Nur noch einmal ...

von Annelie Kelch
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Im Dämmer entgleiten mir Brücke und Baum
Weit und still träumt am Stadtrand der Fluss ...
Abendglocken stürmen durch Zeit und Raum
Ich weiß längst, dass ich fortgehen muss.

Nur noch einmal, was ich mir heiß ersehne
Nur noch einmal von dir einen Kuss …
Nur noch einmal mit dir diese Liebesszene
Nur noch einmal von dir einen Gruß.

Blaue Stunde, geig mir die Schicksalsballade
Beim Lauschen erblüht mir ein Schmerz
Das Meer, mein Lieb, von Gestad zu Gestade
Weiß mehr als dein pochendes Herz.

Blaue Stunde, ich weigre mich weiterzuleben
Aus deinem Aug lächelt bitter der Tod
Was gilt hier auf Erden ein Menschenbeben
Was gilt hier auf Erden die Not ...

Nur noch einmal, was ich mir heiß ersehne
Nur noch einmal am Niemandsort ...
Nur noch einmal mit dir unter Quarantäne
Nur noch einmal ... dann muss ich fort.

Foto: pixybay, stark verändert
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Kommentare

11. Sep 2018

Liebe Annelie,trug dein Gedicht nicht eben gerade noch einen anderen Titel?
Kommi folgt, wenn meine Kinder in Ruh gegessen , erzählt und Hausaufgaben gemacht haben..
bis dann.
So viel vorab: sehr schön! Liebe Grüße
Anouk

11. Sep 2018

Liebe Anouk, vorab: Uwe hatte auch "Blaue Stunde" im Titel; deshalb habe ich ihn geändert. Und guten Appetit. Ja, Hausaufgaben sind sehr wichtig.

Liebe Grüße,
Annelie

11. Sep 2018

Liebe Annelie,
deine wunderbaren Gedichte sind Jumbo-Jets, die mich unvermittelt in ganz unterschiedlichste Gefühlsgefilde bringen und selbst dann Glück erzeugen, wenn sie zutiefst wehmütig sind! Kunst ist mir das einzige Spirituelle.
Hatte seltsamerweise (aber zufällig) auch soeben ein Gedicht mit dem Thema Blaue Stunde eingestellt... musste dabei an Klingers tolles Gemälde denken.
Blau scheint höchst anregend zu sein?
LG Uwe

11. Sep 2018

Danke, lieber Uwe, für Deinen Kommentar und für Dein schönes Lob, über das ich mich sehr gefreut habe. Blaue Stunde: Stimmungsvolle Zeit während der Abenddämmerung sorgt für Poesie, da magst Du rechthaben. ,Klingers tolles Gemälde' ist mir momentan nicht im Gedächtnis, aber ich werde es gleich googeln. Danke für den Tipp.

LG Annelie

11. Sep 2018

Ein hervorragendes Gedicht mit tiefem Inhalt, das mich berührt, es ist keine Frage des Alters, wir alle, ob jung oder alt, sollten um die Vergänglichkeit des Lebens wissen und stets für den Absprung bereit sein, ja, wenn man in herbstlicher Abschiedsstimmung ist, wünscht man sich an Sehnsuchtsorte zurück, um Trost zu finden; diese banalen Wort fallen mir zu Deinem traurig-schönen Gedicht ein, liebe Anne-Li,

sei herzlich gegrüßt - Marie

11. Sep 2018

Liebe Marie, danke für Deine schönen Worte, die ich überhaupt nicht banal finde. Ich habe mich in einen verzweifelten Menschen hineinversetzt, und in der Tat ist es doch so, dass ein kleines Menschenleben, das ja kaum mehr als ein Beben ist, nicht viel wert ist auf dieser Welt, geschweige denn, seine Not, anderenfalls würden keine Kriege geführt, gebe es keine Waffen etc. Kein Wunder, dass viele Menschen verzweifeln - auch angesichts zunehmender Gewalt und Arroganz unter den Menschen, die durch nichts gerechtfertigt ist, im Gegenteil, je geringer das Wissen, desto größer oft die Arroganz. Inspiriert zu diesem Gedicht hat mich Joseph von Eichendorff.

Liebe Grüße,
Annelie

11. Sep 2018

"Nur noch einmal..." Wie Hammerschläge, viellt auch hypnotisch, diese Aussagen vom lyr.Ich und Du. Melancholie und Endlichkeit vor dem Bild der blauen Stunde.Du überrascht immer wieder, liebe Annelie, mit Deiner Lyrik.Ein lieber Gruß von Ingeborg

11. Sep 2018

Liebe Annelie, das hatte ich nicht mal gemerkt , dass ein weiteres Gedicht mit identischem Titel von Uwe hochgeladen wurde - zu sehr springe ich heute am Laptop zwischen unterschiedlichen Fenstern und Aufgaben bzw. Programmen hin und her. Ich war bloß irritiert, dass der Titel vor dem Anklicken deines Gedichtes ein anderer schien als beim Öffnen und Lesen des Gedichts.

Dieser neue Titel scheint mir mindestens ebenso gut zu passen wie "Blaue Stunde".

