immer - aufgemuntert hat.

Liebe Grüße,
Annelie

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