Draußen auf der Straße

von Alfred Plischka
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Sein Hund liegt vor ihm am Straßenrand und auch er selbst liegt wie ein Hund auf dem Trottoir, eine Pappschachtel flehend denen entgegengestreckend, die an ihm vorbeigehen.
Es sind Passanten, Alte und Junge, die ein paar Münzen hineinwerfen, sei es, um vielleicht ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, sei es, dass sie meinen, in eventuell spontan empfundener Rührseligkeit dem Anspruch christlicher Nächstenliebe genügen zu müssen.

Einige Halbstarke dagegen haben nur das verächtliche Wort "Penner" für ihn übrig, andere Unverbesserliche wiederum sehnen die Zeiten Adolf Hitlers herbei, unter dem es so etwas angeblich nicht gegeben habe.

Ein eisiger Wind weht durch die Straßen und man sieht dem alten Manne an, dass die durchfrorenen Nächte an ihm ihre Spuren hinterlassen haben: Frostbeulen an den Wangen und Händen, die zu platzen drohen -Wundmale des Geschundenseins durch Wind und Wetter.

Aber es ist nicht so sehr seine körperliche Versehrtheit, die erschrecken lässt, es ist vielmehr dieser unsäglich traurige Anblick seines Gesichtes, in dem sich die Hilflosigkeit eines Mannes widerspiegelt, der sich von Gott und der Welt verlassen fühlt - allein auf sich gestellt und ohne festen Wohnsitz, der zufälligen Hilfe seiner Mitmenschen ausgeliefert.

Das einzige, was er noch auf dieser Welt besitzt, ist sein Kamerad, der Hund, sein Ersatz für fehlende menschliche Wärme und Kommunikation - sein Partner fürs Leben. Ein erbärmliches Bild für fehlende menschliche Zuwendung, das einen frösteln lässt, weil Menschen anscheinend nicht bereit sind, es zu verändern.

Eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, die Einkaufstaschen prall gefüllt, sieht sich auch - mehr oder weniger - genötigt, dem obdachlosen Mann ein paar Centstücke in die Pappschachtel zu werfen, ein willkommenes Alibi für eine konsumorientierte Shopping-Tour, der man nun doch ein zusätzliches Maß an geschuldeter Großzügigkeit abgewinnen sollte, um auch der Armut in dieser Welt mit einem Obulus zu begegnen.

Nach ein paar Metern reißt sich das Mädchen plötzlich von der Hand seiner Mutter los, befreit sich von dem wärmenden wollenen Schal um seinen Hals und begibt sich zurück zu dem alten Mann am Straßenrand, der es mit fragenden Augen erstaunt anschaut. Das Mädchen zögert nicht lange.
Fürsorglich legt es ihm seinen Schal um den Hals und verknotet ihn zu einem wärmenden Polster.
Wenn Blicke sprechen könnten, hätten sie in diesem Moment ihre Sprache gefunden. Es ist die Sprache der Dankbarkeit, die aus den Augen des alten Mannes spricht, der sich in seiner Not von einem kleinen Mädchen verstanden fühlt, ihm dies mit seinen Augen zu verstehen gibt und die Wärme, die das Mädchen ihm entgegenbringt, mit seiner Freude über das, was ihm widerfahren ist, verschmelzen lässt.

Ob die Begegnung mit dem kleinen Mädchen
dem alten Mann Hoffnung für die Zukunft gibt?
- Wir wissen es nicht, doch vielleicht hat er heute ein kleines Stück dieser Hoffnung wiedergefunden. - Wie heißt es doch: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder .... !"

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Kommentare

21. Apr 2019

Liebe Monika,
vielen Dank für deine wohlmeinenden Zeilen.
Wünsche dir sonnige Ostertage.
LG Alfred