"Das Meer, mein Lieb, von Gestad zu Gestade
Weiß weit mehr als ein pochendes Herz."
Es ist oft schwer, als Mensch, einsehen zu müssen, dass es eine höhere Weisheit, einen höheren "Lenker" (sprich: Planer) gibt und wir kleinen Menschen uns dem beugen müssen. Es spricht große Liebe , große Verbundenheit , ein riesengroßer Schmerz aus deinen Versen. Diese Diskrepanz zwischen dem pochenden Herzen , das liebt und dem "auferzwungenen Abschied" greift wie eine kalte Faust ans eigene Herz des Lesers.
Mir gefallen die Passagen der (abgewandelten) Wiederholungen. Es macht das Ganze noch eindringlicher.

Es ist sehr schön geworden und sehr tief in seiner Botschaft.
Liebe Grüße von Anouk

11. Sep 2018

Liebe Anouk, vielen herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Erst einmal: Ich ändere ja öfter die Titel meiner Gedichte. Manchmal habe ich den Eindruck, diese werden nur dann wirklich gelesen, wenn der Titel Reißerisches verspricht. Reißerisches versprechen meine Titel wohl nie. Ganz egal sind mir die Titel ja auch nicht, und wenn Du dir mal die Titel anschaust, die z.B. Rilke verwendet hat, so wirst Du feststellen oder hast bereits festgestellt, das er seinen Gedichten stets sehr einfache Headlines gegeben hat. Es würde mir nicht im Traume einfallen, ein Gedicht wegen seines Titels zu lesen, sofern dieser nicht extrem banal oder extrem obszön wäre; dann nämlich erst recht nicht. Du hast die Diskrepanz in meinem Gedicht erkannt und und sehr poetisch - einfach supergut - formuliert. Ich dachte beim Schreiben, wie ich zuvor bereits Ingeborg schrieb, auch an die Königskinder, ein uraltes Lied, dass ich u.a. früher mit meinen Schwestern oft gesungen habe. Mein Vater konnte dieses Lied besonders gut singen; er hatte eine ausgebildete Stimme wie Tauber oder Rudolf Schock - obwohl er Raucher war. Nichts konnte seiner Stimme etwas anhaben. Ich habe sie noch im Ohr, obwohl er längst begraben ist.

Liebe Grüße,
Annelie

11. Sep 2018

Danke, liebe Ingeborg, herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Ich freue mich sehr, dass Dir auch dieses traurige Gedicht gefallen hat. Ich dachte beim Schreiben auch ein wenig an das Lied/vertonte Gedicht: "Es waren zwei Königskinder ...", ein sehr, sehr alter und zu Herzen gehender Text.

Liebe Grüße,
Annelie

11. Sep 2018

Nur noch einmal!? Ja und dann?
Dann fängt das Sehnen von vorne an …
Ein volles Herz wird immer Gründe finden,
um der tiefen Momente sich zu entsinnen …

Liebe Grüße aus dem s o n n i g e n Marienthal
Soléa

11. Sep 2018

Danke, liebe Soléa, für Deinen poetischen Kommentar. Ich freue mich für euch, dass ihr in Marienthal noch schönes Wetter habt. Ich habe heute so viel zu schreiben gehabt, dass ich gar nicht an der frischen Luft war. Das hole ich morgen nach, muss eh einkaufen und habe einen Termin, den ich keinesfalls versäumen darf.

Liebe Grüße zu Dir
(ich habe ihnen den Weg im Atlas gezeigt; sie wollten
hitchhiken, also per Anhalter nach Marienthal ...
hoffentlich passiert meinen Grüßen unterwegs nichts;
ich wäre untröstlich, wenn sie Dich nicht erreichten),
Annelie

11. Sep 2018

Per Anhalter! In dieser Zeit?
Sag, bist du noch ganz gescheit :-)
Wie's aussieht, sind sie eh geflogen,
kamen gerade im hohen Bogen …

Gute Nacht ……
Soléa

11. Sep 2018

Dann kann ich jetzt in Ruhe lesen,
das wars für heute dann gewesen.
Bis morgen also, guten Schlaf
und grüße meine Grüße brav.

Schöne Träume,
Annelie

12. Sep 2018

Wunderschön geschrieben, es hat mich an ein Gedicht von Alfred Margul-Sperber erinnert:

Wer weiß, was Traum ist?
Der sich verliert,
Dort wo der Pfad
Ins Dunkle führt.

Wer weiß, was Rausch ist?
Der ganz versank,
Bis er vom eignen
Blute trank.

Wer weiß, was Glück ist?
Ein Tropfen Leid,
Ein Tropfen Schuld
Und Bitterkeit.

Liebe Grüße
Ephraim

12. Sep 2018

Danke, lieber Ephraim, für Deinen Kommentar und für Dein Lob. Das Gedicht von Alfred Margul Sperber gefällt mir sehr gut. Ich habe mir sogleich nach dem Lesen vorgenommen, alle Gedichte von ihm zu lesen, alles ... Dann erfuhr ich auch noch, dass er in der Bukowina zur Welt gekommen ist und Förderer von Paul Celan und Rose Ausländer war. Das hat mich sofort für ihn eingenommen.
Vielen, vielen Dank ...

Liebe Grüße,
Annelie